Das erste Jahr als Flüchtling

Flüchtling berichtet von ihrem ersten Jahr in Deutschland

Das erste Jahr als Flüchtling

Wie konnte dieses Jahr einfach so vorbeigehen, wie alle anderen Jahre? Ein Jahr des Grübelns, des Exils und der Entfremdung, ein Jahr voller Heimweh und Sehnsucht, und mit so wenig normalem Leben.

An diesem Tag gibt es nur Raum für die Erinnerung, die Erinnerung an Basmane, diesen Hof in Izmir, wo alle Platz fanden, von denen die einen am Leben blieben und die anderen starben, die einen konnten ihr Haupt auf Kissen betten, die anderen schiefen auf dem Bürgersteig oder in einem alten Hotel, das besser für Fliegen als für Menschen geeignet war, die einen mussten sich mit Sandwiches begnügen, die anderen hatten genug Geld, um ruhig im Restaurant zu speisen, wobei diese Ruhe gleichzeitig Raum gab für Sättigung und Angst, Sättigung des Hungers und Angst vor dem drohenden Tod.

Ich erinnere mich an ein Auto, in dem zig Personen transportiert wurden, von denen einige vielleicht zum ersten Mal zu Gott beteten. Manche schrien wie Tiere in einer Herde, die sich damit abgefunden haben, wie eine Herde getrieben zu werden, ohne zu wissen, wo hin. Ich erinnere mich an ein Boot, wo die Passagiere routinemäßig terrorisiert wurden, statt willkommen geheißen zu werden. Dies war möglich, weil die Passagiere sowieso verängstigt waren, seitdem sie sich zur Flucht entschieden hatten.

Das Meer ist vor allem unberechenbar, das hört man jedes Mal wenn vom Meer gesprochen wird. Weder die Unberechenbarkeit des Meeres noch ein guter Freund, der mir gut zuredete konnten mich dazu bringen, dem Meer zu vertrauen und die Angst zu überwinden, die umso stärker war, da ich nicht schwimmen kann.

Neue Länder, neue Sprachen, unterschiedliche Menschen, denen ich unterwegs und in meiner Phantasie begegnet bin, flüchtige Eindrücke, die schnell vorüber zogen. Schnelle Enttäuschungen, ich schüttelte den Kopf und sie verblichen, seltsame Enttäuschungen, die rasch aus der Seele und aus dem Sinn verschwanden. Ein Flüchtlingsheim wie ein Gefängnis ohne Ketten und ohne Gefängniswärter. Unbekanntes Essen zu festgelegten Zeiten, nicht dann wenn man hungrig oder satt ist, Appetit hat oder nicht, so dass ich nie vergessen konnte, dass ich tatsächlich Flüchtling geworden war.

Eine Geflüchtete, die sich nicht an die Sitten ihres neuen Ersatzlandes gewöhnen kann, das dauerhaft zu sein scheint. Eine Geflüchtete, die allen fremd ist und der alles fremd ist: die Farbe der Haut, der Haare, der Sprache und der Seele.

Jeden Morgen wache ich auf und wiederhole in Gedanken wie die Worte aneinander gereiht werden, falls ich einem der vormals Fremden begegnen sollte.

Flüchtling berichtet von ihrem ersten Jahr in Deutschland

Eine Geflüchtete, die die Unterschiede findet zwischen den Dingen und den Namen, den Gesichtern und Farben, wo der Vergleich für sie der einzige Weg ist, sich an die gewohnten Dinge ihrer Heimat zu erinnern. Eine Geflüchtete, die versucht, einen guten Eindruck zu machen, erschöpft von den schlechten Eindrücken, die manche hinterlassen haben, die den Ruf der anderen beschädigt haben, zu denen auch sie gehört und die es nicht verdient haben.

Eine Geflüchtete, die Arbeit sucht, um nicht mehr nur Flüchtling zu sein, um von den Einheimischen nicht als jemand betrachtet zu werden, der in einem Land wohnt, das ihm nicht gehört, und Dinge in Anspruch nimmt, auf die er keinen Anspruch hat.

Eine Geflüchtete, die Sehnsucht und Heimweh in Worten über Facebook übermittelt, die dadurch Kommentare und Likes erhält aber auch Missgunst bei anderen Menschen hervorruft, deren Wirkung aber schnell vergeht, so dass sie wieder einsam ist, aber nicht wie ein einsamer Stern in einem bedeckten Himmel! Hier kann sie die Sterne nicht sehen, weil hier der Sommerhimmel nicht so ist wie in ihrer Erinnerung.

Sogar die Jahreszeiten kann man hier alle innerhalb eines Tages erleben. Die Kälte des Winters ist viel zu kalt, der Herbst dauert in diesem Land lange, wobei die Vegetation immer grün bleibt, man sieht Bäume die grün bleiben, ohne dass man weiß warum.

Ich habe lange überlegt, ob ich meinen Nachbarn zum Dank Blumen schenken sollte, nicht weil sie mir ein Gefühl der Sicherheit gegeben haben oder mich so behandelt haben, wie die Leute in meiner Heimat, sondern weil sie mir nicht ablehnend oder aggressiv entgegen getreten sind.

Ja, mit den Leuten hier hat man nicht mehr gemeinsam als den täglichen Gruß und ein künstliches Lächeln von beiden Seiten. Weder du noch sie sind zufrieden mit deiner Anwesenheit hier. Das Lächeln ist nur eine gehobene Form der Heuchelei.

Als Geflüchtete bin ich wie eine Erstklässlerin in der Schule, die noch das Alphabet und die Wörter lernen muss und mit ihren Klassenkameraden spielt und manchmal den Unterricht stört. Aber die Lehrerin schlägt mich nicht und schimpft mich nicht aus, weil ich eine erwachsene Geflüchtete bin, die in der ersten Klasse ist und in weniger als einer Woche Fahrradfahren gelernt hat.

Das erste Jahr als Flüchtling  und ich bin in meinem dritten Lebensjahrzehnt. Die Vernichtung meiner Wünsche wird den Rest meines Lebens begleiten. Das erste Jahr als Flüchtling, und die Erinnerungen wecken noch immer meine Sehnsucht.

Moufida Ankir