Johanna Börgermann, Schülerin im Vorstand der Landesschülervertretung NRW

"Redet mit uns, nicht über uns" - Was Schüler:innenvertreter in Corona-Zeiten fordern

Stand: 06.02.2022, 09:04 Uhr

Corona zermürbt. Nicht zuletzt die Abiturienten. Sie fürchten um ihre Abschlüsse, weil die Lernbedingungen in Pandemie-Zeiten alles andere als ideal sind. Ein Gespräch mit Johanna Börgermann von der Landesschüler:innenvertretung (LSV) NRW über #WirWerdenLaut.

Bislang haben sie sich zurückgehalten. Doch jetzt erheben Schülerinnen und Schüler ihre Stimme. #WirWerdenLaut – unter diesem Hashtag haben Jugendliche eine Petition gestartet. Damit wollen sie darauf aufmerksam machen, dass die Situation an Schulen angesichts von Corona ganz einfach das ist: unerträglich.

Angespannt ist die Lage nicht zuletzt für die Abschlussjahrgänge - also etwa junge Leute, die kurz vor dem Abitur stehen. Zu ihnen gehört Johanna Börgermann. Die 19-Jährige besucht das Städtische Gymnasium in Löhne und ist Mitglied im Vorstand der Landesschüler:innenvertretung (LSV) in NRW. Wir sprachen mit ihr.

WDR: Für Sie selbst, aber auch für Tausende andere Schülerinnen und Schüler starten in Kürze die Abiturprüfungen. Wie waren die Lernbedingungen in der zurückliegenden Zeit angesichts von Corona?

Johanna Börgermann: Ganz unterschiedlich. Es hat ja in den zurückliegenden beiden Pandemie-Jahren Phasen gegeben, wo es nur Homeschooling gab, die Schulen also geschlossen waren. Da waren diejenigen im Vorteil, die ein Laptop hatten und damit von zu Hause aus am Unterricht teilnehmen konnten. Aber es gab und gibt auch Kinder und Jugendliche, bei denen das nicht der Fall war und ist. Hier ist ganz klar versäumt worden, Schülerinnen und Schüler mit digitalen Lernmitteln auszustatten.

WDR: Von fairen Lernbedingungen für alle kann also keine Rede sein?

Börgermann: Nein, faire Lernbedingungen gab es nicht. Insofern ist auch die Vergleichbarkeit von Lernerfolgen bei Einzelnen eine Illusion.

WDR: Was kann man denn jetzt tun, um den Abschlussjahrgängen ein Stück entgegenzukommen?

Börgermann: Da ist einiges denkbar. Zum Beispiel Lerninhalte anpassen.

WDR: Wie kann das konkret aussehen?

Börgermann: Keine zentralen, sondern dezentrale Prüfungsaufgaben stellen. Damit könnten individuelle Lernfortschritte der Schulen besser berücksichtigt werden. Der teils enorme Leistungsdruck ließe sich reduzieren, indem es Kürzungen im Lehrplan gäbe oder dort Schwerpunkte gesetzt würden. Ebenfalls denkbar wäre, Abschlussnoten, die aufgrund der Pandemie vom eigenen Leistungsstand abweichen, zu gewichten und bei der Berechnung des Durchschnitts entsprechend zu berücksichtigen.

WDR: Ist die Landesschülervertretung NRW ausreichend in Entscheidungsprozesse, was Corona und Schule angeht, eingebunden?

Börgermann: Aktuell leider nicht. Es wird über unsere Köpfe hinweg entschieden – und das finden wir unmöglich. Wir haben jede Menge zu sagen, was sich endlich ändern muss in den Schulen angesichts von Omikron, und zwar abgesehen von den Abschlussjahrgängen. Wir brauchen zum Beispiel endlich Luftfilter in den Schulen, die Lerngruppen müssen verkleinert werden. FFP2-Masken müssen für Schülerinnen und Schüler kostenlos sein. Die Liste, was nötig ist, ließe sich jetzt noch weiter fortsetzen.

WDR: Was fordern Sie ganz akut?

Börgermann: Redet mit uns, nicht über uns. Und wichtig ist auch, jedes Kind mit einem digitalen Helfer wie ein Laptop auszustatten. Und mit Blick auf die Abschlussjahrgänge: Passt die Inhalte an.

Corona an Schulen in NRW: "Mehr Fragen als Antworten"

WDR 5 Morgenecho - Interview 04.02.2022 10:26 Min. Verfügbar bis 04.02.2023 WDR 5


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WDR: Sie gehören zu den Erstunterzeichnern der Petition #WirWerdenLaut – Schulen in der fünften Welle. Sind Sie davon überzeugt, dass sich tatsächlich kurzfristig etwas verändert?

Börgermann: Ich hoffe. Mit der Petition soll ja auch erreicht werden, Schülerinnen und Schülern mehr Gehör zu verschaffen. Aber es geht auch darum, mittelfristig etwas zu verändern. Die derzeit fünfte Corona-Welle ist womöglich nicht die letzte. Nötig ist jetzt ein Signal der Politik, dass für den Herbst 2022 und die Zeit danach die richtigen Maßnahmen für die Schulen auf den Weg gebracht werden. Zum Beispiel darf der Einbau von Luftfiltern in Schulen nicht weiter verschlafen werden.

Das Interview führte Sabine Meuter.

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