Wald als "Seismograf des Klimawandels"

Wald als "Seismograf des Klimawandels"

Von Nina Magoley

Nach drei Jahren Dürre und heftigen Stürmen ist es um den Wald in NRW schlecht bestellt. Beim Hochwasser aber habe er gut funktioniert, sagte die NRW-Umweltministerin bei einem Ortstermin unter Buchen.

Eigentlich gibt es seit Jahren keine guten Nachrichten mehr über den Wald in NRW - es geht ihm so schlecht wie noch nie zuvor. Dennoch konnte NRW-Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) am Montag wenigsten das vermelden: "Ohne den Wald wäre die Hochwasser-Katastrophe noch dramatischer ausgefallen." Mit ihrer gewaltigen Speicherkraft hätten die Waldböden einiges an Regenwasser aufgehalten.

Die Umweltministerin war am Montagmorgen in den Königsforst bei Köln gekommen, um sich dort erneut ein Bild vom Zustand des Waldes zu machen. Die aktuelle Hochwasser-Katastrophe habe gezeigt, "dass der Klimawandel in Nordrhein-Westfalen angekommen ist". Nach Stürmen, Dürren und Waldbränden sei es jetzt der Starkregen. Der Wald, so Heinen-Esser, sei ein Seismograph des Klimawandels und massiv betroffen.

Hochwasser hat auch Forstwege zerstört

In den Haupt-Hochwassergebieten der Eifel, des Sauerlandes und des Bergischen Lands sind durch den Starkregen offenbar auch Schäden an Wald- und Forstwegen entstanden, die teilweise nicht befahrbar sind. Bahnstrecken wurden zerstört, über die bis vor kurzem unter Hochdruck Borkenkäferholz abtransportiert wurden. Denn bis zum Einsetzen des Regens ging es vor allem darum, die befallenen Bäume so schnell wie möglich zu entsorgen. Gerade startet die zweite Flugphase des zerstörerischen Borkenkäfers, es ist Eile angesagt.

Das Land stelle daher kurzfristig 2,4 Millionen Euro bereit, um die Wälder in den betroffenen Regionen nach dem Unwetter schnell wieder aufzuräumen, verkündete Heinen-Esser.

Schnelles Aufforsten nach "Waldbaukonzept"

Umweltministerin Heinen-Esser mit Stephan Schütte, Leiter des Regionalforstamts Rhein-Sieg-Erft

Umweltministerin Heinen-Esser mit Förster Stephan Schütte

Der Termin mit der Ministerin fand in einem Waldstück statt, das besonders deutlich zeigt, in welch kläglichem Zustand der Wald ist: Nur noch einige wenige Douglasien ragen dort empor, drumherum gerade mal hüfthoch neue Bäumchen - Buchen, Eichen, Linden. Die alten Bäume sind der Trockenheit oder dem Käfer zum Opfer gefallen.

Es gehe nun darum, den löchrigen Wald mit einer Kombination aus natürlich nachwachsenden und vom Menschen hinzugefügten Arten aufzuforsten, um ihn möglichst schnell für den Klimawandel zu rüsten, erklärte Stephan Schütte, Leiter des Regionalforstamts Rhein-Sieg-Erft. "Wenn man das dem Wald alleine überlässt, dauert das 200 bis 300 Jahre". Im "Waldbaukonzept" des Landes ist genau definiert, wie der Plan dazu aussieht.

Private Waldbesitzer ohne Vorgaben

63 Prozent des Waldes in NRW ist allerdings in Privatbesitz. Nach dem Gesetz können Waldbesitzer pflanzen, was sie wollen - im Zweifel das, was ihnen beim Handel mit Holz am lukrativsten erscheint. Die Landesregierung hat dabei bislang nur ein Druckmittel: Wer Fördergelder zur Aufforstung bekommen will, muss sich an das Waldbaukonzept und die Vorgaben zur Mischung von Laub- und Nadelholz halten. "Das Gros" der privaten Waldbesitzer beantrage aber solche Fördermittel, sagte Heinen-Esser: Von den für 2021 rund 75 Millionen bereitgestellten Euro seien bereits über 44 Millionen als Anträge bewilligt worden.

Wirtschaftsfaktor Wald - was ist er uns wert?

WDR 5 Profit 22.05.2021 24:46 Min. Verfügbar bis 22.05.2022 WDR 5


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30,8 Millionen Kubikmeter "Käferholz" wurden aus den Wäldern NRWs seit Beginn der "Borkenkäferkalamität" 2018 entfernt. Ob der Käfer in diesem Jahr wieder so zuschlage wie zuvor, hänge von den weiteren Witterungsbedingungen ab. Wichtig sei, dass die Wurzeln der toten Nadelbäume im Boden verbleiben, sagte Förster Schütte: Die Wurzeln sorgen für Feuchtigkeit im Boden und verhindern Erosion auch durch Starkregen.

Waldzustandserhebung gestartet

Unterschiedlich lichte Buchen im Königsforst bei Köln

Buchen in unterschiedlicher Verfassung

Ob sich das insgesamt kühlere und feuchtere Wetter in diesem Jahr positiv auf die Wälder auswirkt, soll die Waldzustandserhebung zeigen, die derzeit gerade startet. Lutz Jaschke und sein "Team Waldinventur" des Landes haben gerade mit der alljährlichen Beobachtung begonnen. Seit 1984 werden in ganz NRW rund 10.000 speziell markierte Bäume einmal im Jahr untersucht. Mit Ferngläsern begutachten die Experten den Zustand der Baumkronen und notieren ihn auf einer Skala. Im November, so Jaschke, könne dann der nächste Waldzustandsbericht veröffentlicht werden.

Buchen stark gelichtet

Bei den Buchen beispielsweise diagnostiziert Jaschke im Durchschnitt bereits 29 Prozent Blattverlust. Beim Ortstermin mit der Umweltministerin zeigt er eine Buche, die schon 40 Prozent ihrer Blätter in der Krone eingebüßt hat. Wie lange sie noch leben wird? "Schwer zu sagen", meint der Baumexperte. Es könne sogar vorkommen, dass sich eine Buche wieder regeneriert: "Wenn sie es schafft, ihr Wurzelsystem besser auszubauen - oder wenn die Konkurrenz drumherum weniger wird." Damit der auch Wald künftig noch große Regenmengen auffangen kann, wäre wohl beides notwendig: Gute Wurzeln und die Konkurrenz.

Stand: 26.07.2021, 16:01

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