Waldbrände in Südeuropa: Zeichen für den Klimawandel?

Waldbrände in Südeuropa: Zeichen für den Klimawandel?

Heftige Waldbrände toben in vielen Ländern Südeuropas. Meteorologen warnen, dass die Situation durch noch extremere Hitze in den nächsten Tagen schlimmer werden könnte. Ist der Klimawandel schuld?

Ulrich Cimolino ist Branddirektor bei der Feuerwehr Düsseldorf und ausgewiesener Experte für Wald- und Vegetationsbrände. Die Bekämpfung von Waldbränden ist auch das Thema seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 2014.

WDR: Herr Cimolino, aus vielen Ländern Südeuropas werden verheerende Waldbrände gemeldet. Ist es schlimmer als in den vergangenen Jahren?

Porträt von Ulrich Cimolino

Ulrich Cimolino

Ulrich Cimolino: Es ist eine ungewöhnliche, aber keine außergewöhnliche Situation. So etwas wiederholt sich alle paar Jahre. Ursache ist der Scirocco, also ein Mittelmeer-Windsystem, das heiße Luft aus Nordafrika Richtung Italien und Griechenland bläst. Dieses ist für die extreme Hitzewelle in Süd- und Südost-Europa verantwortlich und damit auch für die zahlreichen Waldbrände. Der Scirocco ist übrigens ein immer wieder auftretendes Wetterereignis, kein Klimaphänomen.

WDR: Der Klimawandel hat nichts mit den Bränden zu tun?

Ein Traktor mit brennendem Strohbündel im Schlepp in Sizilien

Aschedüngung in Sizilien

Cimolino: Doch. Die globale Erderwärmung macht die Vegetation trockener und erhöht so die Brandgefahr. Aber es gibt auch Ausnahmen. In Spanien, Italien und Portugal ist die Zahl der Waldbrände seit dem Jahr 2000 zurückgegangen. Das hängt unter anderem mit der Landwirtschaft zusammen. Bis vor einigen Jahrzehnten war vielerorts die Methode der Aschedüngung noch weit verbreitet. Dabei werden die Felder angezündet. Diese Feuer haben sich sehr oft auf Nachbarfelder und auch auf Wälder ausgebreitet.

Inzwischen wird Aschedüngung nicht mehr so oft angewendet, was sich positiv ausgewirkt hat. Außerdem sind die örtlichen Feuerwehren bei der Bekämpfung von Waldbränden viel besser aufgestellt als früher. Wenn es brennt, können die Feuer allerdings heftiger ausfallen: Ursache dafür ist der Rückgang bei der landwirtschaftlichen Nutzung des Landes. Auf Brachflächen bildet sich Steppe, die immer weiter verwildert und in trockenen Jahren bei viel Wind und großer Hitze eine erschreckende Feuerdynamik entwickeln kann.

Eine Grafik zeigt die Brandherde an der türkischen Mittelmeerküste. Betroffen sind unter anderem Marmaris, Side, Alanya und Adana.

Mindestens sechs Menschen kamen bei Waldbränden in der Türkei ums Leben.

WDR: Was löst die Brände aus?

Cimolino: Meist handelt es sich um fahrlässige Brandstiftung, zum Beispiel eine achtlos weggeworfene Zigarettenkippe. Auch der heiße Katalysator eines auf trockener Wiese geparkten Autos kann die Ursache sein oder Funken von einer heiß gelaufenen Landmaschine. Aber viele Brände wurden auch vorsätzlich gelegt - zum Beispiel um neues Bauland in Waldgebieten zu erschließen.

Inzwischen haben viele Länder darauf reagiert und erlauben für eine gewisse Zeit keine neuen Bauprojekte in gerade abgebrannten Gebieten, besonders wenn es Hinweise auf Brandstiftung gibt. Das klappt nicht immer zu 100 Prozent, aber viel besser als in früheren Jahren.

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WDR: Hierzulande sind Brände aktuell eher kein Problem. Schützt der verregnete Sommer uns auch im kommenden Jahr?

Cimolino: Der Eindruck täuscht: Im Osten brennt es zurzeit sogar sehr häufig. Nur im Westen Deutschlands gibt es in diesem Sommer mehr Regen als in den Vorjahren. Im Jahr 2020 war es genau andersrum. Die feuchte Wetterlage in NRW hat den Vorteil, dass die Bodenspeicher wieder aufgefüllt werden.

Wäre es auch in diesem Jahr trocken geblieben, hätten wir ein echtes Problem gehabt: Einmal, weil die Vegetation noch weiter ausgetrocknet und leichter entzündlich gewesen wäre. Außerdem wäre die Arbeit der Feuerwehr noch schwieriger geworden, weil natürliche Wasserquellen fehlen. Der verregnete Sommer könnte also die Waldbrandgefahr im Westen bis zur nächsten längeren Trockenperiode verringern.

Das Interview führte Andreas Poulakos.

Als der Wald im Westen brannte Heimatflimmern 16.04.2021 43:59 Min. UT AD Verfügbar bis 14.04.2022 WDR Von Brigitte Büscher, Benjamin Braun

Stand: 31.07.2021, 18:06

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