Warum (nicht) verraten, wen man wählt?

Eine Collage von Dunja Hayali, Caren Miosga, Jan Fleischhauer, Lutz Van der Horst und Carola Rackete.

Warum (nicht) verraten, wen man wählt?

Von Barbara Schmickler

Was wir glauben, wen wir lieben oder was wir essen – darüber sprechen viele Menschen offen. Aber preisgeben, wo sie ihr Kreuzchen bei der Wahl machen, ist oft ein Tabu. Warum?  

 "Wen wählst Du?" - Was für eine unverschämte Frage! Wer will das schon öffentlich sagen? Zu verraten, welcher Partei man seine Stimme gibt, ist für viele Menschen ein No Go. Klar, das Wahlgeheimnis ist ein wichtiger demokratischer Grundpfeiler, der gewährleistet, dass Wähler:innen frei von Druck und Einfluss von außen wählen dürfen. Deswegen sind zum Beispiel auch Selfies in der Wahlkabine verboten. Aber: Was ist so verwerflich daran, zu fragen: „Wen wählst Du?“. Parteien tragen in der Demokratie schließlich wesentlich zur Willensbildung bei.

In Schubladen festgetackert?

Warum ist die eigene Wahlentscheidung so ein Tabu? MONITOR hat darüber mit Menschen gesprochen, die in der Öffentlichkeit stehen und sich gerne öffentlich äußern. Für die Journalistin Dunja Hayali ist die eigene Wahlentscheidung etwas extrem Privates. Was sie jedoch verwundert: Warum Menschen sich schwer täten, zu einer Partei zu stehen – wenn sie denn eine hätten. Sie vermutet, weil sie nicht auf „Schubladen festgetackert“ werden wollten.

Protagonist bei Wen wählst du

Der Kolumnist Jan Fleischhauer

Der Kolumnist Jan Fleischhauer meint, dass die meisten Menschen die Zustimmung ihres näheren Umfeld suchten - und Irritationen vermeiden wollten. Der Polit-Satiriker Lutz van der Horst sieht den Grund auch in unserer Geschichte: "Wir kommen aus einer Diktatur, im Dritten Reich war es oftmals nicht klug, seine politische Meinung zu äußern."

Glaubwürdigkeit vs. persönliche Haltung?

Protagonisten bei Wen wählst du

Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga

Aber das Tabu brechen und sich selbst öffentlich bekennen? "Damit das Fernsehpublikum mich als neutrale Person glaubwürdig und vertrauenswürdig findet, sollte es nicht wissen, was meine persönliche Haltung zu Politik ist und wen ich wähle", sagt die tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga gegenüber MONITOR. Im Gegensatz dazu hat Fleischhauer kein Problem damit als Journalist zu sagen, wen er wählt.

Für Lutz van der Horst gibt es einen Unterschied zwischen "dem privaten Lutz und dem, der Politsatire macht". Privat spreche der Comedy-Autor darüber, vor der Kamera nicht. Wen er wählt, will auch Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus nicht sagen. Klar ist für ihn: Die AfD kommt nicht infrage: "Die AfD ist alles andere als eine demokratische Partei. Wenn sie an die Macht kommt, müssen wir unsere Koffer packen."

Privileg, wählen zu dürfen

Wählen ist für Kapitänin und Klima-Aktivistin Carola Rackete vor allem eins: ein Privileg. Wenn sie könnte, würde sie für ein Gesetz sorgen, dass auch den fast zehn Millionen Erwachsenen in Deutschland ein Recht zur Wahl gibt, die schon jahrelang hier wohnen, aber nicht auf Bundesebene wählen dürfen. Für sie stellt sich die Frage mit dem Tabu nicht.

Stand: 15.09.2021, 10:38

Weitere Themen

Aktuelle TV-Sendungen