Beauty Apps vermarkten Gesichtsdaten

00:59 Min. Verfügbar bis 18.02.2023

Vorsicht vor Beauty-Apps: Einige vermarkten Gesichtsdaten

Stand: 18.02.2022, 15:33 Uhr

Biometrische Daten, wie das eigene Gesicht, sind besonders geschützt. Doch einige Selfie-Apps verkaufen nicht nur die üblichen Nutzerdaten weiter, sondern sogar biometrische Daten von Nutzern – sogar den Haut-Ton. WDR-Digitalexperte Jörg Schieb erklärt, was dahintersteckt.

Von Jörg Schieb

Es gibt Dutzende von Selfie-Apps, mit denen sich Selbstporträts nach allen Regeln der Kunst nachbearbeiten lassen: Nase kleiner, Augen größer, Gesicht schmaler, Haut-Ton optimieren und auf Fingertippen auch noch etwas Make-Up und schönere Wimpern. Solche Beauty-Apps sind millionenfach im Einsatz vor allem bei weiblichen Usern extrem beliebt – damit die bei Instagram und Co. eingestellten Fotos auch garantiert optimal aussehen.

Apps verarbeiten sensible biometrische Daten

Doch damit die Trickeffekte funktionieren, analysieren die Apps das Gesicht – unsere biometrischen Merkmale. Wie die Recherchen des Portals mobilsicher.de zeigen, müssen alle, die solche Selfie-Apps mit Optimierungsfunktionen verwenden, damit rechnen, dass biometrische Daten nicht nur erfasst, sondern auch gespeichert und mitunter sogar weitergegeben und zu Werbezwecken verkauft werden.

Die Experten von mobilsicher.de haben sich sechs der populärsten Apps genauer angeschaut. Ausnahmslos alle haben Daten weitergegeben. Einige davon geben aber sogar höchstpersönliche Informationen weiter, etwa Angaben zum Hauttyp – und das sogar in Kombination mit weiteren persönlichen Daten, wie Name oder aktueller Aufenthaltsort. Besonders ungeniert in Sachen Datenweitergabe ist nach diesen Recherchen die App "Perfect365".

Der Anbieter der App gibt sogar zu, solche Daten weiterzugeben. In den Nutzungsbedingungen der App findet sich sogar der ausdrückliche Hinweis, dass "biometrische Daten" erfasst und zu Werbezwecken weitergegeben werden.

Viele Apps verarbeiten Daten rechtswidrig

Doch ein solcher Hinweis allein reicht nicht aus. Der auf IT-Recht spezialisierte Anwalt Christian Solmecke stellt klar: "Biometrische Daten werden in der DSGVO unter einem besonderen Paragrafen geregelt – und gelten als ganz besonders schützenswert". Eine Weitergabe sei unter keinen Umständen ohne Einwilligung erlaubt. "Ein Hinweis in den AGB oder nur in der Datenschutzerklärung, reicht definitiv nicht aus", stellt Solmecke klar. Es müsste also ganz besonders noch mal ein Extrahinweis her, den User auch anklicken müssen.

Die App Perfect365 sieht sogar die Weitergabe biometrischer Daten in den AGBs vor;

Dabei basiert das Geschäftsmodell von Apps wie Perfect365 nicht mal nur auf Werbung oder die Weitergabe von Daten: Die Macher lassen sich neben der Datenweitergabe laut Mobilsicher auch von Kosmetikunternehmen dafür bezahlen, dass Nutzer deren Produkte dort virtuell ausprobieren können. Darüber hinaus gibt es auch noch In-App-Käufe. Trotzdem werden Daten verkauft.

Dass die bei der Installation der App übliche Zustimmung zur Datenschutzerklärung eine wirklich informierte Einwilligung ist, darf bezweifelt werden. Denn laut Mobilsicher erscheint nach der Installation der App zwar ein generelles Einwilligungsmenü, das aber keinen Hinweis auf biometrische Daten enthält.

Zunehmender Widerstand gegen Datenverarbeitung

Da solche Apps häufig auch Minderjährige einsetzen, sollte der Datenschutz besonders ernst genommen werden. Bislang unternehmen Datenschutzbehörden aber kaum etwas gegen solche Rechtsverstöße. Die Veröffentlichung von mobilsicher.de will die Dramatik der Entwicklung deutlich machen.

Beauty Apps geben selbst biometrische Daten an die Werbeindustrie weiter

Denn biometrische Daten sind ein boomendes Geschäft. Unternehmen wie PimEyes oder Clearview AI haben sich in der Vergangenheit auch schon unrechtmäßig biometrische Daten von unzähligen Menschen verschafft – und zu Geld gemacht.

Aber die Gegenwehr nimmt zu. Auf zivilgesellschaftlicher Ebene kämpft die Initiative „Reclaim Your Face“ für ein Verbot von biometrischer Massenüberwachung. Die Initiative sammelt auf ihrer Kampagnen-Webseite Unterschriften, um später ein Quorum für eine „Europäische Bürgerinitiative“ zu erreichen.

Über den Autor

Jörg Schieb, WDR-Digitalexperte.

Jörg Schieb, Jahrgang 1964, ist WDR-Digitalexperte und Autor von 130 Fachbüchern und Ratgebern. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf unseren Alltag.

Weitere Themen

Aktuelle TV-Sendungen