Macht, Sex, Selbstbestimmung: Wo stehen wir vier Jahre nach MeToo?

Eine junge Frau hält ein Handy vor ihr Gesicht - darauf zu lesen ist #MeToo.

Macht, Sex, Selbstbestimmung: Wo stehen wir vier Jahre nach MeToo?

Von Jörn Seidel

Vor vier Jahren entstand der Hashtag #MeToo, er steht unter anderem für Machtmissbrauch im Job. Vor dem Hintergrund des Falls von Ex-"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt stellt sich die Frage: Was hat sich seitdem eigentlich getan?

Es geht um die anzügliche Bemerkung eines Kollegen zur Praktikantin, um das Busengrabschen in der Diskothek, um die Vergewaltigung oder auch um die vermeintlich einvernehmliche Romanze, in der ein Chef aber seine Macht gegenüber einer Untergebenen missbraucht. Unter dem Hashtag #MeToo werden viele Fälle diskutiert - auch der des ehemaligen "Bild"-Chefredakteurs Julian Reichelt, des Comedians Luke Mockridge und auch jene ehemaliger WDR-Mitarbeiter.

Kaum vorangekommen durch MeToo?

Was hat sich getan seit Beginn der MeToo-Debatte im Oktober vor vier Jahren? Damals trat ein Bericht der "New York Times" die Missbrauchs-Debatte um den inzwischen verurteilten US-Filmproduzenten Harvey Weinstein los, und in den sozialen Medien schilderten weltweit Frauen unter dem Hashtag #MeToo (auf Deutsch: Ich auch) ähnliche persönliche Erlebnisse.

"In Deutschland sind wir seitdem kaum einen Schritt weitergekommen", schrieb kürzlich Kolumnistin Margarete Stokowski im "Spiegel" und ist mit dieser Meinung nicht allein. Aber es gibt auch andere Sichtweisen - und konkrete Erfahrungen.

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Sozialwissenschaftlerin: Offene Ohren in Betrieben

Ksenia Meshkova, Sozialwissenschaftlerin.

Sozialwissenschaftlerin Ksenia Meshkova

Dass sich etwas geändert habe, zeige sich schon daran, dass Unternehmensleitungen nicht mehr schockiert reagieren, wenn man sie überhaupt auf sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz anspricht, sagt Sozialwissenschaftlerin Ksenia Meshkova vom Deutschen Institut für Menschenrechte dem WDR. Als Co-Autorin veröffentlichte sie dazu vor zwei Jahren eine umfangreiche Studie im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

"Das Thema ist auf der Leitungsebene angekommen", sagt sie. In vielen Betrieben verändere sich etwas - unterm Strich aber noch zu wenig. Laut der Studie erlebt etwa jede achte Frau sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Die Gerichte sind jetzt sensibler. Julia Viohl, Fachanwältin für Arbeitsrecht

Gesetzlich hat sich seit der MeToo-Debatte zwar kaum etwas getan im Zusammenhang mit Sexismus, sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen. Aber: "Auch wenn die gesetzliche Grundlage in Deutschland nicht verändert wurde, hat sich doch die Rechtsprechung geändert", sagte die Arbeitsanwältin Julia Viohl dem WDR.

Anwältin: Gerichte bei sexueller Belästigung sensibler

Julia Viohl, Fachanwältin für Arbeitsrecht.

Rechtsanwältin Julia Viohl

"Die Gerichte sind jetzt sensibler", sagt sie in Bezug auf sexuelle Belästigung im Job. "MeToo hat die Gesellschaft verändert: Es werden mehr Fälle gemeldet, und mehr Fälle werden zugunsten der Opfer entschieden."

Meistens komme es aber gar nicht erst zum Prozess. Stattdessen einige man sich außergerichtlich auf einen Aufhebungsvertrag. Mittlerweile verlören in etwa 70 Prozent solcher Rechtsstreitigkeiten die mutmaßlichen Täter beziehungsweise Täterinnen ihren Job, so die Erfahrung der Anwältin.

Mehr Ermittlungsverfahren zu sexueller Selbstbestimmung

Auffällig verändert hat sich in den vergangenen Jahren die Zahl der mutmaßlichen "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung", wie es im Strafgesetzbuch heißt. Der deutliche Anstieg liege aber sicherlich weniger an MeToo als an der Reform des Sexualstrafrechts, so Sozialwissenschaftlerin Meshkova. Seit November 2016 sind sexuelle Handlungen bereits dann strafbar, wenn es den "erkennbaren Willen" dagegen gibt. Vorangegangen waren die "Kölner Silvesternacht" und die Debatte "Nein heißt Nein".

Meshkova: Beratungsstellen unterfinanziert

"Kaum geändert" habe sich die Situation vieler Beratungsstellen zu Themen wie sexueller Gewalt, sagt Meshkova, die mit vielen in Kontakt steht. "Sie sind weiterhin unterfinanziert." Dabei sei die Nachfrage nach den Angeboten teils deutlich gestiegen.

So schnell ändert sich die Gesellschaft nicht. Ksenia Meshkova, Sozialwissenschaftlerin

Man dürfe nicht zu große Erwartungen an die MeToo-Debatte haben. "So schnell ändert sich die Gesellschaft nicht. Das braucht Zeit", so die Sozialwissenschaftlerin. Es sei schon viel damit gewonnen, dass man über die Themen von MeToo in so breiter Öffentlichkeit diskutiert.

Wie schwer es nach wie vor ist, bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und Machtmissbrauch Hilfe zu bekommen, hat auch Lara von Petersdorff-Campen als Studentin während eines Praktikums erlebt. Deshalb hat sie ein Startup gegründet: "Evermood" ist ein digitaler Schutzraum, über den Fehlverhalten anonym gemeldet werden kann. Angestellte können sich Tipps und Unterstützung holen, ohne dafür direkt ein Gespräch zu suchen. Alle Infos zu "Evermood" gibt es in diesem YouTube-Video:

Stand: 24.10.2021, 09:19

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