Ein altes schwarz/weiß Bild von Verschickungskindern, die aus einem Fenster eines Zugabteils schauen

Studie zu "Verschickungskindern": Zwei Millionen in NRW betroffen

Stand: 17.01.2022, 20:38 Uhr

Gewalttätig, grausam - so ging es in vielen Kinderkurheimen nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Eine neue Studie legt eine Kontinuität zum NS-Regime nahe. NRW-Sozialminister Laumann kündigte einen Runden Tisch zur Aufarbeitung an.

Sie sollten sich erholen, neue Energie schöpfen. Doch für die Mädchen und Jungen, die nach 1945 oft an Nord- oder Ostsee geschickt wurden, kam es anders. Ihr Aufenthalt in den Kurheimen wurde regelrecht zur Tortur, die sie bis ins Erwachsenenalter hinein belastete. Erstmals hat jetzt das nordrhein-westfälische Sozial- und Gesundheitsministerium eine Studie zur Aufarbeitung des Leids der sogenannten "Verschickungskinder" nach 1945 im Westen veröffentlicht.

Erstmals belastbare Zahlen für NRW

Demnach wurden allein in NRW zwischen 1949 und 1990 mehr als 2,1 Millionen Kinder wochenlang in Kurz- oder Erholungsheime verschickt. Es sind die ersten wissenschaftlich belastbaren Zahlen für NRW. Die Mädchen und Jungen waren von der Außenwelt abgeschnitten. Sie hatten Kontaktverbot zu den Eltern, die Post wurde zensiert. Lieblosigkeit, emotionale Vernachlässigung, körperliche Züchtigung und vor allem der Essenszwang habe den betroffenen Kindern schwer zu schaffen gemacht.

Studien-Initiatoren bezeichnen Zeitzeugen als glaubwürdig

Die Studie lege offen, dass die Organisation der Erholungs- und Heimkuren für Kinder in der Weimarer Republik aufgebaut und in der NS-Zeit "an die Ideologie des Regimes angeglichen wurde", so das NRW-Ministerium. "Diese Ausrichtung hat in den Folgejahren nachgewirkt, so dass mentale und personelle Kontinuitäten fortbestanden."

In der Studie kommen Zeitzeugen zu Wort, die die Initiatoren "als in hohem Maße glaubwürdig" bezeichnen. Die Zeitzeugen berichten von Gewalt, Schlägen, Essens- und Schlafentzug. Auch von Isolierung und Demütigung ist die Rede.

Laumann kündigt Aufklärung an

In den 60er und 70er Jahren sei die Kinderkur "eine Erfahrung vieler" gewesen, heißt es in der von Professor Marc von Miquel, Leiter der Dokumentations- und Forschungsstelle der Sozialversicherungsträger in Bochum, erstellten Studie. "In der kollektiven Erinnerung der betroffenen Jahrgänge ist auch präsent, dass nicht wenige mit ihrer damaligen Kur negative Erlebnisse verbanden. Heimweh, autoritärer Erziehungsstil, stupide Freizeitgestaltung und miserables Essen sind typische Motive, wenn unter den zwischen 1950 und 1970 Geborenen die Rede auf die eigene Kurerfahrung kommt."

"Unser Land muss und wird sich auch mit den dunklen Kapiteln unserer Landesgeschichte auseinandersetzen", sagte Gesundheits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU). "Das sind wir allen voran denen schuldig, denen Unrecht widerfahren ist." NRW werde einen Runden Tisch einrichten, "um ein Stück weit Licht ins Dunkel zu bringen".

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