Unterlassene Hilfeleistung: Die unnötige Angst vor dem Fehler

Unterlassene Hilfeleistung: Die unnötige Angst vor dem Fehler

Ein neuer Fall von unterlassener Hilfeleistung wirft Fragen auf. Warum ignorieren Passanten eine Notlage? Muss man wirklich Sorge haben, als Ersthelfer Fehler zu machen?

Die Polizei im brandenburgischen Oberhavel hat auf einer Landstraße einen Verkehrsunfall mit zwei schwer verletzten Personen simuliert. Neun Autofahrer passierten die Unfallstelle. Erst die zehnte Person hielt an und half. Zehn wichtige Minuten waren zwischenzeitlich vergangen.

Wie häufig kommt unterlassene Hilfeleistung vor?

Eine offizielle Statistik darüber gibt es nicht. Bundesweite Schlagzeilen machte ein Fall aus einer Bankfiliale in Essen. Vier Kunden ignorierten einen kollabierten Rentner. Erst der fünfte Kunde wählte den Notruf. Drei Kunden wurden wegen unterlassener Hilfeleistung zu Geldstrafen verurteilt.

Im Februar wurde ein Rentner zu einer Geldstrafe in Höhe von 4.500 Euro verurteilt, weil er einer schwer verletzt im Treppenhaus liegenden Nachbarin nicht geholfen hatte.

Warum ignorieren Menschen die Notlage?

"In den meisten Menschen schlummert immer ein Helfer", sagt der Duisburger Verkehrspsychologe Michael Haeser am Mittwoch (20.06.2018) dem WDR. Die meisten Menschen könnten die Situation aber nicht direkt einordnen und würden wegen Unsicherheit oder aus Angst einen Fehler zu machen weiterfahren.

Viele Menschen seien besorgt, Schuld auf sich zu laden, wenn sie falsch helfen würden, erklärt Haeser. "Ich lade auch Schuld auf mich, wenn ich weiterfahre. Aber dabei werde ich nicht erwischt."

Wann mache ich mich strafbar?

Wer nicht anhält oder Hilfsbedürftigen in einem anderen Notfall hilft, macht sich wegen unterlassener Hilfeleistung nach § 323c Strafgesetzbuch strafbar: "Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft."

Erste Hilfe ist nicht schwierig. Was muss ich tun?

Ersthelfer sollten sich nicht selbst in Gefahr bringen. Deshalb raten Polizei und Rettungskräfte dazu, zunächst die Unfallstelle abzusichern. Anschließend sollte der Notruf getätigt werden. Im dritten Schritt sollte Erste Hilfe geleistet werden. Suchen Sie das Gespräch mit den Verletzten, versuchen Sie zu beruhigen und sichern Sie Hilfe zu. Zudem können Sie nach Schmerzen fragen, damit Sie den Rettungsarzt direkt informieren können. Wie Sie Blutungen stillen, die stabile Seitenlage anwenden oder eine Herzmassage machen, erfahren Sie im Erste-Hilfe-Kurs oder in Tutorials der Polizei.

Mache ich mich strafbar, wenn ich einen Fehler mache?

Nein. Solange die Erste Hilfe mit der gebotenen Sorgfalt geleistet wird, macht sich der Helfer nicht wegen fahrlässiger Körperverletzung oder sogar fahrlässiger Tötung strafbar. Nach Angaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung wird zudem beachtet, dass es sich um eine Ausnahmesituation des Notfalls handelt und bei akuter Gefahr rasch gehandelt werden muss.

Stand: 20.06.2018, 16:37

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