"Upskirting" ist jetzt Straftat: "Das gibt mir Vertrauen in unsere Demokratie"

"Upskirting" ist jetzt Straftat: "Das gibt mir Vertrauen in unsere Demokratie"

  • Aktivistin Ida Marie Sassenberg im Interview
  • Mit Hanna Seidel startete sie 2019 Petition gegen Upskirting
  • Heimliches Fotografieren unter den Rock sollte Straftat werden
  • Nun hat der Bundestag ein entsprechendes Gesetz verabschiedet

Es klingt fast unglaublich, aber bislang war es keine Straftat, heimlich unter Röcke und Kleider zu fotografieren oder zu filmen. Nun ist das anders, in der Nacht zu Freitag (03.07.2020) verabschiedete der Bundestag ein neues Gesetz, das das so genannte "Upskirting" unter Strafe stellt.

Künftig müssen Täter mit einer Geld- oder gar einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren rechnen. Möglich wurde das durch die Internet-Petition von Hanna Seidel und Ida Marie Sassenberg. Die beiden Aktivistinnen setzten sich mehr als ein Jahr lang dafür ein, dass Upskirting zur Straftat wird. Ein Gespräch mit Ida Marie Sassenberg, 27, aus München.

Frau Sassenberg, nach mehr als einem Jahr hartnäckiger Arbeit ist es geschafft, Upskirting ist offiziell eine Straftat. Ein großer Tag für Sie beide?

Ida Marie Sassenberg (l.) und Hanna Seidel

Ida Marie Sassenberg (l.) und Hanna Seidel, Initiatorinnen der Petition ,,Verbietet #Upskirting in Deutschland''

Ida Marie Sassenberg: Auf jeden Fall. Wir haben uns natürlich auch über die Zwischenschritte gefreut, wenn man zum Beispiel plötzlich vor der Bundesjustizministerin sitzt. Aber dass es jetzt wirklich final passiert ist. Wir haben als zwei Einzelpersonen ganz naiv eine Petition gestartet, und nach einem Jahr gibt es jetzt ein Gesetz für 80 Millionen Deutsche.

Wie kamen Sie auf das Thema Upskirting?

Sassenberg: Aktuell sind wir drauf gekommen, weil in England und Wales ein Gesetz nach einer Petition verabschiedet wurde. Aber meine Mitstreiterin Hanna Seidel war auch persönlich damit verknüpft, weil sie das schon zweimal erleben musste, einmal mit 13 und einmal mit 16 Jahren. Sie ist mittlerweile 29, aber bis heute ist es ihr im Gedächtnis geblieben.

Viele Opfer tragen das Thema jahrelang mit sich herum. Liegt das auch daran, dass sie sich – ohne etwas falsch gemacht zu haben – dafür schämen und die Taten deswegen verschweigen?

Sassenberg: Total. Andererseits sind unter den Opfern sehr mutige Frauen. Eine hat das Handy des Täters an sich gerissen und ist zur Polizei gegangen. Eine Schülerin ist zu ihrer Lehrerin gegangen. Andere haben ihren Eltern davon erzählt. Aber die Antwort war halt immer: "Keine Ahnung, können wir nichts machen. Vielleicht zieht ihr künftig einfach keine Röcke mehr an." Wenn man merkt, dass einem am Ende selbst die Schuld zugeschoben wird, braucht man es gar nicht erst zu erzählen. Da sind wir als ganze Gesellschaft in der Verantwortung, wie Opfer mit dem Thema umgehen.

Wenn Frauen heimlich unterm Rock fotografiert werden Frau tv 07.11.2019 04:36 Min. UT Verfügbar bis 07.11.2020 WDR Von Heinke Schröder

Kann man sich überhaupt davor schützen?

Sassenberg: Ich bin komplett dagegen, bei den Betroffenen anzusetzen. Man hört immer wieder: "Mach dies nicht, mach das nicht." Ich bin sehr dafür, den Fokus auf die Täter zu legen. Einerseits mit Strafen, andererseits mit Aufklärung. Die Debatte über heimliches Fotografieren ist wichtig, damit überhaupt mal ein Bewusstsein dafür entsteht, was da alles passiert. Und damit Zeugen eingreifen können, wenn sie so etwas sehen. Bei dem Thema sind wir alle gefragt, nie nur die Betroffenen.

Offizielle Zahlen zur Verbreitung gibt es nicht?

Sassenberg: Nein, aber zwei Dinge zeigen uns, dass das keine Einzelfälle sind: Erstens sind die Betroffenen und die Situationen sehr divers: Von der 50-Jährigen bis zur 14-Jährigen, selbst ein Mann, der in einer schottischen Pipe-Band spielt und dem bei einem Auftritt unter den Rock fotografiert wurde, hat sich gemeldet. Das passiert im Supermarkt, auf der Rolltreppe, beim Festival. Zweitens: Man kann ja mal auf eine Pornoplattform gehen und Upskirting eingeben, da sieht man, dass nicht nur drei, vier Beispiele kommen.

Grundsätzlich: Sagt der Erfolg der Petition auch etwas über die Demokratie aus? 

Sassenberg: Zu 100 Prozent. Da sind ja mehrere Themen drin, die hier zusammenspielen: Meinungsfreiheit, Petitionsrecht, Pressefreiheit. Ohne die zahlreichen Interviews wäre das Thema nicht so groß geworden. Da haben viele Grundrechte unseres Rechtstaates ineinandergegriffen, und das gibt mir sehr viel Vertrauen in unsere Demokratie. Wir sind keine Juristinnen, Politikerinnen oder Politikwissenschaftlerinnen. Wir hatten einfach eine Idee und waren bereit, Arbeit und Leidenschaft reinzustecken. Wenn irgendjemand also eine Idee hat, für die es sich lohnt zu kämpfen, mach es.

Upskirting: "Ich hoffe, das Gesetz schreckt Täter ab"

WDR 5 Mittagsecho 03.07.2020 04:13 Min. Verfügbar bis 03.07.2021 WDR 5

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Stand: 03.07.2020, 17:15

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