Unwetter und Starkregen: Hat NRW bei der Vorsorge versagt?

Zu spät gewarnt? Wie gut hat der Katastrophenschutz in NRW funktioniert? Aktuelle Stunde 17.07.2021 UT Verfügbar bis 24.07.2021 WDR Von Jan Hofer

Unwetter und Starkregen: Hat NRW bei der Vorsorge versagt?

Von Golo Schmidt

Gewitter und Starkregen haben in NRW katastrophale Folgen. Dabei wird seit Jahren vor mehr Extremwetterlagen gewarnt. Hat die Politik zu wenig getan?

Vollgelaufene Keller, zerstörte Autos, unterspülte Gleise – die Schäden dürften nach den verheerenden Regenfällen in die Millionen gehen.

Dabei sind die Gefahren lange bekannt. Klimamodelle lassen bereits seit Jahren erwarten, dass die globale Erwärmung immer häufiger Starkregen mit sich bringt. Diese Extrem-Niederschläge sind es, die zu verheerenden Folgen führen wie jetzt beispielsweise in Hagen, Altena oder Fröndenberg.

Gegen Wassermassen helfen Schutzmaßnahmen nur bedingt

Dahinter stecken lokale Regenzellen mit hoher Niederschlagsdichte. Das, so die Fachmeinung, mache Starkregen "hochgefährlich". Was da an Wassermassen vom Himmel fällt, lasse sich mit technischen Schutzmaßnahmen nie komplett abfangen.

Schäden lassen sich begrenzen

Begrenzen ließe sich der Schaden jedoch allemal. Und hier haben Land und Kommunen in den vergangenen Jahren auch einiges getan. Für den Schutz vor Hochwasser und Überflutung stellt die Landesregierung jedes Jahr zweistellige Millionenbeträge bereit. Zu den finanzierten Projekten gehören unter anderem: Hochwasserschutzanlagen, Deichsanierungen, die Wiederherstellung von Uferlandschaften an Flüssen und Bächen.

Straßenüberflutung. Ein Auto und eine Mülltone verschwinden zu Hälfte unter Wasser.

Überschwemmungen in Hagen nach Starkregen

Auch dem Phänomen der Starkregenfälle hat sich das Land gestellt. Es finanziert Risikoanalysen und Vorsorge-Konzepte für die Kommunen, die nicht nur Wartung und Ausbau der Kanalisation gewährleisten, sondern immer mehr auch die Fließwege von Regenwasser im Auge haben müssen.

Zu wenige Flächen, um Starkregen aufzunehmen

Aber ist das genug? Nein, meint Dirk Jansen vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in NRW. Die Landesregierung habe vieles versäumt. "Was an naturnahen Flächen geschaffen worden ist, ist einfach zu wenig", bemängelt Jansen. Gerade die seien aber wichtig, um Niederschläge aufnehmen zu können.

Die Landesregierung habe hier geradezu versagt: "Während die EU-Vorgaben seit zwanzig Jahren verlangen, alle Gewässer in einen naturnahen Zustand zu versetzen, erfüllen in NRW heute gerade mal acht Prozent die Kriterien." Außerdem habe die Landesregierung den Bau von Gewerbegebieten und Wohnsiedlungen erleichtert. Damit könne immer mehr Landschaft zubetoniert werden und stehe als Regenwasser aufnehmender "Schwamm" nicht mehr zur Verfügung.

Es wird zu viel Landschaft versiegelt

Auch viele Kommunen würden potenzielle Überflutungsflächen noch immer als mögliche Siedlungsgebiete ausweisen und damit die Flächenversiegelung vorantreiben. "Flüssen ihren natürlichen Raum zurückgeben und die Versiegelung der Landschaft zu stoppen bzw. rückgängig zu machen – das sind die Gebote der Stunde", meint Jansen.

Auch Claudia Kemfert, Energie-Ökonomin im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sagte im WDR5-Europamagazin, dass es schon lange Anforderungen gibt, weniger Flächen zu versiegeln, auch die Möglichkeiten zu schaffen, Grünflächen für die Wasseraufnahme zu verstärken und die Flutwände zu erhöhen. "All diese Dinge sind bekannt und werden auch gemacht. Jetzt muss man im Nachhinein ganz konkret bewerten, ob man es hier noch hätte besser machen können", so Kemfert.

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Andere Fachleute sehen die Versiegelung nicht so kritisch. Dadurch könne Wasser zwar schlechter versickern, aber diese Wirkung werde häufig überbetont, sagt etwa Wasserbauingenieur Franz Zunic von der TU München. Denn bei Starkregen sei sehr schnell die Grenze dessen erreicht, was Böden aufnehmen können. Erst recht, wenn es vorher schon normal geregnet habe.

Stand: 17.07.2021, 15:33

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