Kritik am Katastrophenschutz: Wurde zu spät gewarnt?

Debatte um Katastrophenschutz Aktuelle Stunde 19.07.2021 UT Verfügbar bis 26.07.2021 WDR Von Andrea Moos

Kritik am Katastrophenschutz: Wurde zu spät gewarnt?

Von Christian Wolf

"Monumentales Systemversagen": Wissenschaftler kritisieren, dass trotz früher Warnungen mehr als 150 Menschen bei der Unwetter-Katastrophe starben. NRW-Innenminister Reul wehrt sich.

Nach der Unwetter-Katastrophe sind die Bergungs- und Aufräumarbeiten noch nicht abgeschlossen - da wird erste Kritik am Management der Warnungen laut: Die betroffenen Menschen seien unzureichend oder nicht früh genug gewarnt worden.

"Man konnte sehen, was bevorsteht"

Schwere Vorwürfe kommen aus England. Hannah Cloke ist Professorin für Hydrologie und hat an der Entwicklung des europäischen Hochwasser-Warnsystems Efas mitgearbeitet. Sie sagte dem ZDF: "Schon mehrere Tage vorher konnte man sehen, was bevorsteht." Alle notwendigen Warnmeldungen seien rausgegangen. "Doch irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, sodass die Meldungen nicht bei den Menschen angekommen sind." Ihr Fazit: "Im Jahr 2021 sollten wir nicht so viele Todesopfer zu beklagen haben." Cloke sprach von einem "monumentalen Systemversagen".

Auch ein Meteorologe des Deutschen Wetterdienstes (DWD) kritisiert, dass Warnungen nicht ernst genug genommen worden seien. "Warum sind so viele Menschen gestorben? Es gab Tage vorher Warnungen. Die Regenmenge wurde präzise modelliert", schrieb er bei Twitter.

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Reul: Fehleranalyse kommt später

Innenminister Herbert Reul machte am Montag auf einer Pressekonferenz deutlich, dass er eine Nachbearbeitung und die politischen Debatten für verfrüht hält. "Dafür habe ich jetzt keine Zeit, das machen wir dann später in aller Ruhe." Es werde "zu gegebener Zeit haarklein" analysiert, ob etwas hätte besser gemacht werden können.

Herbert Reul, CDU

Innenminister Herbert Reul

Grundsätzlich gab Reul aber zu bedenken: "Das Wesen von Katastrophen ist, dass sie nicht vorhersehbar sind. Das Wesen von Naturkatastrophen ist es, dass sie erst recht nicht vorhersehbar sind. Sie können aufgrund von Warnungen vor Unwetter nicht einschätzen, wie sich die Lage tatsächlich vor Ort entwickelt."

Bereits am Montag habe es vom Deutschen Wetterdienst erste offizielle Warnungen gegeben, die auch alle bekommen hätten. Danach sei es Aufgabe der Städte und Kreis, darauf zu reagieren. Aber: "Wir haben keinen Fall, also ich kenne im Moment keinen, wo aufgrund einer zu späten Evakuierung zu großer Schaden entstanden ist." Das "größere Problem" sei stattdessen, "dass die Leute das nicht so ernst nehmen oder sich nichts sagen lassen wollen". Die Menschen hätten mitbekommen, dass es Starkregen gibt. "Aber sie haben es nicht ernst genommen."

Unterschiedliche Warnungen

Die ersten Warnungen des Deutschen Wetterndienstes erreichten am Montag auch das Landesamt für Umwelt und Naturschutz als zuständige Hochwasserzentrale. Laut einer Sprecherin sei die Information, dass sich große Regenmengen abzeichnen, den üblichen Weg gegangen über die Bezirksregierungen in die Kommunen. Am Dienstag hätten alle die Information gehabt, dass es problematisch werden könne.

Ob und wie die Menschen dann vor Ort gewarnt wurden, war offenbar lokal unterschiedlich. So heulten in der Nacht auf Donnerstag in Wuppertal die Warnsirenen. Andernorts fuhren Fahrzeuge mit Lautsprechern durch die Straßen oder die Feuerwehr ging von Haus zu Haus, um die Menschen rauszuholen. Andere Betroffene berichten, gar nicht oder zu spät gewarnt worden zu sein.

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Zu sehen ist Armin Schuster (CSU), Präsident des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Armin Schuster

Die Frage ist also, wie die Menschen von den Warnungen erfahren. Der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Armin Schuster, räumte am Montag ein, dass man sich zu sehr auf digitale Warn-Apps fokussiert habe. Man habe erkannt, "dass das nicht der richtige Weg ist", sagte er im Deutschlandfunk. Ein Problem sei etwa, dass Menschen Warnungen per App nachts oft nicht wahrnähmen - anders als den Heulton einer Sirene.

Ruf nach mehr Sirenen

Rote Sirenen von unten fotografiert

Sirenen sollen im Notfall warnen

Doch auch mit den Sirenen läuft nicht alles rund. Der frühere langjährige Chef des Deutschen Feuerwehrverbandes, Hartmut Ziebs, sagte bei Phoenix: "Wir sind schon seit Jahren daran, ein vernünftiges Warnsystem aufzubauen. Das hat immer noch nicht so richtig funktioniert." Es müsse wieder mehr auf Sirenen zur Frühwarnung gesetzt werden. Im Vorfeld der Katastrophe hätte es auch im Radio und Fernsehen mehr Durchsagen geben müssen.

Schon die landesweiten Sirenenwarntage, die die Landesregierung seit 2018 regelmäßig stattfinden lässt, offenbaren eine mangelhafte flächendeckende Warnung der Bevölkerung im Katastrophenfall. Auch Reul räumte am Montag ein, dass es noch nicht überall genug Sirenen gebe. In den letzten Jahren seien aber über 20 Millionen Euro in die Verbesserung der Warnsysteme gesteckt worden.

Stand: 19.07.2021, 17:38

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