Wassermassen, Trümmer, großes Leid - Rückblick auf eine Katastrophen-Woche

Oliver Köhler im Gespräch mit einem 87-jährigen Bewohner von Blessem

Wassermassen, Trümmer, großes Leid - Rückblick auf eine Katastrophen-Woche

Von Oliver Köhler

An diesem Freitagmorgen wurde in Blessem das Ausmaß der Katastrophe sichtbar: Eingestürzte Häuser, weggespülte Straßen, Abbruchkanten direkt am Ortsrand. Oliver Köhler über seine Woche als WDR-Reporter in den Hochwassergebieten in Köln, Bergisch-Gladbach und Erftstadt.

Die Tage zuvor: Warnungen vor Starkregen

Schon am Montag der vergangenen Woche hatten mich die Unwetterwarnungen der Wetterdienste alarmiert. Die Angaben über die Menge der Niederschläge - um die 200 Liter pro Quadratmeter - fand ich beunruhigend. Die vorhergesagte Dauer der Regenfälle war ungewöhnlich. Am meisten beunruhigte mich aber, dass die Wetterdienste das Unwetter für eine relativ begrenzte Region vorhersagten – mittendrin unser Sendegebiet. Spätestens am Dienstag musste allen klar sein, da rollt ein Unwetter auf uns zu, das wir so bisher bei uns nicht erlebt haben.

Am Mittwoch: Unablässiger Starkregen in Köln und Umgebung

Am Mittwochmorgen prasselten dicke Regentropfen gegen das Schlafzimmerfenster – da war er, der vorhergesagte Starkregen. Weil ich als Reporter zunächst für Köln zuständig war, rief ich bei der Kölner Polizei an, telefonierte mit der Feuerwehr, sah gleichzeitig bei Twitter und Google Maps nach, ob es Probleme auf Schienen oder Straßen in der Gegend gab. Aber: erstmal nichts.

Überspülte Abstellanlage der KVB am Müngersdorfer Stadion

Überspülte Abstellanlage der KVB am Müngersdorfer Stadion

Der Regen wurde stärker, auf den Straßen bildeten sich Bäche. Ich packte Kamera und Mikrofon ins Auto und fuhr los. Dann kamen die Meldungen: Keller unter Wasser, Wassereinbruch in Gebäude, Straßen überflutet, Kanäle laufen über. Im Kölner Stadtteil Bickendorf standen Häuser im Wasser. Die Anwohner waren verzweifelt – denn ihre Keller hatten schon etwa drei Wochen zuvor nach starken Regenfällen unter Wasser gestanden. Nun standen auch die gerade erst neu beschafften Waschmaschinen und Trockner unter Wasser. Es wurde immer schwieriger, sich durch Köln zu bewegen. Straßen waren gesperrt,  Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr blockierten Durchfahrten, Pumpen ratterten.

Trotz Regenkleidung war ich nach nicht einmal einer Stunde tropfnass. Mein Reportermikrofon versagte, es war voll Wasser gelaufen. Die Kamera setzte aus. Ich musste die Geräte mit der Lüftung des Autos trocknen. Unterdessen wurde es immer schwieriger, einen Überblick zu bekommen. Denn bei Polizei und Feuerwehren in der Region stieg die Zahl der Notrufe rasant an.

Hochwasserschäden in Bergisch Gladbach Hebborn

Hochwasserschäden in Bergisch Gladbach Hebborn

Am Nachmittag spitzte sich die Situation im Bergischen Land zu. Bäche verwandelten sich dort in reißende Ströme. Wohnviertel wurden überflutet, zum Beispiel in Bergisch Gladbach Hebborn. Dort musste die Feuerwehr Menschen mit Booten und in Überlebensanzügen aus ihren Häusern retten. Für mich als Reporter war es keine Option dorthin zu fahren. Wegen der insgesamt unsicheren Lage im Bergischen Land war das einfach zu riskant.

Aus Bildern und Tönen, die ich in Köln aufgenommen hatte, produzierte ich am späten Nachmittag einen Beitrag für die Lokalzeit.  Währenddessen wurde im Kölner Stadtteil Bilderstöckchen die U-Bahnstation Parkgürtel geflutet, in Köln war in mehreren Stadtteilen der Strom ausgefallen.

Am Abend beruhigte sich das Wetter. Ich fuhr nach Bergisch Gladbach Hebborn. Dort schossen noch immer Wassermassen in ein Wohnviertel an der Odenthaler Straße. Das Viertel lag im Dunkeln. Es waren keine Menschen mehr auf der Straße. Die Bewohner hatten sich zu Verwandten geflüchtet oder übernachteten in Notunterkünften.

Am Donnerstag: Das Ausmaß der Verwüstung wird sichtbar

Erst am Donnerstag konnte ich im Tageslicht das ganze Ausmaß der Verwüstung sehen. Wassermassen hatten Gartenmauern und  Hauswände eingerissen, Trümmer und Möbel mit sich gerissen. In einem Garten lag ein Auto auf der Seite. Das Wasser hatte den Wagen aus der Garage geschleudert. Die Bewohner standen offensichtlich noch immer unter Schock. Eindrücke wie nach einem Erdbeben „Hier wurde niemand verletzt“, sagte mir der Leiter der Feuerwehr. Ich konnte das kaum glauben.

Unterdessen kamen schlechte Nachrichten von unserem Kollegen Stefan Pesch: In Erftstadt stieg das Wasser rasant an. Stefan konnte sich in letzter Minute von der Bundesstraße 265 in Sicherheit bringen. Kurz darauf schoss eine Flutwelle über die Böschung. Zu diesem Zeitpunkt standen noch Autos und Lkw dort. Die Bundesstraße versank im Wasser. Ein Wagen wurde von der Strömung mitgerissen. Stefan filmte eine dramatische Rettungsaktion.

In der Nacht zu Freitag: Auf der überfluteten Bundesstraße 265

Die Bilder hatte ich im Kopf, als ich am Donnerstagabend den Auftrag bekam, eine Nachtreportage in Erftstadt zu drehen. In der Gegend waren inzwischen Autobahnen, Bundesstraßen und auch viele Nebenstrecken gesperrt. Die Fahrt nach Erftstadt war ein langsames Vortasten von Sperrung zu Sperrung. Bei Lechenich kamen mir auf der B265 Lkw-Fahrer entgegen. Sie winkten hektisch, offenbar ging es hier nicht weiter. Die aus Rumänien stammenden Männer berichteten, dass ein Stück weiter Lkw im Wasser stehen, in einigen Fahrzeugen würden noch Fahrer sitzen.

ein Militärfahrzeug und einige PKS stehen auf einer überfluteten Bundesstraße

Gestrandete Autos auf der Bundesstraße 265

Ich fuhr soweit es ging. Die Bundesstraße war hier überflutet. Etwa 100 Meter entfernt waren LKW im Wasser zu sehen. Einer der Fahrer hatte sich gerade selbst aufs Trockene gerettet. „Ich hatte hier einige Stunden im Stau gestanden und war dann eingeschlafen“, berichtete er. „Als ich wieder aufwachte, war die Straße voll Wasser. Das reichte schon bis zu Tür meines Lkw“, sagt der Mann. Als er feststellte, dass das Wasser weiter stieg, sei er aus dem Fenster gesprungen. Das Wasser habe ihm bis zu den Schultern gereicht. Er sei bis hierher gewatet. „Wie es jetzt weitergehen soll, weiß ich nicht“, sagte er. Ich dachte, der Mann hat ungeheures Glück gehabt, dass er nicht in die Strömung geraten ist. In der Dunkelheit hätte ihn niemand retten können.

Stand: 21.07.2021, 17:20

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