Nach dem Hochwasser: Tierrettung in letzter Sekunde

Pferde werden durch hüfthohes Wasser geführt

Nach dem Hochwasser: Tierrettung in letzter Sekunde

Von Katja Goebel

Etliche Haustiere haben bei den verheerenden Überschwemmungen ihre Besitzer verloren oder mussten in letzter Sekunde vor der Flut gerettet werden. Für viele gab es trotzdem ein Happy End.

Als das Wasser kommt, muss es auf dem Altenbroichshof im Essener Süden ganz schnell gehen. Hier ist die Ruhr normalerweise noch fast einen Kilometer weit weg, aber an diesem Tag schwappt der Fluss plötzlich in den Stall der Familie Berns. 27 Pferde stehen mit den Hufen im Wasser. "Da sagte mein Mann zu mir: Jetzt haben wir noch zwei Stunden", erinnert sich Andrea Berns.

Plötzlich steht der Stall hüfthoch unter Wasser

Ein Pferd steht in seiner Box tief im Wasser

Gefluteter Stall: Das Pferd bleibt erstaunlich ruhig

Was dann folgt, ist eine ungeahnte Welle der Hilfsbereitschaft. Das Telefon steht nicht mehr still. Der Hof ist auf einmal voller Menschen. Hilfe kommt aus der ganzen Nachbarschaft. Man ist bestens vernetzt im Ort. Während sich die Wiesen in kürzester Zeit in eine Seenlandschaft verwandeln, Stallungen und die Reithalle volllaufen, werden schon die ersten Pferdehänger auf den Hof gefahren. Am Ende steht das Wasser hüfthoch auf dem Hof. Jetzt nur die Ruhe bewahren. Ein Pferd nach dem anderen wird durchs Wasser geführt. "Das Wasser hatte eine richtige Strömung", erzählt Tochter Luisa.

Nachbarhöfe machen spontan Platz für die Pferde, stellen Weiden für die Tiere zur Verfügung. In wenigen Stunden sind alle Tiere vom Hof. Nur der eigene Hund schwimmt erst einmal verdutzt zurück in die Küche.

"Man funktioniert nur noch", sagt Andrea Berns. Hauptsache die Tiere sind in Sicherheit. Sie ist überwältigt von der Hilfe. "Jetzt können wir hier noch einmal allen Danke sagen."

Viele Fundtiere leben jetzt im Tierheim

Mit Schlamm verschmierte Katze

Mit Schlamm verschmierte Fundkatze

Weiter südlich in NRW hatte das Unwetter zu diesem Zeitpunkt noch dramatischere Folgen. Während im Ahrtral ganze Häuser von den Fluten weggerissen werden und Menschen ihr eigenes Leben retten müssen, verlieren hier auch viele Haustiere ihr Heim. Mitarbeiter des Tierheims Kreis Ahrweiler befreien in letzter Sekunde einen Hund aus einer Garage, nachdem die Besitzerin nach der Flutkatastrophe ins Krankenhaus gekommen war. Hier landen auch Katzen, die ihr Zuhause nicht mehr wieder finden oder nach zwei Wochen noch schlamm verschmiert irgendwo aufgelesen werden.

Verängstigt und verstört

Ein Hund irrt duch eine Trümmerlandschaft

Dieser Hund irrte tagelang durch Ahrweiler

Unter den Dutzenden Neuankömmlingen im Tierheim sind aber auch Schildkröten, Schlangen und große Teichfische. Selbst eine Vogelspinne wurde den Tierschützern gebracht, berichtet Klaus Krah vom Tierschutzverein Kreis Arhweiler. Die trieb auf einem Holzbrett umher. Die meisten der Tiere werden auf Pflegestellen verteilt. "Die müssen ja erst mal in Quarantäne - haben schließlich keinen Impfpass dabei." Hunderte Tierbesitzer bieten spontan Plätze an.

Wasser zerstört Tiergehege in Sinzig

Frau füttert Esel aus der Hand

Gerettet: Esel aus einem Tiergehege in Sinzig

Glück im Unglück hatten auch die 150 Tiere des gemeinnützigen Tiergeheges im benachbarten Sinzig. Das wurde durch die Fluten fast vollkommen zerstört. Doch Ziegen, Schafe, Pferde und Gänse konnte man dort noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Sie sind derzeit auf Pflegestellen verteilt und sollten alle wieder zurückkommen, wenn das Gelände wieder aufgebaut ist.

Ponys in Düren aus Fluten gerettet

Ein Pony wird von Hefren durch hohes Wasser geführt

Pony aus Hochwasser befreit

Schnelle Hilfe brauchten auch zwei Ponys in Düren. Mitarbeiter der Tierrettung Essen machten sich mit Schwimmwesten ausgestattet auf den Weg in die rund 100 Kilometer entfernte Stadt. "Die mussten durch 1,20 Meter hohes Wasser, um die Ponys zu retten", erzählt Stephan Witte von der Tierrettung Essen. Auch in Ahrweiler konnten seine Kollegen helfen. Dort hatte eine Familie viel durch die Fluten verloren - unter anderem auch das Inhalationsgerät für die schwerkranke Katze. Die Tierretter aus Essen brachten kurzerhand ein neues.

Viel Solidarität und große Sorgen

Über Soziale Medien suchen Menschen weiterhin ihre Tiere oder melden sich als Finder. Andere User posten immer wieder Hilfsangebote.

"Die Solidarität und Hilfsbereitschaft, die wir unter Tierfreunden bereits erleben können, bewegt uns sehr", sagt Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes.

Doch gleichzeitig sind die Tierschützer in großer Sorge: "Nach dem vergangenen Jahr trifft diese Flut unsere Tierheime, die durch die Corona-Pandemie zum großen Teil ihre finanziellen Rücklagen aufzehren mussten und aktuell mit den Folgen des Haustierbooms zu kämpfen haben, umso härter."

Stand: 31.07.2021, 06:00

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