Ukraine-Geflüchteten helfen: An wen kann ich mich wenden?

Stand: 08.03.2022, 09:51 Uhr

Unzählige Menschen in NRW wollen in diesen Tagen helfen, bieten spontan Unterkunft für die Geflohenen aus der Ukraine. Bei der Koordination wird in den Kommunen derzeit noch weitgehend improvisiert.

Die Betten sind fertig bezogen, zwei kleine Zimmer hat sie hergerichtet: Jetzt wartet Irina B. in Essen auf die Geflohenen aus der Ukraine, die bei ihr unterkommen sollen. Eine fünfköpfige Familie aus Odessa ist unterwegs nach Essen. Organisiert hat ihre Flucht eine kleine Privatinitiative aus Essen. Derzeit hängt der Minibus mit einem Motorschaden in Rumänien fest - aber im Lauf der Woche sollte die junge Familie eintreffen.

Der Entschluss, die Familie aufzunehmen, sei letzte Woche spontan gefallen, sagt Irina B.. "Wie es dann allerdings weitergeht, ob sich unsere Gäste irgendwo anmelden müssen, ob es Zuschüsse für die Verpflegung gibt - das wissen wir alles noch nicht." So wie ihr geht es gerade vielen Hilfsbereiten. Und offenbar organisiert sich bislang jede Stadt, jede Gemeinde auf ihre eigene Art.

Essen: Zentrale Hotline beim Sozialamt

In Essen ist man schon ganz gut aufgestellt. Gemeinsam mit der "Ehrenamt Agentur Essen" werden alle Hilfsangebote koordiniert. Auf der Homepage der Stadt können Hilfsbereite in Formularen detailliert angeben, welche Hilfe sie zu bieten haben - von Unterkunft über Fahrdienste, Übersetzung bis zur Kinderbetreuung. Auch, welche Sprachen man spricht, wird dort abgefragt. Alternativ könne man an die Emailadresse ukrainehilfe@essen.de schreiben, sagt Juliane Trilling, Sprecherin der Stadt Essen.

"Alle Angebote gehen dann an die Ehrenamt Agentur, und dort schauen sie, was zu welchen Bedarfen passt." Wer bereits Menschen bei sich untergebracht hat, kann sich an eine zentrale Koordinationsstelle beim Essener Sozialamt in der Steubenstraße wenden. Dort werden die Ankommenden registriert. Und dort gibt es auch alle weiteren Infos, Essensgutscheine, den Zugang zur Kleiderkammer der Stadt und sogar - dank der Spende eines Telekommunikationsanbieters - kostenlose Prepaidkarten fürs Handy.

Die Stelle ist laut Stadt unter 0201 8850300 rund um die Uhr und am Wochenende auch telefonisch erreichbar. "Auch, wer nur für kurze Zeit Unterkunft anbieten kann, kommt hier weiter", sagt die Sprecherin. Denn die Stadt selber hat auch Unterbringungen vorbereitet, auf die die Geflüchteten ausweichen können. Außerdem wichtig zu wissen: Wer sich einmal registriert und sein "Schutzbegehren" geäußert hat, bekommt Anrecht auf staatliche Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. So hat es die NRW-Landesregierung vergangene Woche zumindest versichert.

Infos auf Internetseiten der Städte und Gemeinden

Ähnlich wie in Essen läuft es in vielen anderen Städten und Gemeinden. Bislang verwalten die Kommunen private Unterbringung und Hilfe alle auf ihre - teils schon seit der letzten großen Flüchtlingswelle 2015 bewährte - Weise. Wer helfen will, sollte zunächst auf die Homepage der eigenen Kommune schauen - fast alle haben dort eine Sonderseite. Dort finden sich meist die wichtigsten Infos und Kontakte - und oft auch eine zentrale Telefonnummer, wie in Essen. Oft lautet die Emailadresse ähnlich wie die Essener - so in Düsseldorf zum Beispiel ukraine-hilfe@duesseldorf.de.

Inwieweit die Kommunen in den kommenden Wochen Unterstützung von Land und Bund bekommen - "da sind wir gespannt", sagt Trilling. Auch der Kölner Flüchtlingsrat appelliert an das Land: Die Kommunen bräuchten jetzt eine Anweisung, wie Geflüchtete bei Platzschwierigkeiten weitervermittelt werden können.

Rund 1.200 Vertriebene in Landesunterkünften

NRW-Flüchtlingsminister Joachim Stamp (FDP) betonte, dass die Aufnahme und Registrierung der Vertriebenen aus der Ukraine möglichst geordnet ablaufen solle. Wer bereit ist, Flüchtlinge bei sich zu Hause aufzunehmen, sollte dies gegenüber den zuständigen Behörden vor Ort melden. Vertriebene, die selbstständig nach NRW kommen und hier keine Unterbringung haben, können sich an die Landeserstaufnahmeeinrichtung in Bochum (LEA) wenden. Die Schutzsuchenden werden dann dort registriert und zunächst in Landeseinrichtungen untergebracht, bevor sie auf kommunale Einrichtungen verteilt werden. Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine sind rund 1.200 Vertriebene von dort in den Landesunterkünften von Nordrhein-Westfalen aufgenommen worden.

Berlin leitet jetzt Flüchtlinge weiter

Die meisten Flüchtlinge kommen derzeit in Berlin an. Am Berliner Hauptbahnhof herrscht rund um die Uhr ein unübersichtliches Gedränge, die Stadt selber kommt bei der Organisation mittlerweile an ihre Grenzen. Seit Sonntag werden ukrainische Flüchtlinge daher mit Bussen in Aufnahmeeinrichtungen in anderen Bundesländern gefahren, auch nach NRW.

Es sei "ideal, wenn Menschen Ukrainerinnen und Ukrainer privat unterbringen", sagte NRW-Integrationsminister Joachim Stamp am Sonntag im WDR-Interview gesagt. Er warnte allerdings davor, dass "private Busse losfahren", um die bedrohten Menschen aus der Ukraine abzuholen: "Ohne Rücksprache loszufahren und Menschen einzusammeln, ist für den Aufnahmeprozess eher hinderlich."

Tatsächlich laufen derzeit weiterhin zahllose private Fluchthilfeaktionen in NRW. In den Sozialen Medien gibt es viele Aufrufe mit Telefonnummern, unter denen sich Hilfsbereite melden können, die privat Unterkünfte anbieten.

Besser Geld- als Sachspenden

Von Sachspenden, die in den vergangenen Tagen tonnenweise bei Hilfsorganisationen eingingen, raten das Bündnis "Deutschland hilft" und die Caritas dagegen mittlerweile ab: Der Bedarf ändere sich täglich - und zumindest Lebensmittel könne man in Teilen der Ukraine noch kaufen. Sinnvoller, sagen beide Verbände, seien daher Geldspenden, mit denen gezielt Medikamente, Kleidung oder Essen gekauft werden kann.

Über dieses Thema berichten wir am 07.03.2022 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde 18.45 Uhr.

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