Bild von Putin mit seinem Zitat: "Russland beginnt keinen Krieg. Es beendet sie."

Stimmung in Russland: "Die Hälfte der Bevölkerung steht hinter Putin"

Stand: 08.03.2022, 16:13 Uhr

Tausende Demonstranten auf der einen Seite, Putin-Unterstützer auf der anderen: Wie sieht die russische Öffentlichkeit den Krieg? Verfängt die staatliche Propaganda?

In Russland gehen trotz des harten Vorgehens der Polizei tausende Menschen aus Protest auf die Straße. Allein am Wochenende wurden nach Angaben von Aktivisten mehr als 5.000 Menschen festgenommen. Insgesamt sollen es seit Kriegsbeginn über 13.500 Festnahmen gewesen sein. Die Frage, mit wieviel Widerstand Putin im eigenen Land rechnen muss, beschäftigt Politik, Presse und Wissenschaft gleichermaßen.

Felix Riefer ist Politologe mit Schwerpunkt auf Russland und arbeitet unter anderem für das preisgekrönte Internet-Portal "Dekoder", das freien und unabhängigen Stimmen aus Russland und Belarus Gehör verschafft.

WDR: Wie ist derzeit die Stimmung in der russischen Bevölkerung?

Felix Riefer: Es ist schwierig, die Einstellung der Menschen in Russland einzuschätzen und zu messen. Es gibt keine freien Medien, und das nicht erst seit kurzem, sondern bereits seit dem Machtantritt von Wladimir Putin. Meinungsvielfalt und Pluralität haben es sehr schwer. Kurz vor dem Krieg gab es eine Erhebung zur ökonomischen Lage in Russland. 30 Prozent der Befragten gingen davon aus, dass es zu Unruhen wegen der wirtschaftlichen Situation kommen könnte. Und 23 Prozent gaben an, dass sie sich vorstellen könnten, daran teilzunehmen. Die Stimmung in der Bevölkerung ist also durchaus aufgeheizt.

WDR: Und welche Rolle spielt der Ukraine-Krieg?

Riefer: Krieg wird in Russland zwar generell sehr negativ wahrgenommen, das weiß man zum Beispiel aus dem Georgien-Krieg 2008. Das, was in der Ukraine passiert, ist aber im Duktus der russischen Staatsführung kein Krieg, sondern eine Spezialoperation. Diese dient laut Putin der Befreiung und Entnazifizierung der Ukraine, weil dort angeblich drogensüchtige und besoffene Nazis an der Macht seien.

WDR: Das klingt sehr platt. Und das wird wirklich geglaubt?

Dr. Felix Riefer

Politologe Riefer: "Mythen der Sowjetzeit wirken fort"

Riefer: Auf uns wirkt das befremdlich, aber es kann funktionieren. Das hat zum einen mit der Geschichte des Landes zu tun: Es gibt viele Punkte und Mythen aus der Sowjetzeit, die weiterhin bereitwillig geglaubt werden. Dazu kommt, dass der Informationsraum in Russland stark zugeschnürt ist, andere Meinungen und Sichtweisen kommen in der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht vor. Zumindest nicht im staatlich kontrollierten Fernsehen, das ungefähr 70 Prozent aller Russen als einzige Informationsquelle nutzen. Und es stehen natürlich auch die Repressionsorgane bereit. Wer sich auf die Straße traut und protestiert, wird weggetragen.

WDR: Einerseits sind seit Kriegsbeginn offenbar schon mehr als 10.000 Demonstranten verhaftet worden. Andererseits sieht man Bilder von Putin-Unterstützern, die sich ein "Z" auf das Auto malen und den Kriegskurs mittragen. Wie gespalten ist das Land?

Riefer: Das ist schwer, aus der Distanz zu beurteilen, vor allem, weil die Messinstrumente einer freien Gesellschaft hier nicht greifen. Man kann aber davon ausgehen, dass die Unterstützung für Putin trotz allem relativ hoch ist. Ich schätze, dass zwischen 50 und 60 Prozent der Bevölkerung hinter seinem Kurs stehen. Aber nicht, weil sie seine Politik besonders gut finden. Sondern weil sie propagandistisch in diese Richtung erzogen wurden.

WDR: Mit den neuen Gesetzen wird es für Putin noch leichter, die öffentliche Meinung zu bestimmen.

Riefer: Das stimmt. Bis vor kurzem gab es zumindest noch ein paar Möglichkeiten, sich anderweitig zu informieren, etwa durch Zeitungen wie "Novaya Gazeta", die Raum boten für offene Berichterstattung und freies Denken. Das wird sich jetzt ändern. Dazu kommt: Auch viele ausländische Medien verlassen das Land.

WDR: Die Kontrolle der Medien ist ja nur eine Seite. Was ist mit den zehntausenden russischen Soldaten in der Ukraine? Die haben den Krieg ja direkt vor Augen und können direkt ihren Verwandten und Freunden berichten.

Riefer: Es sieht so aus, als ob man den meisten Soldaten ihre Handys abgenommen hat. So wird versucht, die Kommunikation nach Russland zu unterbinden.

WDR: Putin wird vor allem von den Älteren unterstützt, die der Größe der UdSSR hinterhertrauern, während die Jüngeren für Freiheit und gegen den Krieg sind - ist das ein Klischee?

Riefer: Es ist nicht ganz so einfach, trifft das Bild aber schon im Großen und Ganzen. Bei den Älteren verfängt Putins Nazi-Narrativ mit Sicherheit viel stärker. Wobei das Bild des Nazis in Russland anders funktioniert als bei uns. Im Grunde wird Nazi dort als Synonym für "Feind" benutzt. Wer nicht für das Regime war, war ein Nazi - das galt früher, und das gilt auch heute immer mehr.

Das Interview führte Ingo Neumayer.

Über dieses Thema berichten wir am 08.03.2022 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde 18.45 Uhr.

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