Ukraine-Krieg: Propagandaschlacht und Kampf um die Bilder

Stand: 05.03.2022, 16:24 Uhr

Neben Waffen und Soldaten spielen auch die Medien eine wichtige Rolle im Ukraine-Krieg. Um den Rückhalt in der Bevölkerung nicht zu verlieren, setzt die russische Führung auf Fake News.

Von Ingo Neumayer und Alex Getmann

"Sie können sich selbst etwas vormachen. Aber Sie werden uns nicht täuschen und nicht unsere Bevölkerung. Und sie werden ihre eigene Bevölkerung nicht täuschen." Die Worte, die Außenministerin Annalena Baerbock gestern vor der UN-Vollversammlung an den russischen Außenminister Sergej Lawrow richtete, waren deutlich. Und sie nahmen Bezug auf ein Thema, das in diesem Krieg eine große Rolle spielt: die Deutungshoheit über die öffentliche Meinung. Wer verbreitet welche Informationen - und zu welchem Zweck?

In diesem Zusammenhang ist auch die Bombardierung des Fernsehturms in Kiew am Dienstagabend zu sehen. Das russische Verteidigungsministerium hatte kurz zuvor mitgeteilt, damit die Informationsinfrastruktur des ukrainischen Geheimdienstes angreifen zu wollen.

Das Foto zeigt einen zerstörten Fernsehturm nach einem russischen Angriff, in der Nähe von Kiew

Fernsehturm in Kiew sendet wieder

Doch der Versuch, die Kommunikation und die Informationen in der Ukraine über den Krieg einzuschränken, ist offenbar gescheitert. Nach einer Sendepause von ungefähr einer Stunde seien die Notfallsysteme hochgefahren worden, teilte das Innenministerium in Kiew mit. Die meisten ukrainischen Sender funktionierten wieder, meldete die Nachrichtenagentur AFP.

Selenskyj nutzt seine Schauspiel-Erfahrung

Im Pressefreiheitsindex von "Reporter ohne Grenzen" rangiert die Ukraine zwar nur auf Rang 97. Doch das hat Beobachtern zufolge vor allem mit der seit Jahren schwierigen Lage für Journalisten auf der Krim und im Donbass zu tun. In den westlichen Landesteilen ist das Internet frei zugänglich, auch ausländische Nachrichtensender können empfangen werden.

Wolodymyr Selenskyj

Vom Schauspieler zum Staatschef: Wolodymyr Selenskyj

Eine große Rolle spielen soziale Medien, die vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geschickt für seine Zwecke genutzt werden. Statt auf Pressekonferenzen und Interviews setzt er auf selbst produzierte Videos und Bilder, die er via Facebook und Twitter verbreitet. Dank seiner früheren Karriere als Schauspieler und Regisseur gelingt es ihm äußerst gut, sich hier zu inszenieren. Für Christian Stöcker, Professor für Digitale Kommunikation, handelt es sich um den "ersten Krieg in der Geschichte, der zwar mit einem kleinen, dafür aber wichtigen Anteil auch auf Social Media geführt wird".

Informationskrieg: "Wahl der Kanäle immens wichtig"

WDR 5 Morgenecho - Interview 05.03.2022 06:22 Min. Verfügbar bis 05.03.2023 WDR 5


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Nur wenig unabhängige Berichterstattung aus der Ukraine

Auch der Medienwissenschaftler Florian Zollmann sieht den Ukraine-Krieg als "Propagandaschlacht" und warnt im Deutschlandfunk davor, zu sehr auf ein simples "Gut/Böse-Schema" zu verfallen. Tatsächlich ist die Zahl der Journalisten, die gerade unabhängig aus der Ukraine berichten können, gering. Vor allem Informationen über Truppenbewegungen, angebliche Erfolge oder Verluste sind derzeit schwer zu verifizieren.

Fake News und staatliche Zensur in Russland

Wer sich in Russland über den Krieg informiert, bekommt ein gänzlich anderes Bild von der Lage. Die russischen Staatsmedien inszenieren die Ukrainer meist als Nazis und Faschisten, die die dort lebenden Russen drangsalierten. Bilder aus dem Krieg werden zu Fake News benutzt. So behaupteten russische Medien am Wochenende, die Zerstörung eines Wohnhauses in Kiew hätten die ukrainischen Truppen selbst verursacht durch eine fehlgeleitete Rakete. Recherchen des Faktencheck-Portals stopfake.org zeigen hingegen: Das stimmt so nicht.

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Die Möglichkeiten für die russische Bevölkerung, sich frei und in unabhängigen Medien über das Geschehen zu informieren, sind begrenzt. Freie Presseorgane existieren kaum noch oder werden stark zensiert, die staatlichen Telekommunikationsbehörden begrenzen und verlangsamen den Zugang für Facebook und Twitter.

Wenn die Restaurantkritik zur Staatskritik wird

Am Dienstag regte das Netzkollektiv "Anonymous" an, russische Restaurants auf Google zu bewerten und in den Texten auf den Ukraine-Krieg hinzuweisen. Tatsächlich kamen tausende User dem nach: "Das Essen ist großartig, aber das Essen wurde durch den Einmarsch in die Ukraine verdorben! Glauben Sie nicht der falschen Staatspropaganda, die von den Medien verbreitet wird! Unschuldige Menschen sterben!" stand etwa bei den Bewertungen des Moskauer Nobelrestaurants Beluga. Ob die Aktion viel bewirkt hat, ist allerdings zweifelhaft. Schon Stunden später war ein Großteil der Rezensionen, die sich auf den Krieg bezogen, verschwunden.

EU sperrt russische Propagandasender RT und Sputnik

Die Bevölkerung in Russland über den Krieg und die aktuellen Ereignisse zu informieren, scheint schwierig angesichts der massiven Desinformationspolitik der Moskauer Regierung. Aber zumindest im Ausland könnte es die russische Propaganda bald schwerer haben: Als Teil ihrer Sanktionen hat die EU den russischen Staatsmedien RT und Sputnik am Mittwoch die Verbreitung innerhalb der EU verboten. Die Sender sollen ab sofort weder online, noch über Kabel oder Satellit erreichbar sein. Umgesetzt werden muss die Sperre von den Medienbehörden der jeweiligen EU-Staaten.

"Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit" ist ein alter Spruch, der vor über hundert Jahren geprägt wurde. Er trifft immer noch zu.

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