Ihre Fragen zum Krieg in der Ukraine: Warum war Europa seit 2014 so passiv?

Stand: 24.02.2022, 19:24 Uhr

Wir beantworten ihre Fragen zum Krieg in der Ukraine. Hier: Warum war Europa seit der Annexion der Krim 2014 so passiv? Was hätte die EU seit 2014 anders machen sollen? Was bedeutet der Krieg für die NATO?

Von Jörn Kießler

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist massiv eskaliert. Am Donnerstag begann das russische Militär mit dem Einmarsch in die Ukraine - nicht nur in die bereits von pro-russischen Separatisten besetzten Gebieten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief daraufhin den Kriegszustand aus.

Sowohl die NATO als auch die EU verurteilten den Angriff und kündigten Sanktionen gegen Russland an. Die NATO aktivierte zudem ihre Verteidigungspläne, um schnelle Truppenbewegungen zu ermöglichen. Sie kündigte an, ihre Streitkräfte zum Schutz der Bündnispartner im Osten zu verstärken.

Auch wenn der Angriff Russlands wegen der vielen diplomatischen Bemühungen des Westens in den vergangenen Wochen plötzlich kam - ganz überraschend war er nicht. Seit der Annexion der Krim 2014 schwebten die Expansionspläne Russlands wie ein Damoklesschwert über der Ukraine.

"Warum war Europa seit 2014 so passiv?" Ahmet Akgül
Ahmet Akgül

Ahmet Akgül

Diese Frage beschäftigt Ahmet Akgül, der in diesem Zusammenhang aber auch die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas sieht. Er fragt sich auch, ob Europa nun weiterhin zusammenhält, auch wenn die einzelnen Staaten nicht direkt etwas gegen Putin unternehmen.

Warum war Europa seit 2014 so passiv?

"Aufgrund einer brachialen Fehleinschätzung" sei Europa passiv gewesen, sagt Ralph Sina, langjähriger WDR-Korrespondent in Brüssel. Die EU habe gedacht, Putin wolle im Prinzip Frieden und nur die Krim. "Man sagte: 'Okay, die hat er'", so Sina. "Aber ansonsten wird er sich nicht die ganze Ukraine schnappen."

Selbst als es dann auch im Osten des Landes in den Regionen Donezk und Luhansk zu Kämpfen zwischen pro-russischen Separatisten und dem ukrainischen Militär kam, griff der Westen nicht ein.

Das habe daran gelegen, dass es dort keinen "großen, offenen, militärischen Krieg" gegeben habe, sagt Claudia Major von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Stattdessen sei es ein permanenter Konflikt in einer Grauzone gewesen, der es für die westlichen Staaten so schwierig gemacht habe, darauf zu reagieren. Die Frage sei gewesen: "Wie reagiere ich auf einen Cyberangriff? Wann ist die Schwelle zu einem großen Krieg überschritten?"

Was hätte die EU seit 2014 anders machen sollen?

"Die EU hätte alles tun müssen, um die Ukraine zu stärken", sagt der frühere WDR-Korrespondent Sina. So hätten EU und NATO beispielsweise Systeme für die Satellitenaufklärung der Ukraine zur Verfügung stellen können. "Man hätte diese Defensivwaffe zügig an die Ukraine liefern können. Das wäre ein wichtiger Schritt gewesen."

Dafür hätte die EU aber erkennen müssen, dass Putin sich als die "Wiedergeburt des Zaren sieht, der das alte zaristische Russland wiederherstellen will", wie der ehemalige WDR-Korrespondent sagt. "Das hätte die EU ahnen können."

Peter Neumann im AKS Interview

Peter Neumann

Dass ein großer Teil des Ukraine Konflikts mit der Person Wladimir Putins zusammenhängt, denkt auch Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King's College. "Es hat ihm ja nie gepasst, dass die Sowjetunion sich aufgelöst hat", sagte Neumann dem WDR.

"Und natürlich muss man sich schon vor Augen halten, dass Putin so ein bisschen in seiner eigenen Welt lebt." Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am Londoner King's College

Was bedeutet der Krieg für die NATO?

Vor allem, dass sie unter starkem Druck steht, meint Ralph Sina. Das zeige sich unter anderem daran, dass an dem für Freitag anberaumten Sondertreffen mit Finnland und Schweden auch zwei Nicht-NATO-Staaten teilnehmen.

"Das ist ein ganz klares Zeichen an Putin: 'Pass auf!'", sagt Sina. "Es werden Truppen verlegt. Es werden Kampfflugzeuge aus Deutschland und aus Griechenland an die Ostflanke der NATO verlegt." Vor allem die baltischen Staaten seien aktuell extrem hilfsbedürftig.

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