Ihre Fragen zum Russland-Ukraine-Konflikt: Drohen uns Engpässe bei der Energie?

Stand: 23.02.2022, 19:18 Uhr

Wir beantworten Ihre Fragen zum Russland-Ukraine-Konflikt. Hier: Wie abhängig sind wir von Energielieferungen aus Russland? Ist unsere Versorgung gefährdert? Und drohen noch höhere Energiepreise?

Von Christian Wolf

Redaktioneller Hinweis: Dieser Beitrag ist entstanden, bevor Russland in die Ukraine einmarschiert ist. Informationen zu aktuellen Entwicklungen gibt es hier:

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine eskaliert und hierzulande wird besorgt in Richtung Osten geblickt - nicht nur wegen der Kriegsgefahr, sondern auch wegen der möglichen Auswirkungen auf uns. Denn Russland zählt zu Deutschlands wichtigsten Partnern in Sachen Energie.

Mit dem vorläufigen Stopp für die Gas-Pipeline Nord Stream 2 gibt es bereits erste Konsequenzen. Doch noch weiß niemand, ob es dabei bleibt oder ob da noch mehr kommt. Selbst die Möglichkeit, dass der russische Präsident Wladimir Putin den Gashahn zudreht, scheint inzwischen denkbar.

Der Russland-Konflikt führt dazu, dass sich viele Menschen Gedanken machen über die Energie-Sicherheit. Das tut auch Maria Wrede aus Bergisch Gladbach. Die 70-Jährige sagte dem WDR:

"Mich interessiert die Frage, wie abhängig sind wir von Energielieferungen aus Russland?" Maria Wrede
Ihre Fragen-Fragestellerin Maria Wrede aus Bergisch Gladbach

Maria Wrede aus Bergisch Gladbach

Ein Blick in die Statistiken zeigt, dass die Abhängigkeit recht groß ist - vor allem beim Gas. Denn nur ein sehr kleiner Teil wird in Deutschland gefördert. Das meiste Gas wird importiert. Laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft waren es im Jahr 2020 fast 95 Prozent.

Von dem Gas, das nach Deutschland geholt wird, stammt sehr viel aus Russland. Der Bundesregierung zufolge werden rund 55 Prozent des Erdgasbedarfs aus Russland gedeckt. Weitere große Lieferanten sind Norwegen und die Niederlande. Die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sagt deshalb, Deutschland sei sehr abhängig von russischen Gaslieferungen.

Aber auch bei anderen Energiequellen spielt Russland aus deutscher Sicht eine wichtige Rolle. So stammt rund die Hälfte der Steinkohle-Importe von dort. Bei Rohöl sind es 33 Prozent.

Wäre unsere Versorgung gefährdet, wenn Russland kein Gas mehr liefert?

Diese Vermutung liegt angesichts des großen russischen Anteils nahe. Trotzdem muss wohl niemand Sorge davor haben, bald nicht mehr die Wohnung heizen zu können. Nach Einschätzung der EU-Kommission ist die Gasversorgung vorerst sicher. Man sei nicht in einer Situation, in der man sich im Fall von Lieferunterbrechungen "von einem Tag zum anderen ohne Gas befinden würde", sagt ein Sprecher. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) beteuert, Deutschland sei "versorgungssicher".

Grund sind die Gasspeicher im Land. Sollte plötzlich kein Gas mehr aus Russland kommen, könnte der Bedarf aus diesen großen Tanks eine Zeit lang bedient werden. Laut Zahlen der Organisation Gas Infastructure Europe (GIE) sind die Speicher derzeit zu rund 31 Prozent gefüllt. Vor einigen Jahren waren die Füllstände in den Februar-Monaten zwar deutlich höher. Aber es wird davon ausgegangen, dass die Speicher trotzdem vorerst reichen.

"Was uns vor allem gerade hilft, ist schlicht und ergreifend das Wetter. Die Temperaturen sind relativ mild und das führt dazu, dass die Vorräte in unseren knapp 50 unterirdischen Gasspeichern bis zum Frühjahr ausreichen müssten. Denn das meiste Gas wird ja zum Heizen benutzt", sagt WDR-Wirtschaftsexperte Jörg Marksteiner. Aber: "Im Frühjahr müssen die Speicher wieder aufgefüllt werden. Und das wird schwer ohne russisches Gas."

Auch der Branchenverband der Speicherunternehmen geht davon aus, dass die Gasversorgung in den kommenden Tagen und Wochen einen Ausfall überstehen könnte. "Da eine solche Situation in der Vergangenheit bislang noch nicht aufgetreten ist, bleibt allerdings eine gewisse Unsicherheit bestehen", sagt Verbandsgeschäftsführer Sebastian Bleschke.

Der Chef des Energiekonzerns Eon, Leonhard Birnbaum, setzt darauf, dass es gar nicht erst zu einem Lieferstopp kommt. In der Wochenzeitung "Zeit" verweist er darauf, dass Moskau selbst im Kalten Krieg stets geliefert habe, obwohl es mitunter Schwierigkeiten gegeben habe, die eigene Wirtschaft zu versorgen.

Dahinter streckt: Ein Gas-Boykott würde Russland hart treffen. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat ausgerechnet, dass ein Handelsstopp mit Gas einen Einbruch der russischen Wirtschaftsleistung um 2,9 Prozent zur Folge hätte.

Müssen wir uns jetzt auf noch stärker steigende Gas- und Strompreise einstellen?

Wenn es dank der Speicher schon keinen Ausfall gibt, sind weiterhin hohe oder sogar noch steigende Preise ein realistisches Szenario. "Die eher niedrigen Preise der vergangenen Jahre werden wir erstmal nicht wiedersehen. Die Zeichen stehen gerade nicht auf Entspannung", sagt WDR-Wirtschaftsexperte Marksteiner. Denn schon vor der Eskalation in Osteuropa waren die Energiepreise sehr hoch. Zum Jahresanfang musste für eine Kilowattstunde 12,21 Cent gezahlt werden. 2021 waren es noch 7,06 Cent gewesen. "Sollte Russland alle Lieferungen stoppen, würde das mit Sicherheit noch mal zu einem Preisschock führen."

Der Präsident des Wirtschaftsinstituts ifo, Clemens Fuest, sagt: "Es ist zu erwarten, dass die Preise für Öl und Gas weiter ansteigen." Und auch Bundeswirtschaftsminister Habeck machte am Dienstag bei seinem Besuch in NRW deutlich, es könnte kurzfristig ein Ansteigen der Gaspreise geben.

Wird die Lage durch den Stopp von Nord Stream 2 noch verschärft?

Von russischer Seite wird die Furcht vor höheren Gaspreisen bewusst geschürt. So sagte der Vize-Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, am Dienstag: "Willkommen in einer Welt, in der Europäer 2000 Euro für Gas zahlen."

Der Branchenverband "Zukunft Gas" hält die Pipeline für notwendig und verweist auf sinkende Fördermengen in Norwegen und den Niederlanden. Dieser Ausfall müsse über andere Importe kompensiert werden. "Die Pipeline leistet einen Beitrag zur Schließung der wachsenden Importlücke in Europa", sagt Geschäftsführer Timm Kehler.

Doch statt durch Pipelines lässt sich Gas auch in flüssiger Form mit dem Schiff transportieren. Die USA haben bereits signalisiert, bei einem Stopp für Nord Stream 2 ihre Lieferungen von Liquefied Natural Gas (LNG) nach Europa auszuweiten. Dafür muss hierzulande aber die Infrastruktur ausgebaut werden.

Zwar kommen gerade mehr Tanker mit Flüssiggas aus den USA und auch Katar in Europa an. "Aber das reicht nicht", sagt WDR-Wirtschaftsexperte Marksteiner. Denn ein Tanker transportiere in etwa so viel Erdgas wie durch eine große Pipeline an einem Tag ankommt. "So viele Tanker gibt es nicht, um das komplett aufzufangen."

Wird die Politik uns Verbraucher entlasten?

Die Bundesregierung hat das vor. "Was den kurzfristigen Preisanstieg und die Belastung für Verbraucher und Unternehmen angeht, werden wir Entlastung an anderer Stelle schaffen", sagt Habeck. So hat die Ampel-Koalition am Mittwoch beschlossen, dass die EEG-Umlage schon im Sommer abgeschafft und die Pendlerpauschale erhöht wird.

Schon jetzt ist aber klar: "Für viele wird das nicht reichen, um die Preissprünge bei Strom und Gas auszugleichen", sagt WDR-Wirtschaftsexperte Marksteiner.

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