Ukraine unter Raketenbeschuss: "Wir leben nur noch von Attacke zu Attacke"

Stand: 28.02.2022, 19:10 Uhr

Hunderttausende Ukrainer flüchten vor den russischen Angriffen. Die Flucht wird durch Raketenangriffe und besetzte Straßen zunehmend gefährlicher. Wir konnten mit Mila Kyrylenko sprechen, die sich in den Keller eines Hotels gerettet hat.

Von Sabine Meuter

Mila Kyrylenko ist völlig aufgelöst. Immer wieder bricht sie in Tränen aus. Wir erreichen die ukrainische Dolmetscherin, die vor einigen Tagen mit ihren Angehörigen aus Kiew geflüchtet ist, via WhatsApp im Keller eines Hotels im Raum Schytomyr - circa 180 Kilometer westlich von Kiew.

"Die Explosionen waren sehr nahe"

Mila Kyrylenko mit Lebensgefährtin Vera

"Die vergangene Nacht haben wir komplett im Keller verbracht und nur gebetet", erzählt Mila Kyrylenko. Immer wieder habe es Luftalarm und Explosionen gegeben. "Die Explosionen waren sehr nahe", sagt sie weinend. Auch Schüsse seien ständig zu hören gewesen.

Ständig Luftalarm: "Wir leben von Attacke zu Attacke"

"Wir waren mit zwei weiteren Familien im Keller, die ganze Nacht, und circa um fünf Uhr morgens sind wir hoch in den Flur gegangen." Und dann nach zwei Stunden wieder in den Keller. Dann sei erst mal Ruhe gewesen. Zwei Stunden später sei es wieder losgegangen.

Mila Kyrylenkos Sohn schläft auf einer Isomatte in der Unterkunft wo sie sich zurzeit befinden.

Und so gehe es fortlaufend. Als es mal eine Pause bei den Angriffen gegeben habe, "da konnten wir frühstücken oder zu Mittag essen". Sie habe keine Ahnung mehr, welche Tageszeit gerade sei. Sie, ihr Sohn, ihre Lebensgefährtin und ihre Schwester verfolgten keine Zeit mehr. "Wir leben nur noch von Attacke zu Attacke", sagt Mila Kyrylenko.

Lebensmittel im Auto aus Kiew mitgenommen

Auf der Autobahn raus aus Kiew

Mit Lebensmitteln seien sie, wenn auch dürftig, erst mal versorgt. Die hätten sie im Auto mitgenommen. "Wir essen sehr sparsam." Zum Glück gebe es in dem Hotel Wasser. Für die Fahrt von Kiew zum aktuellen Standort brauchten sie 15 Stunden - in Friedenszeiten wären es zwei Stunden gewesen.

Weiterfahrt sehr gefährlich

Der Plan von Mila Kyrylenko: mit dem Pkw Richtung Lviv (Lemberg) kommen. Das Problem: Es gibt eine zentrale Autostraße. Doch die werde "gnadenlos gebombt". Insofern mache es keinen Sinn, nach Lviv zu fahren. "Die Russen erschiessen die Leute in den Zivilautos", so die Ukrainerin.

Raketeneinschlag direkt neben dem Auto

Ein Krater, verursacht durch einen Bombenanschlag, in einem Kiewer Wohnviertel

Überhaupt gebe es überall auf den Straßen in der Ukraine Panzer und schwere Kriegstechnik. Das gefährlichste Gebiet sei die Region rund um Kiew. Auf ihrer Autofahrt raus aus der Stadt fielen nahe des Fahrzeugs von Kyrylenko und ihren Angehörigen zwei Raketen. "Die Stoßwelle war so heftig, dass der Motor des Autos ausging." Und die Insassen bekamen schwere Atemaussetzer. Zum Glück überlebten sie.

Vor einem Wohnhaus in Kiew brennt ein völlig zerstörtes Auto

Immer wieder erfolgten Fahrzeug-Kontrollen durch Militärs. Alles werde gecheckt - Papiere, Gepäck, Kofferraum. Sie habe mitbekommen, dass an einer Kontrollstation ein Auto nicht stoppte, sondern weiterfuhr. "Da wurde der Fahrer erschossen", erzählt Mila Kyrylenko.

Angst vor Spionen - und Corona

Ihr Dasein sei geprägt von Angst. Alles werde erschwert von Spionen. "Wir haben einen Hund und müssen regelmäßig raus aus dem Haus." Alle Leute, die vorbeilaufen, verdächtigten "uns, und wir verdächtigen sie".

Und hinzu kämen gesundheitliche Beschwerden. "Wir haben alle Fieber und Husten, aber so gut wie keine Medikamente." Sie wüssten nicht, ob es eine Erkältung sei - oder sie womöglich an Corona erkrankt seien. Was für Lebensbedingungen. Einfach unerträglich. Und niemand weiß, wie es weitergeht.

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