Eine Anwohnerin spricht mit einem Soldaten in Schtschastja

Ukraine-Krieg: Der Widerstand hält - aber wie lange noch?

Stand: 03.03.2022, 20:25 Uhr

Wie lange kann sich die Ukraine gegen den russischen Einmarsch wehren? Welche Rolle spielen westliche Waffenlieferungen? Der Stand nach einer Woche Krieg.

Es ist eine Woche her, dass russische Truppen in die Ukraine einmarschiert sind. Doch Putins Plan, mit einem schnellen Vorstoß die Vorherrschaft über das Land zu gewinnen, ist bislang nicht aufgegangen. Der Widerstand der Ukraine ist größer als gedacht, und auch die Einigkeit und Unterstützung im und durch den Westen überrascht viele Beobachter. Wir klären die wichtigsten Fragen zum aktuellen Stand.

Warum stockt der russische Vormarsch?

Dieses Satellitenbild zeigt russische Bodentruppen mit Militärfahrzeugen in einem Konvoi nordöstlich von Iwankiw in der Ukraine, der sich in Richtung Kiew bewegt.

Russischer Militärkonvoi auf dem Weg nach Kiew

Seit Tagen sieht man die Bilder des kilometerlangen russischen Militärkonvois, der auf dem Weg nach Kiew ist. Doch seit Wochenbeginn ist dieser offenbar ins Stocken geraten. Die Kolonne habe "wenig erkennbare Fortschritte" gemacht und stehe weiter 30 Kilometer von Kiew entfernt, teilte das britische Verteidigungsministerium mit.

Woran das liegt, ist bislang unklar. Das amerikanische Militärmagazin "Task & Purpose" verweist auf die schwierigen äußeren Bedingungen. Möglicherweise blieben die Panzer im Matsch stecken. Auch Nachschubprobleme aus Russland könnten ein Faktor sein. Laut Pentagon gibt es Probleme, die russischen Truppen mit Lebensmitteln und Benzin zu versorgen. Der NDR-Militärexperte Andreas Flocken ist zudem der Ansicht, der "überraschend starke Widerstand" habe die russische Militärführung mit Sicherheit überrascht.

Ukrainer bereiten Molotov Cocktails vor

Zivilisten stellen Molotov-Cocktails her

An diesem Widerstand ist auch die ukrainische Zivilbevölkerung beteiligt. Bilder aus verschiedenen Städten zeigen Zivilisten, die Brandsätze bauen, um diese gegen die russische Armee einzusetzen.

Zudem kommt es offenbar immer wieder zu Blockaden. So sollen laut ukrainischen Medien am Mittwoch mehrere hundert Zivilisten russischen Einheiten den Zugang zum Atomkraftwerk Saporischschja versperrt haben.

Was sagt der Kreml?

Dass es überhaupt keine Probleme gibt: Am Donnerstagabend erklärte Wladimir Putin am Rande einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats, deren Beginn im Staatsfernsehen gezeigt wurde: "Ich möchte sagen, dass die militärische Spezial-Operation streng nach Zeitplan und nach Plan verläuft." Und: "Alle gesetzten Aufgaben werden erfolgreich gelöst."

Ändert sich die russische Strategie?

Davon gehen die meisten Beobachter aus. Nachdem die schnelle Einnahme des Landes gescheitert ist, sieht Flocken eine neue Strategie. "Es sind verstärkte Angriffe aus der Luft zu erwarten", sagte er am Mittwoch.

Anwohner in Zaporizhzhia versuchen, ein Krankenhaus mit Sandsäcken zu schützen

Menschen in Zaporizhzhia schützen am Mittwoch ein Krankenhaus mit Sandsäcken

Auch der Osteuropa- und Militärexperte Gustav Gressel geht von einer weiteren Eskalation aus. Er rechnet mit einer Situation wie in Syrien, wo man durch Luftschläge und Artilleriebeschuss auf Infrastruktur und zivile Ziele versucht habe, die Moral der Bevölkerung zu schwächen, sagte er dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND)".

Die US-Regierung beobachtet und dokumentiert nach eigenen Angaben genau, wie Russland im Ukraine-Krieg gegen die Zivilbevölkerung vorgeht. "Wir haben in der Vergangenheit sicherlich gesehen, dass eine der Kriegsmethoden Russlands darin besteht, absolut brutal vorzugehen und zu versuchen, die Bürger eines Landes einzuschüchtern", sagte US-Außenminister Antony Blinken. Er reagierte damit auf die Frage einer Reporterin, ob Russland nach US-Einschätzung im Ukraine-Krieg vorsätzlich zivile Ziele angreife.

Ein zerstörtes Wohnhaus in CHarkiw (26.02.2022)

Immer mehr zivile Ziele beschossen

Die Ukraine hatte Moskau vor dem UN-Sicherheitsrat Kriegsverbrechen vorgeworfen. Russland weist diese Anschuldigungen zurück.

Wie sehen die russischen Soldaten den Krieg? Wer kämpft dort?

"Mindestens die Hälfte der russischen Soldaten sind junge Wehrpflichtige", sagte der norwegische Sicherheitsexperte Pavel Baev. Diese seien gar nicht auf einen Kriegseinsatz vorbereitet, ihnen fehle der Wille für diesen Angriff. Baev ist überzeugt: "Die Moral der russischen Soldaten sinkt sehr schnell."

Militärexperte Gressel geht davon aus, dass viele russische Soldaten gar nicht gewusst hätten, dass sie in den Krieg marschierten. "Der Kreml hat diesen Krieg vor den Soldaten geheim gehalten. Es waren im Grunde nur engste Vertraute aus dem Sicherheitsapparat und im Generalstab, die von dem Krieg gewusst haben. Der Rest wurde quasi hinters Licht geführt", sagte er dem "RND".

Laut der russischen Hilfsorganisation "Soldatenmütter" kämen besonders viele Soldaten aus den Städten Wolgograd und Nischnij Nowgorod. Das sagte eine Sprecherin der "FAZ".

Was bewirken die Waffenlieferungen aus dem Westen?

Schleswig-Holstein, Todendorf: Ein Soldat des Heeres feuert auf einem Schießplatz im schleswig-holsteinischen Todendorf im Jahr 2010 eine Stinger-Flugabwehrrakete ab.

Ukraine erhält Waffen aus dem Westen

500 Boden-Luft-Raketen sowie 1.000 Panzerabwehrwaffen aus deutschen Beständen sind bereits in der Ukraine angekommen. Laut ARD-Informationen soll die Ukraine zudem weitere 2.700 Flugabwehrraketen aus DDR-Beständen erhalten. Allerdings sind hier noch Fragen bezüglich der Qualität zu klären. Die Bundeswehr hat die Raketen vom Typ "Strela" wegen Materialschwächen seit 2012 vom Einsatz gesperrt.

Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz sieht mit den Waffenlieferungen an die Ukraine die Möglichkeiten Deutschlands und der Nato ausgeschöpft, dem Land im Kampf gegen Russland beizustehen. "Wir stehen an der Grenze dessen, was hier militärisch möglich ist", sagte er am Donnerstag im ZDF.

Beobachter gehen davon aus, dass die westlichen Waffenlieferungen die militärische Niederlage allenfalls herauszögern können. "Man muss realistisch sein: Dauerhaft wird die Ukraine den russischen Streitkräften nicht standhalten können", glaubt NDR-Experte Flocken. Ähnlich sieht es Michael Olsansky von der Militärakademie der TH Zürich. Bei allen bisherigen Verteidigungserfolgen habe die ukrainische Armee dennoch Kampfkraft und Beweglichkeit eingebüßt, sagt er dem Magazin "Watson".

Über dieses Thema berichteten wir am 03.03.2022 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde 18.45 Uhr.

Weitere Themen

Aktuelle TV-Sendungen