Ukraine-Krieg: Wie NRW von russischer Energie unabhängig werden könnte

Stand: 25.03.2022, 20:20 Uhr

Deutschland will unabhängig werden von Öl, Gas und Kohle aus Russland. Eine Idee ist, die Lücke mit Erneuerbaren Energien zu schließen. Aber würde das in NRW überhaupt funktionieren?

Seit mittlerweile fast 4 Wochen tobt der Krieg in der Ukraine. Um Russland dazu zu bekommen, die Invasion zu stoppen ohne militärisch einzugreifen, setzt der Westen in erster Linie auf wirtschaftliche Sanktionen - unter anderem indem er zukünftig auf russisches Öl und Gas verzichten will.

Habeck: "Wir machen es Schritt für Schritt"

"Wenn wir alle drei fossilen Energieträger, also Kohle Öl und Gas, sofort ausschalten, wären die Konsequenzen dramatisch. Wir machen es nicht abrupt, wir machen es Schritt für Schritt und denken die Dinge zu Ende", sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck gegenüber der ARD.

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Partnersuche in Katar

Daher sucht die Bundesregierung nach anderen Partnern, die die Lücke, die dann entstehen könnte, schließen könnten. Nach seinem Besuch in Katar war Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck für Verhandlungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und hat in Abu Dhabi vier Wasserstoffkooperationen der deutschen Wirtschaft sowie eine Forschungszusammenarbeit vereinbart, wie das Wirtschaftsministerium mitteilte.

Und grünem - also aus erneuerbaren Energien gewonnenem - Wasserstoff kommt auf dem Weg Deutschlands in die Klimaneutralität eine zentrale Rolle zu. Ohne ihn und die synthetischen Produkte, die sich aus ihm gewinnen lassen, können Industriebranchen wie Chemie und Stahl nicht CO2-neutral werden, sagt Andreas Löschel, Professor für Umwelt-/ Ressourcenökonomik und Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum.

Völlige Unabhängigkeit ist nicht das Ziel

Es gehe bei dem Umbau nicht darum, bei der Energieversorgung völlig autark zu werden: "Es macht keinen Sinn, sich komplett unabhängig machen zu wollen. In der Welt der erneuerbaren Energien sind viele Regionen viel besser als wir", sagt Löschel. Wo es Sonne und Wasser im Überfluss gebe, dort müsse der grüne Wasserstoff herkommen.

"Wir sollten uns unabhängiger machen, aber wir brauchen keine Unabhängigkeit", lautet sein Credo. Dafür seien eine Diversifizierung bei der Energiebeschaffung und die Berücksichtigung der politischen Stabilität in den jeweiligen Herkunftsländern unerlässlich. Man muss sich also künftig viel breiter aufstellen, als dies zuletzt geschehen ist.

Ukraine-Krieg als Chance für die Energiewende

Robert Habeck

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne)

Wirtschaftsminister Habeck betont seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine immer wieder, wie wichtig es nun sei, die Erneuerbaren Energien auszubauen. Dafür hat die Bundesregierung ein Maßnahmen-Paket angekündigt, das sie noch vor Ostern vorlegen will.

"Fossile Energien stärken immer Monopole. Und Monopole stärken Oligarchen. Und Oligarchen sind meisten zwielichtige Gestalten." Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne)

Ukraine-Krieg - unabhängig werden von Putins Gas, Öl und Kohle 19.03.2022

WDR 5 Profit 19.03.2022 24:48 Min. Verfügbar bis 19.03.2023 WDR 5


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Reiner Priggen im Portrait.

LEE-NRW-Vorsitzender Reiner Priggen

Reiner Priggen, Vorsitzender des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW (LEE NRW) ist der Meinung, dass die nun eingeleiteten Schritte der Bundesregierung die richtigen sind. "Und jetzt müssen wir das nur als gemeinsame Aufgabe verstehen und alle - Unternehmen, Privatleute, Landesregierung, Bundesregierung, Kommunen - wir müssen alle anpacken und die erneuerbaren ausbauen", so Priggen im Gespräch mit dem WDR.

Energiebedarf ist größer als Kapazität

Eine kurzfristige Lösung ist das jedoch nicht, wie ein Blick auf die Energiebilanz des Landes zeigt. Bereits 2018 kamen nach Informationen von IT.NRW 17,2 Prozent der in NRW gewonnenen Primärenergie aus Erneuerbaren Energien. Und obwohl diese gesamte Energie auch in Nordrhein-Westfalen verbraucht wurde, macht ihr Anteil am Gesamtverbrauch 2018 nur 5,4 Prozent aus.

Das hängt vor allem damit zusammen, dass NRW wesentlich mehr Energie verbraucht, als es aktuell selbst herstellt. 2018 waren das 1.118.571 Terajoule. Verbraucht wurden jedoch insgesamt 3.728.783 Terajoule also mehr als dreimal so viel.

"Wir sind aber der festen Überzeugung, dass NRW diese Lücke mit Hilfe der Erneuerbaren Energien langfristig schließen kann", sagt Christian Mildenberger, Geschäftsführer des LEE NRW. Dafür müssten aber endlich die vielen ungenutzten Potentiale aktiviert werden.

Energieverband sieht viel Potential in NRW

So gebe es zahlreiche ältere Wind-Energie-Anlagen die erneuert werden und anschließend mehr Energie erzeugen könnten. Vor allem auf Gebäudedächern sei noch viel Platz für Photovoltaik-Anlagen. "Und mit einem Ausbau der Bioenergie mit Anlagen, die ihr Gas in das Netz einspeisen können, gibt es die Möglichkeit sich ganz direkt von russischem Gas unabhängiger zu machen", so Mildenberger.

Dafür sei aber die Landesregierung gefordert, die "nun endlich" verlässliche Zusagen machen müsse und die benötigten rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen. "Allein durch die Abschaffung der 1.000-Meter-Abstandsregelung für Windräder könnten zahlreiche neue Anlagen gebaut werden", so Mildenberger.

Christian Mildenberger im Portrait.

Christian Mildenberger, Geschäftsführer LEE NRW

Er ist guter Dinge, dass das jetzt passieren könnte. Der Ukraine-Krieg habe auch zu einer großen Bereitschaft aller demokratischen Parteien im Landtag geführt. Zudem rechnet Mildenberger damit, dass seltener gegen Windkraftanlagen geklagt wird.

"Ich denke, dass durch den Krieg die breite Mehrheit der Menschen, die für die Energiewende ist, lauter wird und die Projekte so häufiger umgesetzt werden können."

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