Hohe Spritpreise: Wie sehr profitieren Öl-Konzerne vom Ukraine-Krieg?

Stand: 16.03.2022, 15:42 Uhr

Obwohl der Preis für Rohöl trotz des Kriegs in der Ukraine wieder gesunken ist, bleibt Sprit extrem teuer. Die Politik macht dafür die Konzerne verantwortlich. Hat sie Recht?

Von Jörn Kießler

Seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine sind die Spritpreise drastisch gestiegen. Mittlerweile sinkt der Rohölpreis zwar wieder, Benzin und vor allem Diesel sind aber weiterhin teuer. Das sorgt für Kritik an den Öl-Konzernen.

"Mein Eindruck ist, dass ein paar Ölmultis gerade den großen Reibach machen." Danyal Bayaz (Grüne), Finanzminister Baden-Württemberg

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Rolf Mützenich, wirft den Unternehmen vor, mit Spekulationen die Preise in die Höhe getrieben zu haben.

Und Sven-Christian Kindler, haushaltspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag geht sogar so weit, dass er illegale Preisabsprachen zwischen den Mineralöl-Konzernen für möglich hält, wie er im Deutschlandfunk sagte.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck nimmt an wöchentlicher Kabinettssitzung im Bundeskanzleramt teil

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat mittlerweile die deutschen Wettbewerbshüter beauftragt, genau diesen Sachverhalt zu prüfen. "Mein Haus hat das Bundeskartellamt gebeten, die Benzin- und Dieselpreise sehr genau zu beobachten und bei jeglichem Hinweis auf missbräuchliches Verhalten tätig zu werden", wird Habeck zitiert.

Wie stark hängen Diesel- und Benzinpreis vom Rohölpreis ab?

Tatsächlich hat sich der Rohölpreis mittlerweile wieder beruhigt. Der Preis für ein Fass (159 Liter) der Rohöl-Sorte Brent - die wichtigste auf dem europäischen Markt - lag am Dienstag bei Handelsschluss bei 98,71 Euro. Am Dienstag vor einer Woche betrug der Preis noch 128,85 Euro.

Im Vergleich dazu ist der Preis von Diesel und Benzin kaum gesunken. Am Dienstag vergangener Woche kostete ein Liter Super-E10-Benzin in Deutschland laut ADAC im Durchschnitt 2,10 Euro. Der Liter Diesel lag demnach bei 2,15 Euro. Am Dienstag dieser Woche waren die Preise sogar noch gestiegen: auf 2,19 für den Liter Benzin und 2,29 Euro für Diesel.

Hohe Preise haben vielfältige Ursachen

Ist an dem Verdacht von Kindler, dass die Öl-Unternehmen mit Hilfe des Kriegs in der Ukraine "Milliardengewinne auf Kosten von Autofahrern" machen, also etwas dran?

"Fakt ist: Mit Blick auf den Rohöl-Kurs ist der Preis an den Zapfsäulen derzeit wohl zu hoch", sagt Thomas Puls vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Ob die Konzerne dadurch aber wesentlich mehr an jedem Liter Sprit verdienen, ließe sich nicht genau sagen. "Dafür müsste man die Preiskalkulationen der Unternehmen kennen."

Allerdings gebe es Indizien, mit denen sich die Ursachen für die hohen Preise zumindest teilweise erklären ließen, so der Ökonom. "In diesem Zusammenhang kann man von kriegsbedingten Sonderlasten sprechen", sagt Puls. Viele Unternehmen, darunter auch Shell, BP und Exxon-Mobil haben angekündigt, sich aus dem russischen Öl- und Gas-Geschäft zurückzuziehen und soweit möglich auch kein russisches Öl und Ölprodukte mehr zu kaufen.

"Das bedeutet neben Abschreibungen in Milliardenhöhe auch, dass sie sich neue Öl-Lieferanten suchen und die Stoffströme umplanen müssen", erklärt der Ökonom. All das schlage sich sicher auch im Spritpreis nieder.

Diesel-Exporteur Russland

Auch dafür, dass der Dieselpreis noch stärker gestiegen sei als der Benzinpreis, hat Puls eine Erklärung: Russland ist einer der wichtigsten Exporteure für Diesel weltweit. "Rechnerisch kommen 14 Prozent des Diesels, der im Deutschen Straßenverkehr verbraucht wird, aus Russland", sagt Puls.

Das Problem daran sei, dass dieses Defizit nicht damit ausgeglichen werde könne, indem mehr Rohöl aus anderen Ländern importiert werde. "Die Raffinerien in Deutschland haben nicht die Kapazitäten, daraus die gleiche Menge Diesel zu produzieren."

Ein weiterer Faktor, der den Dieselpreis in die Höhe treibt, ist laut Puls, dass sich aktuell viele Menschen mit Heizöl bevorraten, obwohl auch hier die Preise extrem hoch sind. "Heizöl ist von der chemischen Zusammensetzung quasi nichts anderes als Diesel", so Puls. Die Menge auf dem Markt werde dadurch noch knapper, was sich wiederum im Preis niederschlage.

ADAC: Öl-Firmen verdienen "gutes Geld"

Auch mit dem Wissen um diese Faktoren sieht der ADAC die Rolle der Öl-Firmen bei der Entwicklung der Spritpreise kritisch. "Trotz aller kriegsbedingter Sondereffekte und Erklärungen für die hohen Spritpreise – irgendwo zwischen Ölförderung und Tankstelle bleibt das zusätzliche Autofahrergeld hängen", sagt Kraftstoffmarkt-Experte Jürgen Albrecht. "Die Mineralölkonzerne verdienen im Raffineriegeschäft derzeit richtig gutes Geld."

Und auch der Wirtschaftsverband Fuels und Energie (en2x) äußerte sich ähnlich. Ein Sprecher sagte der "Tageszeitung": "Die Raffinerien verdienen derzeit deutlich mehr Geld als vorher."

Über dieses Thema berichten wir im WDR am 16.03.2022 auch im WDR Fernsehen: Aktuelle Stunde 18.45 Uhr.

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