Deutsch-türkische Beziehungen und das Theater

Eine türkische Theatergruppe beim Festival Heidelberger Stückemarkt

Sansürsüz Türkiye - Exklusiv

Deutsch-türkische Beziehungen und das Theater

Von Özen Yula

Wir befinden uns in einer Zeit, in der zwei Gesellschaften, die in schwierigen historischen Zeiten aneinander geholfen und Zuflucht beieinander gesucht haben, erkennen sollten, dass sie mit all ihren verschiedenen Farben zusammenleben können. Von nun an hoffe ich, dass im 21. Jahrhundert nicht mehr Politiker und politische Trends, sondern Künstler und die Kunst selbst die Beziehungen der beiden Länder bestimmen werden.

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Ich besuchte als Autor und Regisseur das Heidelberger Stückemarkt: „Gastland Türkei“ und bekam so Gelegenheit, mich mit der Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei etwas auseinanderzusetzen. Die Beziehung zwischen den beiden Ländern entwickelte sich manchmal wie ein Streit zwischen zwei Brüdern und manchmal wie die Beziehung zweier sehr unterschiedlicher Personen, die noch unerfahren sind und versuchen, miteinander zu flirten. Einige Phasen sind noch ungewöhnlicher. Im Türkischen gibt es eine Redewendung: „Weder bringt es dich um und noch zum Lachen“. Diese Redewendung beschreibt die Art und Weise, wie beide Länder in Abhängigkeit vom politischen Klima miteinander kommunizieren. So ist Deutschland häufig sehr besorgt darüber, wie Demokratie, welche zu seinen Grundwerten zählt, in der Türkei ausgelebt wird und wie dies sich in seiner Gesellschaft wiederspiegelt. Für mich ist das eher wie, wenn jemand sein Spiegelbild anschaut. Wer in den Spiegel sieht, sieht sich selbst, jedoch zweifelt er dabei nicht an sich selbst. Viel mehr achtet er auf Details. Er konzentriert sich auf einen Punkt an seinem Körper, mit dem er entweder sehr zufrieden oder überhaupt nicht zufrieden ist. Oder er sieht sich selbst dabei zu, wie er darüber nachdenkt, wie andere ihn sehen. Wenn Deutschland also die Türkei so anschaut, als würde es in den Spiegel sehen, denkt es eigentlich darüber nach, wie andere über ihn denken, wenn sie ihn ansehen. Dies ist keineswegs etwas Negatives. Darüber hinaus ist es sehr wichtig, dass wir uns gegenseitig ansehen und unsere Defizite und Überschüsse erkennen. Denn Überschüsse können genauso auch wie Defizite zerstörerische Eigenschaften haben.

Wenn ich die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei im Rahmen des Theaters betrachte, halte ich mir immer diesen Vergleich mit dem Spiegel vors Auge und werde dann mit drei wichtigen Stationen konfrontiert.

Zunächst sollte darauf hingewiesen werden, dass es eine türkische Theatertradition gibt. Im 16. Jahrhundert, während der Blütezeit des Osmanischen Reiches, ist eine Art Mischung aus Krankenhäusern und Nervenkliniken entstanden. In einem runden Bereich im Hof ​​des Gebäudes begannen Patienten, hin- und her zu schlendern. Die Bewegungen waren kreisförmig. Laut einigen Forschern spielte dieser Hof beim ersten Aufkommen des türkischen Volkstheaters Orta Oyunu eine wichtige Rolle. Orta Oyunu ist eine Theateraufführung, die auf einem kreisförmigen Platz mit kreisenden Bewegungen gespielt wird und bei der die Zuschauer rund um den Spielort sitzen. Umberto Eco skizziert in seinem Essay „Opera Aperta“ (Das offene Kunstwerk) die episodische Struktur. Eigenschaften, wie Entfremdung, die er dort beschreibt, wurden erstmals in „Orta Oyunu“ vorgestellt. Der erste Kern des „epischen Theaters“, ein großer Beitrag von Bertolt Brecht zum Welttheater, war ebenfalls in der Orta Oyun-Tradition zu sehen. Dies ist die erste Station in der Interaktion der beiden Länder.

Eine Theateraufführung mit Tuncel Kurtiz

Die zweite ist korporativ. Die Gründung der türkischen Staatstheater ist den Arbeiten des deutschen Theater- und Opernregisseur Carl Ebert in den Jahren zwischen 1935 und 1941 in der Türkei zu verdanken. Auch während des Zweiten Weltkriegs sind deutsche Wissenschaftler und Künstler in die Türkei geflüchtet und haben im relativ sicheren Ankara viele architektonische, wissenschaftliche und künstlerische Arbeiten durchgeführt und für türkische Künstler den Weg geöffnet.  Nun sehen wir, dass auch einige Künstler aus der Türkei insbesondere nach Deutschland ausgewandert sind und dort einen Beitrag zum kulturellen Klima leisten.

Die Migrationswelle in den Sechzigern hatte auch dazu geführt, dass einige Künstler sich in Deutschland niederließen oder vorübergehend dorthin auswanderten. Wichtige Künstler, wie Sener Sen, Ayla Algan, Tuncel Kurtiz, Beklan Algan, Macit Koper und Basar Sabuncu konnten mit der Unterstützung von Peter Stein in den 80er Jahren den Grundstein für ein Migrantentheater in der Schaubühne legen. Bedauerlicherweise war diese Initiative nicht erfolgreich und konnte nicht fortgesetzt werden. Die dritte Station war somit kurzlebig.

Zwischen der Türkei und Deutschland gab es im Bereich Theater selbstverständlich auch andere Zwischenstationen. In den 90ern wurde in der Biennale Bonn und seit 2000 wird in der Biennale Wiesbaden und nun auch im Heidelberger Stückemarkt der Schwerpunkt auf das Theater aus der Türkei gelegt, neue Stücke und verschiedene Regien wurden vorgetragen. Dies ist ein wichtiger Schritt für die Kunst beider Länder. Ebenso ist es eine wertvolle Initiative, die Türkeistämmigen der jüngeren Generation, die in Deutschland leben, die Möglichkeit bietet, ihr Einwanderungsland aus einer kritischen Perspektive aus zu betrachten. Wir befinden uns nun in einer Zeit, in der zwei Gesellschaften, die in schwierigen historischen Zeiten aneinander geholfen und Zuflucht beieinander gesucht haben, erkennen sollten, dass sie mit all ihren verschiedenen Farben zusammenleben können. Von nun an hoffe ich, dass im 21. Jahrhundert nicht mehr Politiker und politische Trends, sondern Künstler und die Kunst selbst die Beziehungen der beiden Länder bestimmen werden.

Aus dem Türkischen von Neslihan Akbal

Stand: 17.06.2019, 18:00