„Religionsermüdung“ und die gottlosen Schüler der religiös geprägten Imam-Hatip-Schulen

Schülerinnen vor dem Eingang einer Imam-Hatip-Schule

Türkei Unzensiert - Exklusiv

„Religionsermüdung“ und die gottlosen Schüler der religiös geprägten Imam-Hatip-Schulen

Von Mustafa Alp Dağıstanlı

Die AKP-Regierung hat die Gesellschaft so sehr mit der Religion überbelastet, dass sogar ein „Glaubensproblem“ bei den Schülern der religiös geprägten Imam-Hatip-Schulen entstanden ist.

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Die Erdogan-Regierung sagt „Wir möchten eine religiöse Generation schaffen“ und versucht mit neuen Regelungen die Schüler zu den Imam-Hatip-Schulen hinzuleiten. Ihre Rechnung scheint jedoch nicht aufzugehen. Laut einer Untersuchung wenden sich Schüler der Imam-Hatip-Schulen in der Provinz Konya, die für ihre religiöse Besessenheit bekannt ist, immer mehr dem Deismus und einige wenige sogar dem Atheismus zu. (*)  

Wie wir vom Workshop „Jugend und Glaube“, organisiert von der Generaldirektion für Bildungswesen der Provinz Konya, erfahren haben, stellen Schüler Fragen, wie „Warum greift Gott nicht in das Böse auf der Erde ein und handelt nicht?“.

Ein weiterer Punkt, den das Workshop als Abkehr von der Religion und als ein „Glaubensproblem“ sah, ist der folgende: „Homosexualität wird von vielen Gymnasiasten als normal und sogar als sympathisch empfunden. Sie wird nicht als Perversität, sondern als eine sexuelle Orientierung definiert. Die Schüler verstehen Homosexualität im Kontext von Freiheit. Den Schülern wird nicht ausreichend gelehrt, was Freiheit wirklich bedeutet.“

Glücklicherweise haben Jugendliche trotz aller Bemühungen des Bildungsministeriums und den verbreiteten gesellschaftlichen Vorurteilen einen gesunden Menschenverstand. 

Diese Situation, die Erdogan, das Bildungsministerium und religiöse Einrichtungen enttäuschen wird, ist übrigens nicht auf Konya beschränkt.

Laut dem Bericht der religiös geprägten Zeitschrift „Gercek Hayat“ zu diesem Thema hat sich das „Glaubensproblem“ auf das ganze Land verbreitet. Überschrift des Berichts: „Mama, ich bin Deist geworden.“ (**) 

Prof. Dr. Ihsan Fazlioglu stellt die Situation mit folgendem Beispiel fest: „…17 Mädchen mit Kopftuch, die nicht Deisten waren, sondern nicht einmal an Gott glauben, kamen zu mir und sprachen mit mir über diese Themen. (…) Wegen ihres sozialen Status und ihrer Familien tragen sie weiterhin Kopftücher, aber glauben nicht einmal an Gott.“

Schüler der Imam-Hatip-Schulen, die in frommen Familien aufgewachsen sind, scheint es zu stören, dass der Islam sie einschränkt. Es fällt ihnen schwer, ihr Leben so zu leben, ohne dass es mit ihrem Glauben in Widerspruch steht. Das kann das Tragen eines Minirocks sein oder auch händchenhaltend mit dem Partner zu spazieren. Eine Schülerin beschreibt diesen Widerspruch wie folgt: „Ich möchte hüpfend über die Straße laufen und singen. Der Islam jedoch erlaubt es mir nicht.“

Die Regierung versucht die Schüler zu formen. Wie jedoch der Islamtheologe Prof. Mustafa Öztürk gesagt hat: „Selbst wenn wir weiterhin in unseren soziologischen Brutkästen und unseren Ghettos leben, können wir es nicht verhindern, dass unsere Kinder auf andere Welten treffen.“

Ein weiterer Grund ist der Widerspruch zwischen dem Wort und der Handlung. Öztürk beschreibt es wie folgt: „Wir lehren in der Regel die religiöse Meinung, den Glauben, die Moral, in dem wir sie diktieren. (…) Das, was wir diktierend lehren, widerspricht dem, was wir tun. (…) …Unsere Kinder sind sich diesem Widerspruch bewusst.“

Prof. Fazlioglu teilt ebenfalls diese Meinung: „Dieser Grund ist das Ergebnis der zur Schau gestellten Handlungen derjenigen, die behaupten, die Religion zu repräsentieren.“

Eines der Probleme in der Türkei ist, dass es hauptsächlich die Politiker sind, die die Religion repräsentieren, vor allem ist es Erdogan. Er überlässt die Rolle des Repräsentativen niemand anderem und steht immer auf der Bühne. Islamtheologen beschweren sich über die strenge und strikte Haltung der Religionslehrer, jedoch ist es Erdogan, der strikt und penetrant ist. Er ist der Vorreiter der politischen Gesinnung, die die Vergewaltigung dem unehelichen Geschlechtsverkehr gleichstellt. Er ist jemand, der es nicht duldet, dass Jugendliche sich umarmend auf einer Bank sitzen...

Die Jugendlichen merken sich das natürlich gut; Genauso wie sie es sich gemerkt haben, dass einige Religionslehrer, Prediger und Zuständige von religiösen Stiftungen auf der einen Seite Sexualität als Sünde betrachten und auf der anderen Seite bei Missbrauch und Vergewaltigung keine Grenzen kennen.

Eines der Sackgassen von Erdogan und seiner Regierung scheint der Ehrgeiz zu sein, die Gesellschaft und die neuen Generationen formen zu wollen. Erdogan hat noch Anfang dieser Woche gesagt, dass er die jetzige Auffassung von der Bildung noch mehr stärken möchte. Aber genau diese Auffassung leitet die Schüler der Imam-Hatip-Schulen zu Deismus und Atheismus und lässt sie von der Religion abkehren.

Es ist offensichtlich, dass ein Teil der Gesellschaft, damit nicht zurechtkommt. Allerdings scheint sogar die Überdosis an Religion in den Imam-Hatip-Schulen, die Erdogan als sein eigenes Revier sieht, kontraproduktiv zu sein. Der Begriff „Religionsermüdung“, erfunden von Dr. Necdet Subasi, hilft dabei, die Situation besser nachvollziehen zu können. Die AKP-Regierung und vor allem Erdogan haben die Gesellschaft mit der Religion überbelastet, was sogar zur Ermüdung der Imam-Hatip Schüler geführt hat. Erdogan aber belastet die Gesellschaft zudem noch mit „unserer ruhmreichen Geschichte“. Eine Gesellschaft, die an Überdosis Reden zur erfundenen Geschichte, Zeremonien und TV-Serien leidet. Diese Last an Religion und Geschichte zerdrückt die Gegenwart und ignoriert das Leben der Jugendlichen, das sie tanzend, lachend und liebend leben wollen, und erklärt es für sündhaft.

(*) http://www.cumhuriyet.com.tr/haber/egitim/952691/_imam_hatipliler_deizme_kayiyor_.html

(**) http://www.gercekhayat.com.tr/dosya/anne-ben-deist-oldum/

Ins Deutsche übertragen von Neslihan Ketboğa

Stand: 04.04.2018, 16:45