Exklusiv | Özel: Erdogan ist der Verlierer, Assad und Kurden die Gewinner | Erdoğan kaybetti, Esad ve Kürtler kazandı

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Exklusiv | Özel: Erdogan ist der Verlierer, Assad und Kurden die Gewinner | Erdoğan kaybetti, Esad ve Kürtler kazandı

Von Burhan Ekinci

Der sechsjährige Krieg in Syrien nähert sich dem Ende. Die AKP/Erdogan-Regierung konnte das Regime in Damaskus nicht stürzen. Nun versucht sie, eine Allianz mit Assad gegen die Kurden zu bilden.

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Ich weiß nicht, ob es in der Geschichte noch einen weiteren Herrscher gibt, der eine solche scharfe Wende in der Politik hingelegt hat. Auf jeden Fall beweist Erdogan jedes Mal, dass er ein Experte darin ist. Er verdient den ersten Platz für seine Kehrtwenden. Diese scharfen politischen Richtungswechsel sind ein großer Erfolg und erfordern eine Art Intelligenz, die nicht jeder Herrscher vorweisen kann! Es ist ebenfalls eine große Kunst, dass seine Partei, die AKP, ihre Stammwähler noch nicht gänzlich verloren hat. Diese Anhängerschaft vertraut Erdogan, den sie als „Oberhaupt“ bezeichnet, weiterhin blind.

Das letzte Beispiel für Erdogans scharfe Kehrtwenden war das Dreier-Treffen im russischen Sotschi zum Syrien-Konflikt. Nach dem Treffen hat Erdogan auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Putin und Rohani das Assad-Regime indirekt anerkannt.

Die AKP und Erdogan sind mitverantwortlich für den Bürgerkrieg in Syrien. Als vor sechs Jahren der Arabische Frühling ausgelöst wurde, träumte die türkische Regierung vom „Neo-Osmanismus“ und versuchte, die Region neu zu gestalten. Den ersten Rückschlag bekam sie in Ägypten. Allerdings lernte sie nicht daraus. Die Regierung blieb hartnäckig und versuchte ihr Glück anschließend in Syrien. Es gab nur ein Ziel: Das Assad Regime zu stürzen...

Der „Bruder Assad“ wurde zum „Mörder Assad“ erklärt.

Der 15. Juni 2012. Erdogan ist noch Ministerpräsident. Das Hauptthema seiner Rede war der Bürgerkrieg in Syrien: „Früher oder später werden diese Despoten mit Blut an ihren Händen Syrien verlassen müssen. Das syrische Volk wird sie letzten Endes zur Rechenschaft ziehen.“ Er verkündete dass der „grausame Assad“ entmachtet wird. Applaus!

Der 5. September 2012. Erdogans Stimme ist laut und entschlossen. „So Gott will werden wir sehr bald unsere Brüder in Damaskus besuchen und herzlich umarmen. Dieser Tag wird bald kommen. Wir werden so Gott will in der Umayyaden-Moschee unser Gebet verrichten.“ Lang lebe der Sultan vom Nahen Osten! Der Slogan „Erdogan, Erdogan“ wird immer lauter. Die AKP-Anhänger sind begeistert, träumen davon, in Damaskus ihre Gebete zu verrichten.

Der 5. Mai 2013. Erdogan ruft „Heyyy Assad, ich schwöre bei Gott, du wirst zu Rechenschaft gezogen.“

Heute nun ist der Traum der AKP/Erdogan, in Damaskus zu beten und Assad von der Regierung zu stürzen, ausgeträumt.

Der sechsjährige Krieg in Syrien ist fast beendet. Assad hat mit der Unterstützung Russlands und des Irans erneut die Macht über die Regionen erlangt, die er verloren hatte. Gruppen, die von der AKP/Erdogan-Regierung unterstützt werden, sind nur noch in einzelnen Regionen vertreten.

Der IS ist ebenfalls in der Region besiegt worden. Den größten Schlag erlitt die Organisation in Nordsyrien, vor allem von kurdischen Kräften, die von der YPG geführt werden. Kurden, die ohne eine gemeinsame Identität in Syrien gelebt hatten, haben das erste Mal in ihrer Geschichte sich organisiert, bewaffnet, ihre Region verteidigt, den IS besiegt und ihr eigenes Regiment etabliert.

Letztendlich sind Assad und die Kurden, geführt von der PYD/YPG, als Sieger aus dem konfliktreichen Krieg hervorgegangen, die AKP/Erdogan-Regierung hingegen als Verlierer.

Die indirekten Sieger des Krieges sind Russland und der Iran. Beide Länder haben sich vor Ort daran beteiligt und haben eine Schlüsselrolle bei Assads Sieg gespielt. Die AKP/Erdogan-Regierung, die nun auf der Verliererseite ist, ist sich ihrer Niederlage in Syrien bewusst. Allerdings weiß sie nicht, wie sie aus dem Spiel aussteigen kann. Zu diesem Zweck gibt sie nun dem Regime in Damaskus Signale für ein Treffen. Da die Regierung in Ankara das Assad Regime nicht stürzen konnte, lässt sie all ihren Groll nun an den Kurden ab.

Erdogan kann es nicht dulden, dass nicht die Al-Nusra-Front, die sie jahrelang unterstützt hatte, sondern die Kurden gesiegt haben. Seine Bedingung für die Versöhnung mit Assad macht er sogar von einer Allianz gegen die Kurden abhängig. Auf seiner Rückreise vom Dreier-Treffen in Sotschi sagte Erdogan, „Putin hat gesagt, dass auch Assad die kurdische Organisation nicht will.“ So versucht Erdogan, den Tonwechsel vom „Mörder Assad“ zum „Freund Assad“ zu legitimieren.

Das ist eine offensichtliche Vorbereitung auf den Frieden mit Assad und eine anschließende Allianz mit ihm gegen die Kurden. Wow! Was für eine Kehrtwende!

Eine Innen- und Außenpolitik, die auf die Feindschaft gegen Kurden basiert, wird der Türkei keine Vorteile bringen, sondern ihr nur schaden. Eine friedliche Politik mit Kurden wird die Türkei im Nahen Osten und in der ganzen Welt zu einem attraktiveren Ort machen. Allerdings denkt Erdogan gar nicht an das Land. Seine einzige Sorge ist, seine Machtposition beizubehalten.

burhanekincii@gmail.com

twitter @brhekinci

Ins Deutsche übertragen von Neslihan Ketboğa

Stand: 29.11.2017, 19:00