Den Kurden ist Kurdisch untersagt!

Gefängnis Diyarbakır, nach dem Militärputsch vom 1980,  ''Bürger, Sprich Türkisch, Sprich Viel''

Türkei unzensiert - Exklusiv

Den Kurden ist Kurdisch untersagt!

Von Burhan Ekinci

Der Faschismus der AKP/Erdogan-Regierung hat einen weiteren Höhepunkt erreicht. Es ist absurd, jedoch die Realität. Kurden wird es mittlerweile auch verboten, im Alltag Kurdisch zu sprechen.

Türkçe metne buradan ulaşabilirsiniz:

Vor zwei Jahren, als ich noch in der Türkei war, hat meine Cousine eine Tochter bekommen. Weil sie in den frühen Morgenstunden geboren wurde, wollten die Eltern ihr den Namen „Sewra“ geben, was im kurdischen Dialekt Zaza „Der Morgen“ bedeutet. Der Vater Emir ging in Diyarbakir zur Meldebehörde, um seine neugeborene Tochter anzumelden. Allerdings sagte der zuständige Beamte, der Name „Sewra“ sei kurdisch, beinhalte den Buchstaben „W“ und könne so nicht eingetragen werden. Er schlug vor, den Namen als „Sevra“ einzutragen. Der Vater jedoch weigerte sich und sagte: „Dann soll der Name eben mit zwei „V“ geschrieben werden.“ Der Beamte war überrascht, doch laut türkischen Gesetzen durfte ein Name einen Doppelkonsonanten beinhalten – auch wenn es schwachsinnig klingt. Solange es kein kurdischer Name war, gab es kein Problem. Der Name von Sewra wurde in ihrem Ausweis als „Sevvra“ eingetragen. Als ich Emir nach dem Grund fragte, sagte er, er habe so das Verbot auf seine eigene Art und Weise umgangen.  

Der damalige Ministerpräsident Erdogan hatte am 30. September 2013 das „Demokratisierungspaket“ vorgestellt. Erdogan verkündete folgendes: „Wir heben die im türkischen Strafgesetzbuch verankerten strafrechtlichen Sanktionen bei Verwendung bestimmter Buchstaben auf. Wir bringen eine Art Freiheit für die Tastaturen. Das heißt, die Buchstaben Q, X und W dürfen verwendet werden.“

Allerdings wurden die Verbote hinsichtlich der kurdischen Sprache weiterhin fortgeführt. Die Menschen konnten ihren Kindern nicht die Wunschnamen geben. Kurdische Namen wurden türkisiert. Aus „Xani“ wurde „Hani“, aus „Xezal“ „Hezal“, aus „Siwan“ „Sivan“ und aus „Ciwan“ wurde „Civan“. Die Zwangsverwalter haben viele Namen von Parks, Gärten und Institutionen umgeändert. Das erste, was der Zwangsverwalter in meiner Heimatstadt Diyarbakir getan hat, war, den kurdischen Teil aus dem Aushängeschild der Stadtverwaltung mit türkischer und kurdischer Aufschrift zu entfernen. Kurdisch ging als die „pseudo“, „unbekannte“ „unverständliche“ Sprache in die Akten des Gerichts und des Parlaments ein. Die Zeitung „Welat“, einzige Zeitung der Türkei in kurdischer Sprache, erscheint nicht mehr als Printausgabe, weil keine Druckerei die Zeitung drucken möchte. Sie erscheint nur noch digital.

Vor einigen Tagen wurde ein weiteres Verbot in Istanbul verhängt und ist Beweis dafür, dass der AKP-Faschismus einen weiteren Höhepunkt erreicht hat. Das Bauunternehmen Yapi & Yapi hat kurdischen Arbeitern, die im Istanbuler Stadtteil Basaksehir auf dem Bau arbeiten, verboten, sich untereinander auf Kurdisch zu unterhalten.

In den kurdischen Regionen der Türkei gibt es kaum noch Arbeitsmöglichkeiten. Daher suchen Kurden in der Regel im Westen des Landes Jobs als Saisonarbeiter. Eines der größten Arbeitgeber stellt der Bausektor dar. Und auf der Arbeit sprechen sie untereinander natürlich Kurdisch. Das Hauptunternehmen allerdings schickte dem Subunternehmen eine Verwarnung, in der es hieß: „Es stört die anderen Mitarbeiter, wenn das Personal sich auf einer anderen Sprache unterhält“. Das Sprechen auf Kurdisch wurde somit verboten.

Wenn ein Unternehmen in Deutschland das Türkischsprechen verbieten würde (was eh nicht passieren wird), würde Herr Erdogan sofort aufspringen und mit seinen „Hey Deutschland!“-Parolen Deutschland angreifen. Bürger seines Landes jedoch dürfen ihre eigene Muttersprache nicht sprechen. Dann ist er noch so unverschämt und spricht von Brüderlichkeit und Demokratie.

Erdogan selbst schuf die Voraussetzungen für das Verbot der kurdischen Sprache im Alltag. Basaksehir ist in den letzten Jahren eines der am weitesten entwickelten Orte von Istanbul und dieses Viertel ist ein Prototyp einer Stadt, die Erdoğan sich erträumte. Von der Projektentwicklung bis hin zum Finanzierungsmodell hat er alles selbst erstellt. Er vermarktete den Lebensstil in diesem Ort und wurde so zum Anführer der Frommen in der Türkei. Die Akademikerin Ayse Cavdar, die eine Arbeit über Basaksehir geschrieben hatte, erzählte mir bei unserem Gespräch von einer anderen Eigenschaft dieses Viertels: „Dieser Ort ist noch im Entstehungs- und Aufbauprozess nach den Vorstellungen und Wünschen der frommen türkischen Sunniten entwickelt worden.“

Ayse Cavdar weist darauf hin, dass diejenigen, die der Regierung nicht nahestehen, hier nicht so leicht Geschäfte machen können. Das Unternehmen Yapi & Yapi, das das Sprechen von Kurdisch untersagt hatte, hat viele Projekte übernommen und arbeitet mit den Stadtverwaltungen der AKP zusammen. Cavdar stellt folgendes fest: „Es kann ohne Bedenken behauptet werden, dass das Unternehmen ein Vertreter der Kapitalgruppe ist, die von der Regierung unterstützt wird. Daraus kann schlussgefolgert werden, dass dieses Verbot der kurdischen Sprache nicht nur ausschließlich diese Arbeiter betrifft, sondern ein umfangreicher und zukunftsorientierter Schritt ist. Das, was mit den Arbeitern gemacht wurde, wird auch später für die Menschen aus der Unter- und Mittelschicht gelten, die nach Fertigstellung der Bauarbeiten dort wohnen werden. Sprich in meiner Sprache, glaube an meine Religion. Sonst darfst du nicht hier sein, das sind meine Baustelle, meine Firma, mein Lebensraum. Dieses Verbot ist ein Beispiel für die neue politische Sprache, die für die Unter- und Mittelschicht geeignet gesehen wird...“  

Der wichtigste politische Diskurs der AKP ist: „Die Anderen reden nur, wir aber setzen es um.“ Sie haben Recht. Kurden sprechen Kurdisch, die AKP aber verbietet es ihnen.

burhanekincii@gmail.com

twitter @brhekinci

Ins Deutsche übertragen von Neslihan Ketboğa

Stand: 02.04.2018, 14:35