Türkeiabkommen: Gekommen als Gast – geblieben für immer

Stand: 30.10.2021, 06:00 Uhr

Für ihre Famliengeschichte ist der 30.Oktober 1961 ein einschneidendes Datum: Das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei besiegelt Haluk Kökers Lebensweg und den seiner ganzen Familie: von fremden Gastarbeitern zu "deutschen" Türken in vierter Generation im westfälischen Ahlen.

Von Rolf Heutmann

Haluk Köker und Familie

Haluk Köker und Familie

Als das Anwerbeabkommen unterzeichnet wird ist Haluk gerade geboren – in der Türkei. Kurz danach sind seine Eltern schon in Deutschland. 1969 landet der achtjährige Junge im Münsterland. Seine Oma hatte ihn und seine beiden Geschwister gebracht: drei Tage Odyssee per Zug ins Ungewisse. Dann endlich: Ahlen Bahnhof. Aber wohin? Ein Straßenkehrer liest die vier auf. Hilfsbereit bringt er sie zur Adresse, die da auf dem Zettel steht. Schützenstraße 83. Haluk klingelt bei Mama und Papa, die er ja eigentlich nicht richtig kennt. „Wir haben geweint, weil uns eine Riesenlast abgefallen ist. Die Oma hat geweint, weil sie als Analphabetin eine Reise von über 3.000 Kilometern mit dem Zug mit drei kleinen Kindern geschafft hat.“

Oma bringt die Kinder nach Deutschland

Haluk Köker als Kind

Die Familie ist zusammengeführt und Haluk findet sich schnell zurecht. Er lernt beim Spielen auf der Straße die fremde Sprache und dadurch deutsche Freunde kennen. Es leben ja nur zwei türkische Familien in der Zechensiedlung. Dann Schule und mit 14 Jahren landet er dort, wo sein Vater schon lange arbeitet: unter Tage in der Zeche Westfalen. „Früher hat man vermutlich gedacht: Ach, die bleiben drei vier Jahre und dann gehen die sowieso zurück. Das war nicht der Fall.“ Aber er weiß:

„Geschenkt wurde einem nichts.“

Haluk Köker

Haluk Köker

Haluk Köker arbeitet sich hoch, schätzt die Verlässlichkeit unter den Kollegen in 1.200 Metern Tiefe. Er wird Sprengmeister und schließlich Betriebsrat. Nach jahrelanger Knochenarbeit ist das ein Zeichen gegenseitigen Vertrauens und Respekts. Und genau das ist es, was er seinen Kindern und Enkeln beibringt. Drei erwachsene Kinder haben seine Frau und er. Inzwischen leben in Ahlen auch fünf Enkel.

Niemals als Fremde gefühlt

Serpil Kalayci und Familie

Das sagt Haluks Tochter Serpil. Sie sei ja hier geboren: „Ich bin niemals angefeindet oder ausgegrenzt worden. Und das liegt auch an der offenen Erziehung meiner Eltern.“ Für ihren Vater war klar, dass sie in der Schule den Schwimmunterricht besuchte. Genauso versuchte er andere Familien davon zu überzeugen, dass das völlig normal sei. Eine Vorzeigefamilie? „Ja, ein wenig,“ ist sich die zahnmedizinische Fachangestellte sicher. Denn von anderen türkischen Familien weiß sie, dass sich einige zurückziehen, im eigenen Zirkel leben. Dabei sei die Integrationsarbeit in Deutschland eigentlich gut. „Nur,“ bemerkt sie kopfschüttelnd, „sind tatsächlich immer noch Menschen verwundert, dass wir nicht Weihnachten feiern, unsere Feste und Rituale andere sind.“ Insofern bleibt bei aller Integration doch noch immer ein Hauch von Leben zwischen den Kulturen.

Kinder sehen sich als Deutsche

Ihre Kinder allerdings kennen keinen Unterschied mehr. „Wir sind Deutsche.“, sagen Nisa, 13 Jahre und Esra 8 Jahre alt. Die beiden haben deutsche Freunde, italienische, russische, ja und auch welche mit ‚türkischen Wurzeln‘. „Wir sind Multikulti!“, heißt es. Und für ihren Opa ist und bleibt seine Devise nach 52 Jahren in Deutschland: „Ich muss keine Schweinshaxe essen, kann mich aber trotzdem integrieren. Und der andere muss auch keinen Döner essen. Aber wir müssen Schritte zueinander machen, damit wir ohne Probleme zusammenleben.“, sagt er und verabschiedet sich. Denn er möchte seinen Sohn begleiten. Der hat einen Maklertermin, will in Ahlen ein Haus kaufen. Klingt ganz nach: angekommen.

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