Eine Luftaufnahme zeigt das Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine

Russen erobern Tschernobyl: Was wird jetzt aus dem Unglücks-AKW?

Stand: 25.02.2022, 14:22 Uhr

Im Zuge des Ukraine-Krieges wurde auch der Tschernobyl-Atomreaktor von Russland eingenommen. Die Atomenergiebehörde IAEA ist besorgt. Meldungen von höherer Strahlung machen die Runde. Das steckt dahinter.

Von Christian Wolf

Russlands Überfall auf die Ukraine, Bombenalarm über der Hauptstadt Kiew, Fluchtbewegungen in Richtung Westen - es sind erschütternde Nachrichten, die in diesen Tagen aus dem Osten von Europa kommen. Der Krieg in der Ukraine beunruhigt auch hierzulande viele Menschen. Doch als wäre all das noch nicht genug, gibt es auch noch diese Meldung: Russische Truppen haben das ehemalige AKW Tschernobyl erobert.

Reaktor-Explosion 1986

Allein beim Wort "Tschernobyl" gehen bei so manch einem sofort alle Alarmglocken an. In dem Atomkraftwerk in der Nordukraine ereignete sich im April 1986 die größte Katastrophe in der zivilen Nutzung der Atomkraft. Infolge eines fehlgeschlagenen Experiments explodierte ein Reaktor des Kernkraftwerks. Tausende Menschen starben. Radioaktives Material breitete sich in Europa aus. Bis heute sind weite Landstriche rund um das AKW verstrahlt.

Tschernobyl unter russischer Kontrolle

Und nun steht ausgerechnet das Symbol der größten Atomkatastrophe im Fokus eines Krieges. Denn wie die ukrainische Regierung am Donnerstag mitteilte, haben russische Truppen das stillgelegte Kernkraftwerk unter ihre Kontrolle gebracht. Das dortige Personal wird angeblich festgehalten. Laut russischem Verteidigungsministerium wurden Fallschirmjäger nach Tschernobyl gebracht, um das Atomkraftwerk zu bewachen.

Die Sorge ist groß. So sagte die Sprecherin des Weißen Hauses in Washington: "Diese unrechtmäßige und gefährliche Geiselnahme, die routinemäßige Arbeiten zum Erhalt und zur Sicherheit der Atommüll-Einrichtungen aussetzen könnte, ist unglaublich alarmierend und sehr besorgniserregend." Auch die Internationale Atomenergiebehörde IAEA ist alarmiert:

"Die Internationale Atomenergiebehörde verfolgt schwer besorgt die Situation in der Ukraine und ruft zu maximaler Zurückhaltung auf, um die Atomanlagen des Landes vor Gefahren zu bewahren." IAEA-Chef Rafael Grossi
Eine neue Ummantelung wird über dem explodierten Reaktor im Kernkraftwerk Tschernobyl installiert, in Tschernobyl, Ukraine am Freitag, 20. April 2018

Die Sicherheit im Unfallreaktor müsse unbedingt gewährleistet bleiben. Eine ungesicherte Atomanlage berge große Gefahr. Laut ukrainischen Behörden sei bislang vor Ort nichts zerstört worden. Bewaffnete Angriffe und Bedrohungen gegen solche Anlagen verletzten aber die UN-Charta, das Völkerrecht und die Grundregeln der IAEA.

Meldung über höhere Strahlung

Wie genau die Lage vor Ort ist, lässt sich derzeit nicht ermitteln. Russlands Verteidigungsministerium meldete am Freitag, die Radioaktivität auf dem Gelände bewege sich im normalen Bereich. Die ukrainische Atombehörde teilte hingegen mit, dass die Strahlung zugenommen habe. Eine Erklärung dafür wird auch genannt: Es liege an den Bewegungen schwerer Militärfahrzeuge in dem Gebiet. Dadurch sei radioaktiver Staub aufgewirbelt worden.

Mehr Gefahr durch aktive Atomkraftwerke

Experten versuchen daher zu beschwichtigen. Zwar räumt James Acton von der Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden ein: "Natürlich wäre ein Unfall in Tschernobyl eine große Sache." Doch gehe eine weit größere Gefahr von Unfällen in den vier noch aktiven ukrainischen Atomkraftwerken aus. "Das Risiko von Kämpfen dort wäre signifikant höher."

Der Greenpeace-Atomexperte Shaun Burnie sieht zwar "Anlass zur Sorge", "besonders besorgt" sei er aber über die 15 Kernreaktoren im Land, die im Betrieb seien oder es bis vor Kurzem waren. Diese bräuchten eine konstante Stromversorgung für die ständige Kühlung.

Ranga Yogeshwar vor den Ruinen von Tschenobyl

Ranga Yogeshwar vor den Ruinen von Tschenobyl

Auch Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar ist derzeit nicht beunruhigt. Er war in den vergangenen Jahren mehrfach vor Ort und sagte dem WDR: "Es ist natürlich ein verseuchtes Gebiet, aber die Anlage ist abgeschaltet und komplett isoliert. Von der geht keine große Gefahr mehr aus."

Hülle aus Stahl soll Schutz liefern

Zuletzt wurde eine neue überdimensionale Schutzhülle aus Stahl über der Reaktorruine errichtet. Der bisherige "Sarkophag" aus Beton war brüchig geworden. Darunter befinden sich die Trümmer des explodierten Blocks - inklusive des Atommülls. Die Konstruktion soll die Umwelt für 100 Jahre schützen.

Zuletzt hatte Tschernobyl auf andere Weise für Schlagzeilen gesorgt. Denn das Sperrgebiet hatte sich zum Ziel von Katastrophentouristen entwickelt. "Hol dir deinen Schuss Adrenalin", warben Veranstalter für einen Trip zum Unglücksreaktor. Vor Corona war 2019 der bisherige Höhepunkt mit über 120.000 Touristen. Russlands Einmarsch dürfte dieses Geschäft nun auf absehbare Zeit zunichtegemacht haben.

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