Social Media-Phänomen: Sind Tourette-Videos ansteckend?

Seit Beginn der Pandemie klagen offenbar zahlreiche junge Mädchen über Tourette-ähnliche Symptome. Ärzte vermuten, Videos bei TikTok oder Youtube könnten eine Rolle spielen.

Das Tourette-Syndrom lässt niemanden kalt, der es schon einmal gesehen hat. Betroffene haben teilweise völlig die Kontrolle über ihren Körper und ihre Mimik verloren: Sie zucken, zwinkern, schmeißen ihre Arme hoch, geben unkontrollierte Laute von sich - ohne etwas dagegen tun zu können. Die so genannten "Tics" können nicht unterdrückt werden, ähnlich wie Niesen oder Schluckauf.

Tourette-Videos liegen voll im Trend

Die seltene neuropsychiatrische Erkrankung, die vor allem bei Jungen auftritt, ist aber auch ein Medienphänomen: Bei TikTok und Youtube gibt es Hunderte Kanäle, in denen vermeintliche und echte Betroffene über ihre Krankheit berichten und ihre Tics zeigen. Die Videos mit dem Hashtag #tourette werden milliardenfach abgerufen, wohl auch wegen ihres eher makaberen Unterhaltungswerts.

Deutliche Zunahme der Patienten in Spezialkliniken

Unwillkürliche Grimassen können ein Symptom für das Tourette-Syndrom sein | Bildquelle: picture alliance/dpa

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie registrieren auf das Tourette-Syndrom spezialisierte Kliniken in der ganzen Welt eine deutliche Zunahme an jungen Patienten mit komplexen motorischen oder vokalen Tics. Teilweise habe sich die Zahl der neuen Patienten innerhalb von kürzester Zeit verzehnfacht, berichten Ärzte in medizinischen Fachzeitschriften. Betroffen seien vor allem junge Mädchen im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren.

Ärztin spricht von "Massenhysterie"

Kirsten Müller-Vahl, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie an der Medizinischen Hochschule Hannover, spricht bei Youtube von einer "Massenhysterie". Scheinbar hätten sich viele junge Mädchen beim Ansehen von Tourette-Content im Internet "infiziert" und selbst Tics entwickelt. "Es war von Beginn an klar, dass es kein Tourette ist." Es handle sich vielmehr um eine "funktionelle Störung" - damit umschreiben Ärzte körperliche Beschwerden, deren Ursache auch nach intensiver medizinischer Diagnostik nicht zu ermitteln ist.

Viele der Patientinnen litten offenbar nicht unter individuellen Tics, sondern hätten exakt jene Symptome entwickelt, die sie zuvor bei anderen Betroffenen im Internet gesehen hätten, heißt es in der Fachzeitschrift "Movement Disorders". Hintergrund seien meist andere psychische Störungen, wie zum Beispiel eine depressive Phase im Zusammenhang mit dem Corona-bedingtem "Lockdown". Das hat auch Müller-Vahl beobachtet: Vokale Tics wie unkontrolliertes Fluchen seien bei echten Tourette-Betroffenen extrem selten, treten bei den neuen Patientinnen aber überdurchschnittlich oft auf.

Gute Heilungschancen

Allerdings könne man daraus nicht schließen, dass die Betroffenen ihre Symptome vortäuschen, betont Psychiaterin Müller-Vahl. "Das ist unbewusst, es ist eine Krankheit." Glücklicherweise sei anders als das "echte" Tourette-Syndrom die Krankheit gut heilbar - durch eine psychologische oder psychiatrische Therapie. Bei vielen Patientinnen helfe auch schon ein ganz einfacher Schritt: "Wir empfehlen, solche Videos nicht mehr zu schauen."

Psychotherapeuten raten zur schnellen Behandlung

Falls Eltern bemerken, dass ihre Kinder plötzlich chronische Tics entwickeln, rät die Bundespsychotherapeutenkammer, möglichst bald einen Facharzt aufzusuchen. Jeder gesetzlich Krankenversicherte könne sich direkt an einen Psychotherapeuten in eigener Praxis wenden - eine Überweisung durch den Haus- oder Kinderarzt sei nicht notwendig.

Jugendliche können sich auch ohne Wissen der Eltern an einen Arzt eigener Wahl wenden. In der Regel können gesetzlich versicherte Jugendliche ab 15 Jahren eine Psychotherapie selbstständig bei der Krankenkasse beantragen. Bei Privatversicherten müssen die Eltern die Kostenübernahme bei der Versicherung veranlassen.