Verfassungsschutz behindert Aufklärung im Fall Corelli

Das Gebaeude des Bundesamts fuer Verfassungsschutz (BfV) in Koeln

Verfassungsschutz behindert Aufklärung im Fall Corelli

Von Tobias Al Shomer

  • Neue Sim-Karten von Corelli aufgetaucht
  • Ausschuss-Mitglieder irritiert über schleppende Aufklärung
  • Corellis V-Mann-Führer darf nicht aussagen

Thomas Richter, besser bekannt unter seinem V-Mann-Namen "Corelli", muss in akuter Gefahr gewesen sein, als er 2012 als Quelle des Bundesamtes für Verfassungsschutz aufflog. Er kam sofort in ein Schutzprogramm. Gebracht hat es wenig. 2014 starb Corelli in Paderborn, nach offizieller Darstellung an einer unerkannten Diabetes. Corelli war eine Top-Quelle mit Nähe zum rechten Terror des NSU. Seine Arbeit war dem Verfassungsschutz in 18 Jahren Dienstzeit insgesamt 300.000 Euro wert.

V-Mann-Führer in der Kritik

Um die Umstände seines Todes aufzuklären, setzte das Parlamentarische Kontrollgremium den Sonderermittler Jerzey Montag ein. In seinem Bericht kritisiert Montag die V-Mann-Führung Corellis. Über viele Jahre bis zu seiner sogenannten Abschaltung sei es dieselbe Person gewesen. Das habe zu einem partiellen Verlust an Kritikfähigkeit geführt, so Montag.

Enge Beziehung zum Kontaktmann

Offenbar hat sich eine so enge Beziehung entwickelt, dass beide nach Corellis Enttarnung eine gemeinsame Zukunft planten. Im Montag-Bericht heißt es dazu: "Am 18.09.2012 schlug R***s V-Mann-Führer vor, mit R*** in einer konspirativen Wohnung zusammenzuziehen und diesen Ort völlig geheim zu halten." Das lehnte das Amt ab. Die Betreuung von Corelli im Schutzprogramm übernahmen zwei andere Verfassungsschützer.

Eindeutige SMS

Trotzdem hielt sein langjähriger V-Mann-Führer Kontakt zu Corelli. Das ist normalerweise untersagt, um den enttarnten V-Mann nicht in Gefahr zu bringen. Es kam laut Montag-Bericht zu Konflikten mit dem V-Mann-Führer innerhalb der Behörde. Trotzdem hat er den Kontakt offiziell erst im März 2014 beendet, also wenige Tage vor Corellis Tod. Und es gab auch nach dem offiziellen Kontaktende weiter Kommunikation. So findet sich im Montag-Bericht exemplarisch eine eindeutige SMS von Corelli an seinen V-Mann-Führer: "Wünsch dir ein schönes WE, auch wenn ich dich nicht mehr anrufen soll oder darf."

Verfassungsschutz verbietet Aussage

Die Ausschuss-Mitglieder sammeln sich  im Saal des NSU-Untersuchungsausschusses

Kein Aufritt des Kontaktmanns

Genau diesen V-Mann-Führer wollte jetzt der NSU-Untersuchungsausschuss im Landtag NRW hören. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat ihm verboten auszusagen. "Das finden wir absolut indiskutabel, was das Bundesamt sich hier uns gegenüber leistet. Wir sind ein demokratisch legitimiertes Parlament und wir haben als Parlamentarier das Recht, auch entsprechend informiert zu werden.", erklärte FDP-Obmann Joachim Stamp. Für den Ausschussvorsitzenden Sven Wolf von der SPD ist klar, warum der Verfassungsschutz, die Aussage verbietet: "Die wissen ganz genau, dass bei uns irgendwann die Legislaturperiode endet und auch die Arbeit des Untersuchungsausschuss zu Ende gebracht wird und das ist es eben: Die spielen auf Zeit."

Beispiellose Pannenserie beim Verfassungsschutz

Die offensichtlich mangelhafte Aufarbeitung des Falls Corelli reiht sich nahtlos in das Versagen der Sicherheitsbehörden im NSU-Komplex ein. Es stellt sich vor allem die Frage, wie das Bundesamt für Verfassungsschutz beim offenbar chaotischen Umgang mit Materialien von Quellen überhaupt den Schutz von gefährdeten V-Leuten sicherstellen kann. Im Fall des V-Manns Corelli kamen das Handy und die Sim-Karten nur ans Tageslicht, weil der V-Mann-Führer die Abteilung wechselte und seinen kompletten Bestand übergab. Es brauchte trotzdem mehr als ein Jahr, bis das jetzt aufgetauchte Handy Corelli zugeordnet werden konnte. Es lag in einem Umschlag, der mit "Privat beschafft" beschriftet war.

Corelli wollte aussteigen

Thomas Richter war 18 Jahre lang Spitzel in der rechtsextremen Szene. Er galt als Fotograf der Szene, fertigte unter anderem Bilder vom politischen Gegner bei Demonstrationen an. 1994 wurde er angeworben, als er gerade dabei war, aus der rechten Szene auszusteigen. Weil er finanzielle Probleme hatte, entschloss er sich, in der Szene zu bleiben und Informationen gegen Geld zu liefern.

Direkter Kontakt zum NSU

Das NSU-Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos

Das NSU-Trio Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos

Ein direkter Kontakt zum NSU ist nur aus dem Jahr 1995 überliefert. Da hat Richter Uwe Mundlos während seines Grundwehrdienstes bei der Bundeswehr in Thüringen getroffen. So ist offenbar erklärbar, warum Thomas Richter auf einer Adressliste auftaucht, die 1998 in einer Garage des NSU-Trios in Jena gefunden wurde. Es gibt eine weitere indirekte Verbindung. Richter hat das rechtsextreme Szene-Magazin "Der Weisse Wolf" unterstützt. In der Ausgabe 18/2002 war folgender Text zu lesen: "Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen ;-) Der Kampf geht weiter ..." Dies lässt darauf schließen, dass es offenbar eine engere Verbindung von Richter zum NSU gab.

Mysteriöser Tod

Am 7.4.2014 wird Thomas Richter alias Corelli tot in seiner Wohnung im Paderborner Stadtteil Schloss Neuhaus aufgefunden. Offiziell starb er an einem hyperglykämischen Schock in Folge einer unerkannten Diabetes, offenbar schon drei Tage vorher. Aufgrund der Obduktion und des laborchemischen Gutachtens schlossen die Ermittler aus, dass Corelli getötet wurde. Der Sachverständige der Staatsanwaltschaft Paderborn kam zum Schluss, dass es keine Substanz gäbe, die eine Hyperglykämie mit Todesfolge auslösen könnte. Daraufhin schloss die Staatsanwaltschaft das Verfahren, nach WDR-Informationen ohne ein großes toxikologisches Gutachten einzuholen.

Fremdverschulden doch möglich

Vor dem NSU-Untersuchungsausschuss im Landtag NRW am 02.06.2016 hat der Sachverständige sein Gutachten korrigiert. Es gebe sehr wohl zwei Substanzen, die einen hyperglykämischen Schock auslösen könnten. Heute würde er es anders in seinem Gutachten schreiben. Damals sei ihm die Brisanz des Falls nicht klar gewesen. Nach allem was er inzwischen weiß, müsse man aber in Betracht ziehen, dass alles möglich sei.

Er habe sich noch einmal intensiv in die Thematik eingelesen und sei dabei auf die beiden Stoffe gestoßen. Der Sachverständige empfahl dem Ausschuss ein neues toxikologisches Gutachten anzufordern, denn nach den beiden Substanzen müsse man gezielt suchen. Das will der Ausschuss machen. Aufgrund des Gesamtbildes geht der Sachverständige aber nach wie vor davon aus, dass Corelli an einer unerkannten Diabetes und dem daraus resultierenden Zuckerschock starb und nicht umgebracht wurde.

 

Stand: 03.06.2016, 10:39

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