Klimaforscher Mojib Latif: Mehr Tornados durch Klimawandel

Stand: 22.05.2022, 19:20 Uhr

Tornados in Paderborn, Lippstadt und Höxter. Hitzewellen in Spanien und Indien. Welchen Einfluss hat der Klimawandel? Wissenschaftler Mojib Latif im Interview.

Tornados richten in NRW Verwüstungen an. "An einem solchen Unglück" zeige sich "natürlich auch die Bedeutung des Klimaschutzes", sagte Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU). Tatsächlich werde die Häufigkeit von Tornados durch den Klimawandel zunehmen, sagt auch Klimaforscher Mojob Latif im Interview.

WDR: Müssen wir in Deutschland jetzt häufiger mit Tornados rechnen?

Ein entwurzelter Baum mit abgebrochenem Stamm

Am Freitag sorgte ein Tornado in Paderborn für viele Verletzte und schwere Schäden.

Mojib Latif: Die Schätzungen gehen da auseinander - in Deutschland gibt es ungefähr zwischen 20 und 40 Tornados pro Jahr. Wir müssen damit rechnen: In dem Maße, in dem das Klima wärmer wird und es heftigere Gewitter gibt, nimmt eben auch die Tornado-Häufigkeit zu.

WDR: Extremwetter gibt es gerade auch mit den Hitzewellen in Spanien oder Indien. Wie stark haben Extremwetter-Ereignisse schon zugenommen?

Latif: Man sieht das schon ganz deutlich, dass sich bestimmte Phänomene häufen. Nehmen wir Überschwemmungen: Was vorher ein Jahrhundertereignis gewesen ist, das kommt jetzt schon einmal pro Jahrzehnt. Wir sehen es auch bei den Tageshöchsttemperaturen von 30 Grad und mehr: Die haben massiv zugenommen in den letzten Jahrzehnten. Gleichzeitig sind die Frosttage stark zurückgegangen. Eines kann man sagen: Wir stecken mitten im Klimawandel.

WDR: In Spanien haben viele gerade den Eindruck, dass man den Frühling einfach übersprungen hat. Liegt das nun tatsächlich am Klimawandel?

Latif: Es ist tatsächlich so, dass diese unglaubliche Hitze immer früher kommt - und dass wir deswegen auch immer früher mit diesen Wetterextremen zu rechnen haben. Ein einzelnes Ereignis auf das veränderte Klima zurückzuführen, ist natürlich immer ein bisschen schwer. Aber die Tatsache, dass so eine Hitze häufiger und früher kommt, ist ein ganz deutliches Zeichen dafür, dass die globale Erwärmung auch schon auf das normale Wettergeschehen Einfluss nimmt.

WDR: Australien hat am Samstag ein neues Parlament gewählt. Es will den Klimaschutz vorantreiben. Wie bewerten Sie das?

Latif: Die Australier sind spät dran, was den Klimaschutz angeht. Sie waren unter den Blockierern bei den Klimaverhandlungen. Insofern ist die Wahl gut für Australien, aber auch für die ganze Welt.

Ein Feuerwehrmann versucht ein Buschfeuer in Australien zu löschen

2020 sorgte eine Hitzewelle in Australien für verheerende Brände.

Vor zwei Jahren haben die Australier eine unglaubliche Trockenheit mit Hitzetemperaturen bis an die 50 Grad und total außer Kontrolle geratenen Waldbränden erlebt. Menschen mussten ans Meer flüchten, mussten von der Marine gerettet werden. Das waren apokalyptische Verhältnisse. Der Regierungswechsel zeigt: Die Menschen möchten das nicht.

WDR: Auf den Punkt gebracht: An welchen Stellschrauben müssen wir in Deutschland weiter drehen, um den Klimawandel doch noch aufzuhalten? Und wie weit sind wir da?

Es gibt drei große Bereiche, die wir angehen müssen. Erstens: Wir müssen die Energiewende durchführen. Da sind wir schon einigermaßen gut unterwegs. Beim Strom beispielsweise sind wir schon fast zur Hälfte bei erneuerbaren Energien.

Zweitens brauchen wir eine Verkehrswende, eine Mobillitätswende. Da stehen wir leider noch ziemlich schlecht da, etwa auf dem Stand von 1990. Und drittens brauchen wir natürlich auch eine Agrarwende, weil auch durch die industrielle Landwirtschaft viele Treibhausgase in die Atmosphäre kommen.

Das Interview führte Cosima Gill. Verschriftlichung: Jörn Seidel.

Das Interview für die "Aktuelle Stunde" im WDR Fernsehen am 22.05.2022 haben wir für die Online-Version gekürzt.

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