Polizisten laufen vor einer Menschenansamlung her, die durch die Innenstadt von Magdeburg zieht, abei protestierten die Teilnehmer gegen die Corona-Maßnahmen in Sachsen-Anhalt, 13.12.2021

Konfliktforscher: Gewaltsame Corona-Proteste offenbaren Fehler in der Pandemie

Stand: 14.12.2021, 18:39 Uhr

Nach gewaltsamen Protesten von Gegnern der Corona-Maßnahmen wächst die Sorge: Wie groß ist diese Gruppe? Wer stoppt die Radikalisierung? Antworten von Konfliktforscher Andreas Zick.

Auch in der Nacht zum Dienstag hat es wieder Proteste von Gegnern der Corona-Maßnahmen gegeben. In Gummersbach kamen bei einer Kundgebung gegen die Impfpflicht für das Gesundheitspersonal rund 500 Teilnehmer zusammen. In Dortmund gab es eine Veranstaltung mit rund 50 Demonstranten, in Duisburg mit 120.

Nach Angaben der Polizei sind die Versammlungen friedlich verlaufen - anders als am Wochenende. Da kam es in einigen Städten in Sachsen, Thüringen, Baden-Württemberg und Bayern zu Gewalt. Auch am Montagabend gab es Angriffe auf die Polizei. In Mannheim wurden sechs Polizisten verletzt.

WDR: Herr Professor Zick, zwei Jahre nach Beginn der Pandemie gibt es zunehmend gewaltsame Proteste gegen Corona-Maßnahmen. Überrascht Sie das?

Andreas Zick: Nein, wir haben in der Konflikt- und Gewaltforschung schon früh Radikalisierungen der Ideologien und den Gang in die Gewalt beobachtet, sei es bei den Protesten oder in den sozialen Netzwerken. Daten zeigen, dass die Proteste schon früh von antisemitischen, wissenschaftsfeindlichen und demokratiefeindlichen Bildern geprägt waren.

Es gab ein Reservoir an menschenfeindlichen Überzeugungen und rechtsextremen Milieus, mit dem die Gesellschaft in die Pandemie gegangen ist. Mit dem Thema "Impfpflicht" hat sich das Aggressionspotenzial erhöht. Eine Impfpflicht wird von vielen Protestierenden als geheimer Plan gesehen und als Freiheitsberaubung interpretiert.

Aggressives Auftreten und Gewalt sind der Versuch, die Kontrolle vor Ort zu übernehmen. Dass dabei rechtsextrem orientierte Gruppen aktiv sind, sollte nicht wundern. Sie wissen, wie lokale Aktionen organisiert werden.

Professor Andreas Zick, Leiter des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld

Professor Andreas Zick ist Sozialpsychologe. Er leitet seit 2013 das Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld.

WDR: Wie gut sind wir darauf vorbereitet?

Zick: Angesichts der Fülle an Hass-Taten und Gewalt sind wir schlecht vorbereitet. Wir haben an den meisten Orten kein lokales Konfliktmanagement, das notwendig ist, um die Durchsetzung von Corona-Maßnahmen zu planen, zu begleiten und immer wieder an die Situation anzupassen.

Wir verstehen die Gewalt als Herausforderung an Politik und Behörden und als Sicherheitsproblem. Dabei übersehen wir das Konfliktpotenzial. Die Mehrheit der Gesellschaft hat mit der vierten Welle ihre Solidarität mit jenen heruntergefahren, die nicht geimpft sind. Auf der anderen Seite wissen wir relativ wenig über die konkreten Gruppen, die hinter Leugnern, Skeptikern und Ängstlichen stehen.

Wir wissen auch nicht, in welchen Phasen einer Radikalisierung sich jene befinden, die nun auf die Straße gehen. Solches Wissen gehört zu einer guten Prävention. Wir übersehen auch das Potenzial an Konflikten, die entstehen können, wenn extreme Meinungen Anschlussmöglichkeiten in der Mitte der Gesellschaft finden.

WDR: Welche Versäumnisse sehen Sie?

Zick: Die Corona-Prävention ist eher medizinisch angelegt und eng auf die Frage nach Maßnahmen zur Eindämmung des Virus' ausgerichtet. Das ist durchaus wichtig, aber Pandemien erzeugen Konflikte. Hass und Gewalt müssen mitgedacht werden - von Anfang an.

Es braucht neben der Kommunikation von Corona-Regeln auch eine angemessene Vermittlung von Corona-Maßnahmen, die genau erläutern, was Maßnahmen bedeutet. Es können zu leicht Menschen, die ängstlich sind und zweifeln, von Corona-Leugnern und extremistischen Gruppen abgeholt werden.

Wenn von Impfpflicht die Rede ist, müssen alle verstehen, wie sie kontrolliert und durchgesetzt wird, weil sonst die Regelgegner das übernehmen. Wir müssen Wissen zusammenlegen, um eine genaue Konfliktanalyse vorzunehmen. Es braucht einen Plan für das Konfliktmanagement in Krisen.

Wie gefährlich sind die Corona-Maßnahmen-Proteste?

WDR 5 Morgenecho - Interview 14.12.2021 06:16 Min. Verfügbar bis 14.12.2022 WDR 5


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WDR: Was muss jetzt konkret getan werden?

Zick: Bei Kommunen könnte abgefragt werden, wo dort was passiert. Auf dieser Basis könnte eine Analyse der Bedarfe an Schutzmaßnahmen erfolgen. Es könnten Daten zu den Hass-Taten besser analysiert werden, um an die Ursachen zu kommen.

Wir könnten die Kompetenzen derjenigen, die Maßnahmen gut vermitteln können, ermitteln und stärken. Wir könnten jene, die vor Ort sind und nahe an skeptische Menschen kommen, stärken. Wir könnten die Gewalt- und Konfliktprävention hochfahren, so wie es im Kontext der islamistischen Propaganda und Attentate erfolgt ist.

Wir bräuchten jetzt die Möglichkeit, die Pandemie auch in ihren Wirkungen auf die Veränderung der Gesellschaft besser zu verstehen und genau zu gucken, wo die Schwachstellen sind. Extremistische Gruppen stoßen in Schwachstellen und haben es scheinbar viel zu leicht, Menschen aus der Mitte abzuholen.

WDR: Ist die Demokratie gefährdet?

Zick: Die Demokratie ist immer gefährdet, weil sie hohe Ansprüche stellt - was gut ist. Demokratie ist ein Konfliktgebilde. Wir streiten und der Streit führt zu konstruktiven Lösungen. Nun aber rutschen Teile der Gesellschaft in die Radikalität und kündigen Grundnormen auf.

Das, was eine zivile Friedensgesellschaft ausmacht, bröckelt. Dazu gehört die Gewaltdistanz, die Orientierung in Konflikten an konstruktiven Lösungen, die Anerkennung von Rechtsnormen. Schon letztes Jahr haben Teile der Corona-Proteste die Rechtmäßigkeit der Demokratie in Zweifel gezogen, indem sie behaupteten, die Regierung habe das Grundgesetz außer Kraft gesetzt.

Daran glauben nun viele - und denken, dass bestimmte populistische Meinungen über Eliten, Wissenschaft und Medien eine Form von demokratischer Kritik seien. Sie merken nicht, dass dieser Glaube die Demokratie schwächt.

Dass wir in Deutschland die Pandemie so schlecht in den Griff kriegen, zeigt, dass Grundnormen wie der Schutz von Menschenleben und die Achtung der Würde jener, die von Corona betroffen sind, nicht von allen geteilt werden.

Das Interview führte Dominik Reinle.

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