Früher Schulstart in NRW: "Nicht durchdacht"

Früher Schulstart in NRW: "Nicht durchdacht"

  • NRW will Schulen früh öffnen
  • Organisation wird schwierig
  • WDR-Bildungsexperte im Interview

Die Schulen können ab Montag (20.04.2020) schrittweise den Betrieb wieder aufnehmen. Erst kommen die Lehrer in die Schulen, einige Tage später beginnt der vorbereitende Unterricht der Abschlussklassen für Prüfungen wieder. Nach Ansicht von WDR-Bildungsexperte Armin Himmelrath eine wahre Mammutaufgabe.

WDR: Herr Himmelrath, NRW will den Unterricht für seine Abschlussklassen 10 und 13 teilweise schon kommende Woche wieder aufnehmen. Eine kluge Entscheidung?

Armin Himmelrath: Das muss sich noch zeigen. Wenn wir zu früh öffnen, besteht die Gefahr, dass Schulen zu Viren-Brutstätten werden. Wenn es zu spät geschieht, geht das auch auf Kosten der Schüler.

WDR: Wo sehen Sie die größten Probleme?

Armin Himmelrath

Armin Himmelrath

Himmelrath: Im Augenblick? Dass es so viele widersprüchliche Aussagen gibt. NRW-Bildungsministerin Gebauer sagt, dass es schon am kommenden Montag losgeht. Frau Merkel hat am Mittwoch betont, dass die Schulen bundesweit einheitlich am 4. Mai öffnen. Und Ministerpräsident Laschet sagt irgendwann kommende Woche.

WDR: In jedem Fall ist es ziemlich kurzfristig. Wie sollen die Schulen das organisieren?

Himmelrath: Es wird nicht einfach. Die Schulen müssen einen Mindestabstand in den Klassenräumen einhalten. Das geht nur, wenn statt 28 künftig nur 10 oder 12 Schüler gemeinsam unterrichtet werden. Das heißt: mehr Räume oder alternativ ein Schichtbetrieb. Das kann nicht in zwei oder drei Arbeitstagen organisiert werden.

WDR: Ist eine ordentliche Vorbereitung auf Prüfungen in diesem Krisenmodus überhaupt möglich?

Himmelrath: Nein, das ist es nicht. Wir sind von einem normalen Schulbetrieb in diesem Jahr meilenweit entfernt. Schon allein, weil lange nicht klar war, ob überhaupt Abschlussprüfungen stattfinden können.

Schulstart und Hygiene an Grundschulen

WDR 5 Morgenecho - Interview 16.04.2020 06:07 Min. Verfügbar bis 16.04.2021 WDR 5

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WDR: Spätestens Anfang Mai sollen die ersten Grundschüler wieder kommen. Ist die Einhaltung von Abstandsregeln bei Kindern wirklich möglich?

Himmelrath: Soweit ich das aus meiner Erfahrung als Vater und Bildungsjournalist sagen kann: Kinder kann man nur unter Zwang dazu bringen, sich sozial so stark einzuschränken. Wie soll ich das auf dem Schulhof oder den Toiletten durchsetzen?

WDR: Selbst Laschet hat im Tagesthemen-Interview ein "Personalproblem" eingeräumt. Mutet die Landesregierung den Lehrern zuviel zu?

Himmelrath: Das Problem wird noch unterschätzt. Schätzungen zufolge gehören rund 30 Prozent der Lehrer in NRW zu einer Risikogruppe. Das ist, denke ich, noch nicht durchdacht und auch noch nicht durchgerechnet.

WDR: Was ist mit Schülern, deren Angehörige Vorerkrankungen haben?

Himmelrath: Das ist eine Gruppe, über die wir dringend reden müssen. Für solche Schüler muss es digitale Unterrichtsangebote geben. Für die Lehrer ist das eine zusätzliche Aufgabe, den sie neben dem Präsenzunterricht stemmen müssen.

Das Interview führte Andreas Poulakos.

Hier die wichtigsten Infos zur schrittweisen Öffnung der Schulen im Überblick

Ab der kommenden Woche sollen an NRW-Schulen Prüfungen und vorbereitender Unterricht der Abschlussklassen wieder stattfinden. Schüler, "die knapp vor einem Abschluss stehen und sich Sorgen machen, ob sie gut genug vorbereitet sind" werden wieder zur Schule gehen können. Das kündigte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Mittwochabend (15.04.2020) in Düsseldorf an.

Konkret gehe es um Schüler, die vor der Mittleren Reife und dem Abitur stehen. Ab dem 4. Mai sollen dann auch Schüler der allgemein- und der berufsbildenden Schulen, die im nächsten Jahr ihre Prüfung haben, wieder in die Schule gehen können - ebenso wie die letzte Grundschulklasse, also die Viertklässler.

Als Erstes müssten jetzt auch Sicherheitskonzept erarbeitet werden - für Unterricht in kleineren Gruppen, Pausen und Schulbusse.

Stand: 16.04.2020, 20:40