Coronavirus: "Erregung verbreitet sich schneller als der Erreger"

Eine Person desinfiziert sich die Hände im Wartebereich

Coronavirus: "Erregung verbreitet sich schneller als der Erreger"

  • Interview mit Psychologen über Umgang mit Corona
  • Medien als Erregungsbeschleuniger
  • Stephan Grünewald mahnt mehr Gelassenheit an

WDR: Meldungen zum neuen Coronavirus werden oft verbunden mit der verbalen Botschaft "Aber keine Panik!" Beruhigt diese Wortwahl?

Stephan Grünewald

Stephan Grünewald

Stephan Grünewald: Psychologisch betrachtet nicht. Man hört das Wort Panik und ist dadurch direkt schon im Panikmodus. Besser wäre es, positiv zu formulieren nach dem Motto "Bleiben Sie gelassen" oder "Bewahren Sie die Ruhe".

WDR: Warum macht das Coronavirus den Menschen so viel Angst?

Grünewald: Weil wir mit einer Bedrohung konfrontiert sind, die einerseits fremd und unbekannt ist, andererseits aber nicht wahrnehmbar, nicht riechbar, nicht schmeckbar, nicht fühlbar. Das erzeugt große Gefühle der Ohnmacht, denn wir können buchstäblich nicht fassen, was uns da begegnet.

WDR: Was wirkt beruhigend?

Grünewald: All das, was den Menschen einen Weg weist, aus der Ohnmacht herauszukommen und wieder handlungsfähig zu werden. Etwa die Abstandsregeln, die kommuniziert werden. Die Hinweise auf häufiges Händewaschen. Desinfektionsregeln. Aber auch die Hamsterkäufe. Das sind sozusagen Übersprungshandlungen, um aus der Ohnmacht herauszukommen und sich selbst zu zeigen: Ich bin noch handlungsfähig.

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WDR: Wie kann in einer solchen Krise überhaupt Gelassenheit vermittelt werden?

Grünewald: Indem man einen ruhigen Duktus in der Ansprache verwendet und sich auf Fakten bezieht. Im Moment sind wir aber in einer gewissen medialen Falle. Es gibt zwei Bedrohungsszenarien: das eine Szenario geht vom Erreger aus, dass andere von der Erregung, die in der Bevölkerung da ist. Und die Erregung verbreitet sich viel schneller als der Erreger.

WDR: Was genau meinen Sie mit medialer Falle?

Grünewald: Allein die Tatsache, dass jede Sendung fast rund um die Uhr von Corona berichtet, signalisiert schon: Da ist etwas ganz Ungewöhnliches, wir sind eigentlich im Ausnahmezustand.

WDR: Hilft denn nicht gerade eine transparente Berichterstattung, um für mehr Gelassenheit zu sorgen?

Grünewald: Ja. Aber das Kernproblem scheint zu sein, dass dieses Thema ständig oben auf der Welle schwimmt. Der Panikmodus, in dem sich die Bevölkerung eh schon befindet, wird medial zusätzlich geschürt, weil das Thema Coronavirus alle anderen Themen verdrängt.

Dadurch werden die Medien zu Erregungsbeschleunigern. Die Gefahr ist groß, dass wir nicht durch den Erreger, sondern durch die Erregung in eine soziale Fastenzeit abgleiten. Das merkt man, wenn Infizierte verunglimpft oder wüst beschimpft werden oder wenn Regalschlachten stattfinden um die letzte Rolle Klopapier.

Das Interview führte Dominik Reinle.

So geht Händewaschen richtig Hart aber fair 02.03.2020 01:00 Min. Verfügbar bis 02.03.2021 Das Erste

Stand: 06.03.2020, 20:42