Covapp-Fragebogen für mehr Normalität in der Pandemie

Michael Hallek

Covapp-Fragebogen für mehr Normalität in der Pandemie

  • Interview mit Prof. Michael Hallek von der Uniklinik Köln
  • Daten sollten auch elektronisch genutzt werden dürfen
  • CovApp hilft, Covid-19 und die Pandemie besser zu verstehen
  • Corona-Fragebogen: clevere Überwachung des Coronavirus-Infektionsgeschehens

Im Berliner Uniklinikum Charité wurde der Covapp-Fragebogen entwickelt, mit dem Menschen eine Orientierung bekommen sollen, ob ein Coronavirus-Test bei ihnen sinnvoll ist. Diese Web-App kann jeder in seine eigene Homepage integrieren. Der WDR hat sich dazu entschlossen, um den Menschen in NRW damit zu helfen. Dies begrüßt der Professor Dr. Michael Hallek, Direktor der Klinik I für Innere Medizin an der Uniklinik Köln.

WDR: Herr Professor Hallek, Sie behandeln in Ihrer Klinik täglich Menschen, die am Coronavirus erkrankt sind. Wie kann Ihnen der Covapp-Fragebogen der Charité helfen, Ihre schwierige Arbeit in der Klinik zu erleichtern?

Prof. Michael Hallek: Diese elektronischen Werkzeuge haben die Stärke, dass sie uns schnell Basisinformationen verschaffen, bevor wir mit dem Patienten selbst reden. Anschließend können wir uns darauf aufbauend mit dem Patienten weiter austauschen. Das würde uns sehr stark helfen. Grundsätzlich wichtig wäre aber, dass diese Informationen möglichst auch auf elektronischem Weg weitergegeben werden. Etwa in Form einer Datenspende des Patienten. Dann könnten wir sie im Sinne einer Wissen-generierenden Versorgung sogar für die Forschung verwenden.

WDR: Welche Hoffnungen oder Erwartungen verbinden Sie damit, wenn Menschen in NRW, die einen Corona-Verdacht haben, diesen Fragebogen ausfüllen?

Prof. Hallek: Der große Nutzen wäre, dass man viel besser versteht, welche Entstehungswege das Virus hat, welche Ursachen man vermuten kann, welche Symptome häufig auftreten. Also, dass man einfach mehr über die Häufigkeit bestimmter Symptome oder den Ausbreitungsweg des Coronavirus weiß.

WDR: Welche Menschen sollten denn aus Ihrer Sicht jetzt vor allem auf eine Coronavirus-Infektion getestet werden?

Prof. Hallek: Wir können die Tests nicht auf die gesamte deutsche Bevölkerung einmal die Woche ausdehnen. Das ist unmöglich. Man muss also entscheiden, welche Personengruppen relevant sind und diese möglichst gezielt und sorgfältig untersuchen. Ich nenne diese Personen gerne Konkaktberufe. Das sind zum Beispiel alle Menschen, die im Krankenhaus arbeiten. Auch diejenigen, die in Altenheimen, in Supermärkten oder als Zusteller arbeiten. Also Menschen, die durch ihre Tätigkeit oft mit anderen in Kontakt kommen. Die kann man in einer Art Screening-Verfahren testen.

Ein konkretes Beispiel aus dem Krankenhaus wäre: Unsere Uniklinik hat über 10.000 Mitarbeiter, die man nicht alle täglich untersuchen kann. Aber wir können täglich zufällig etwa 50 bis 100 ausgewählte Personen untersuchen, das ist möglich. Dann haben wir nach zwei, drei Wochen einen ziemlich guten Überblick, wo gerade die Coronavirus-Infektionen auftreten und können dort Infizierte sofort isolieren, also in Quarantäne schicken. So hätten wir die Möglichkeit, eine deutlich höhere Sicherheit am Arbeitsplatz herzustellen. Auf derartige Strategien wird es in den nächsten Wochen ankommen.

WDR: Was erhoffen Sie sich durch den Fragebogen für Ihre Kollegen in den Laboren, die im Moment ja fast rund um die Uhr Tests bearbeiten müssen.

Prof. Hallek: Dort könnten die Tests mit den Daten aus dem Fragebogen gekoppelt werden. Der Vorteil der App ist, dass die Daten strukturiert werden, im Gegensatz zu einer freien Erzählung. Das typische Arzt-Patienten-Gespräch läuft ja so, wie wir beide gerade miteinander sprechen. Was da notiert wird, ist bei jedem Menschen anders. Diese Strukturierung ist in der Regel zuverlässiger. So könnten Informationen in kürzerer Zeit auswertbar gemacht werden.

WDR: Wie sehen Sie die Bedeutung des Fragebogens im Vergleich zu anderen Maßnahmen, wie etwa dem Tragen eines Mund-Nase-Schutzes oder einer Tracking-App, wenn es um eine weitere Lockerung der aktuellen Beschränkungen geht?

Prof. Hallek: Das ist ein Dreiklang. Ich glaube zuerst, dass die Hygienemaßnahmen weiter konsequent durchgeführt werden müssen. Da gehört auch der Mundschutz in der Öffentlichkeit unbedingt mit dazu. Ich halte es deshalb für nicht so glücklich, dass man das nicht verpflichtend gemacht hat.

Das Zweite ist, dass man Patienten, die infiziert sind, oder das Virus in sich tragen, schnell erfasst und isoliert. Und das Dritte sind tatsächlich die Apps oder der Fragebogen. Also eine kluge und intelligente Überwachung des Coronavirus-Infektionsgeschehens in der Öffentlichkeit. Diese Maßnahmen sollten letzten Endes ein Nachverfolgen möglich machen, wenn das unser Datenschutz erlaubt. Aktuell ist das die einzige Begrenzung.

Ich halte das aber für einen weit geringeren Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, als etwa die Versammlungsfreiheit oder die Religionsfreiheit oder das gesamte öffentliche Leben einzuschränken. Besser wäre es, die Patienten, die damit einverstanden sind, während der Pandemie eine Weile anhand bestimmter Daten zu verfolgen. Deren Daten müssen aber auch wieder gelöscht werden. Darin sehe ich in der Abwägung einen kleineren Eingriff in die Recht der Bürger, als die ganze Republik noch ein paar Monate einzusperren.

WDR: Lassen Sie uns zum Schluss mit etwas Abstand auf die Corona-Pandemie schauen. Wo genau stehen wir da gerade? Am Anfang, mittendrin oder sehen Sie aus medizinischer Sicht schon ein Ende?

Prof. Hallek: Wir sind am Anfang der ersten Welle. Es gibt einen sehr guten Blog von Tomas Pueyo, 'The hammer and the dance', der das Phänomen ziemlich genau so beschreibt, wie es jetzt abläuft. Es gibt die erste große Welle. Die haben wir gerade noch rechtzeitig erkannt und etwas dagegen unternommen.

Die nächste Welle wird kommen, aber wir werden sie deutlich besser behandeln können, weil wir jetzt besser vorbereitet sind. Das kann über die nächsten ein bis zwei Jahre so weitergehen, falls wir zuvor keine Impfung haben. Ich wünsche mir, dass wir es im öffentlichen Leben schaffen, das Virus nicht mehr als eine Art Dauerbedrohung zu sehen, sondern damit zu leben lernen.

Dazu braucht es ein paar clevere Maßnahmen, zu denen sicher auch der Covapp-Fragebogen gehört. So kann man ein großes Stück öffentliches Leben zurückholen. Was ich noch nicht so genau weiß, ist, wie wir das mit dem Fußball oder anderen Großveranstaltungen hinbekommen. Was mir persönlich schon fehlt: Zum Singen und Feiern gemeinsam mit Freunden beim 1. FC Köln auf der Tribüne stehen zu können.

Das Interview führte Robert Franz.

Stand: 18.04.2020, 11:12

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