Fleischindustrie: Veränderungen durch Corona?

Stop-Schild am Eingang von Tönnies

Fleischindustrie: Veränderungen durch Corona?

  • Corona könne Druck auf Fleischindustrie aufbauen
  • Verbandelungen zwischen Politik und Industrie
  • Hersteller drücken durch Werkverträge die Löhne

Die großen Fleischfabriken in Deutschland geraten nach dem Corona-Ausbruch bei Marktführer Tönnies zunehmend in Bedrängnis. Eine Sprecherin des Bundesarbeitsministerium betonte, dass es schnellstmöglich einen Gesetzentwurf für die geplanten Verschärfungen beim Arbeitsschutz und einem weitgehenden Verbot von Werkverträgen in der Fleischbranche geben soll. Zudem fordern Agrarpolitiker der Union mehr regionale Schlachthöfe. Auch die NRW-Landesregierung will Billigangeboten beim Fleisch einen Riegel vorschieben.

Fleischindustrie: Veränderung steht an

WDR 5 Morgenecho - Interview 20.06.2020 07:48 Min. Verfügbar bis 19.06.2021 WDR 5

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Sorgt Corona für einen Neuanfang in der Fleischbranche?

Nicht nur die aktuellen Reaktionen der Politik lassen darauf schließen, dass sich etwas ändern wird, auch schon vor dem Corona-Ausbruch bei Tönnies habe die Politik verstanden, dass sich etwas ändern muss, sagte Anette Dowideit am Samstag (20.06.2020) bei WDR 5. Sie ist Chefreporterin im Investigativ-Team der Zeitung "Die Welt" und Kennerin der Fleischindustrie.

Anette Dowideit von der "Welt". Im Hintergrund ist das WDR 5 Logo.

Anette Dowideit von der "Welt"

Sie verweist auf Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD), der sich zur Aufgabe gemacht hätte, bei den Arbeitsbedingungen etwas zu ändern und drastische Worte gewählt habe. Der Zeitpunkt und die Aufmerksamkeit könne genutzt werden, um Druck aufzubauen, so Dowideit. Denn ein Problembewusstsein und Reformpläne habe es schon gegeben, man sei nur noch nicht dazu gekommen, etwas zu ändern.

Wer profitiert von System Billigfleisch?

Die Fleischindustrie habe eine sehr gute Lobby, daher habe sich so lange nichts verändert, sagte Dowideit. "In der Union gibt es Leute, die selber aus Mastbetrieben kommen oder Verwandte haben, die Mastbetriebe haben. Die engagieren sich sehr stark dafür, dass alles so weitergehen kann, wie es ist. Sie sagen: Es ist doch überhaupt gar kein Problem, es funktioniert doch alles wunderbar."

Die Saisonarbeiter, die überwiegend aus Bulgarien oder Rumänien kommen, würden davon profitieren, wenn Werkverträge verboten werden. Stattdessen könnten sie befristet direkt beim Unternehmen angestellt werden, so Dowideit. Sie würden dann sehr viel mehr verdienen, weil dann nach Traif gezahlt werden müsste.

Das seien 13,69 Euro für einen ungelernten Arbeiter pro Stunde. "Wenn sie bei einem Subunternehmen angestellt sind, bekommen sie den Mindestlohn von 9,35 Euro."

Liegt die Macht zur Veränderung beim Verbraucher?

"Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Verbraucher einer Mitschuld hat", sagte Dowideit. Es gebe viele Umfragen, die zeigen, dass zwar die Bereitschaft da sei, mehr Geld auszugeben, aber es dann im Supermakrt doch nicht getan wird. Oft gebe es aber im Laden gar keine Alternative, wenn man wirklich mal auf die Produktion und die Haltung achten möchte. Gerade wenn man eben keinen Bio-Metzger in der Nachbarschaft hat.

Stand: 20.06.2020, 17:41