Die Corona-Krise als kollektive Sozial-Fastenzeit

Köln: Wenig Spaziergänger gehen am Dom entlang.

Die Corona-Krise als kollektive Sozial-Fastenzeit

Von Jörn Seidel

  • An Ostersonntag ist die christliche Fastenzeit vorbei
  • Pfarrer: Erzwungenes Sozialfasten "nicht nur schädlich"
  • Quarantäne als Zeit der Besinnung

Was für eine Fastenzeit! Keine Freunde treffen, kein Kino, keine Party, keine Urlaubsreise. Und oft sogar noch mehr: keine Arbeit, kein Einkommen, keine Sicherheit. So viel - erzwungenes - Fasten wie in der Corona-Krise war für viele noch nie.

Verzicht in der Krise

"Heute fiel uns der Verzicht auf ein Glas Rotwein ganz besonders schwer", schrieb ein Twitter-User am Tag, an dem man sonst Aprilscherze macht. Derweil schnellte die Zahl der Corona-Infizierten ein weiteres Mal in die Höhe.

Andere haben in der Krisen-Fasten-Zeit das freiwillige Verzichten aufgegeben. Wozu noch Schokolade fasten, wenn man ohnehin zwangsfasten muss?

"Weil es mir ein Ziel gibt, und das tut gerade in der Ungewissheit der Corona-Krise gut", sagt dagegen eine 38-jährige Kölnerin, die in der Fastenzeit auf Lakritz verzichtet. Ganz ohne Süßes wie Eis gehe es aber nicht - immerhin habe sie ein Baby zu stillen.

Fasten: Konsumkritik statt Glaube?

WDR 5 Neugier genügt - Freifläche 12.03.2020 09:47 Min. Verfügbar bis 12.03.2021 WDR 5

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Quarantäne und Fastenzeit

Wohl niemand hat das im März begonnene Zwangsfasten sozialer Kontakte kommen sehen, als an Aschermittwoch (26.02.2020) die Fastenzeit begann, die noch bis Karsamstag (11.04.2020) dauert.

Ironischerweise haben Quarantäne und Quadragesima - die lateinische Bezeichnung für die Fastenzeit - denselben Wortursprung. Beides leitet sich von der Zahl 40 ab. So lange dauert die Fastenzeit - die Sonntage nicht mitgerechnet. Und ebenso viele Tage wurden Ankömmlinge zuerst im mittelalterlichen Venedig in Quarantäne geschickt, damit sie die Pest nicht einschleppten.

Zwangsfasten "nicht nur schädlich"

Zwar sei das Zwangsfasten für viele Menschen belastend, aber insgesamt "nicht nur schädlich", sagt Pfarrer Paul Mandelkow aus Unna dem WDR. "Es schärft den Blick für das Notwendige" - und könne so das Miteinander stärken.

Ist Fasten gesund? Planet Wissen 26.02.2020 57:48 Min. Verfügbar bis 26.02.2025 WDR

Auch Ulrich Lüke, Professor für katholische Theologie und Krankenhauspfarrer in Münster, kann dem Sozialfasten etwas Positives abgewinnen. "Es kann auch mal gut tun, soziale Kontakte zu kappen", sagt er dem WDR. "Es ermöglicht einem, sich mit sich selbst zu beschäftigen und den Umgang mit anderen zu überdenken."

Innere Einkehr

Und das sei auch in diesen letzten Fasten-Tagen noch möglich, sagt Lüke. So könne man sich Karfreitag die Frage stellen: "Wie gehe ich mit dem eigenen Leid und dem der anderen um?" Und am Karsamstag gehe es darum, das Karfreitagserlebnis des Todes auszuhalten.

Wie es aussieht, bleibt auch danach noch Zeit zum Sinnieren. Denn das Sozialfasten könnte deutlich länger als 40 Tage dauern. Das Lakritzfasten der Kölnerin indes ist am Ostersonntag (12.04.2020) vorbei.

Fasten: Worauf würden Menschen in NRW am ehesten verzichten?

  • 64 Prozent: Süßigkeiten
  • 64 Prozent: Alkohol
  • 38 Prozent: Fleisch
  • 31 Prozent: Rauchen
  • 30 Prozent: Fernsehen
  • 32 Prozent: Internet/Computer
  • 14 Prozent: Auto

Quelle: Forsa-Umfrage für DAK-Gesundheit, 12.02.2020.

Stand: 10.04.2020, 06:00