Politiker und Mediziner wollen zweiten "Lockdown" vermeiden

Auf einer Werbeanzeige der Stadt Köln wird für das Tragen von Schutzmasken im öffentlichen Raum geworben.

Politiker und Mediziner wollen zweiten "Lockdown" vermeiden

Aufgrund steigender Neuinfektionen mit dem Coronavirus ergreift die NRW-Landesregierung neue Maßnahmen. Politiker und Experten appellieren an die Vernunft der Bürger.

NRW verzeichnete am Freitag mit 2.154 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden einen neuen Höchstwert, die Landesregierung ergreift strengere Maßnahmen und in NRW befinden sich derzeit etwa 70.000 Menschen in Quarantäne. Der Winter naht und die Prognosen für die kommenden Wochen könnten positiver sein.

Laumann gegen zweiten "Lockdown"

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) teilte mit, finanzielle Mittel bereitzustellen, um etwa 1.000 zusätzliche Leute für die Nachverfolgung von Infektionsketten zu mobilisieren. Er wolle weder das Schul- und Kitasystem erneut schließen, noch die Wirtschaft. "Wir werden einen zweiten Lockdown kaum in den Staatsfinanzen nochmal verkraften können", stellt Laumann fest. Ausschließen könne man ihn aber nicht.

Dass man das ganze Winterhalbjahr noch vor sich habe, beunruhige ihn als Gesundheitsminister besonders. Aus virologischer Sicht sei dies bekanntlich immer das schlimmere.

Weltärztepräsident rechnet mit steigendem Höchstwert

Porträt Frank Ulrich Montgomery, schwarzer Hintergrund

Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery rechnet damit, dass trotz der aktuell beschlossenen Maßnahmen die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland "in der kommenden Woche voraussichtlich die Grenze von 10.000 überschreiten" wird. Daran könnten auch die jetzt getroffenen Maßnahmen wenig ändern, weil die sich erst in frühestens fünf bis zehn Tagen auswirkten, so Montgomery.

Merkel appelliert an Vernunft der Bürger

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in ihrem Podcast mit einem eindringlichen Appell an die Bürgerinnen und Bürger gewandt. "Wir müssen jetzt alles tun, damit das Virus sich nicht unkontrolliert ausbreitet. Dabei zählt jetzt jeder Tag", sagte die CDU-Politikerin heute in ihrem wöchentlichen Video-Podcast. "Ich bitte Sie: Verzichten Sie auf jede Reise, die nicht wirklich zwingend notwendig ist, auf jede Feier, die nicht wirklich notwendig ist. Bitte bleiben Sie, wenn immer möglich, zu Hause, an Ihrem Wohnort."

Verschiedene Erkrankungen belasten Gesundheitssystem

Die üblichen Herbst-Probleme wie Atemwegserkrankungen, Influenza-Grippe und Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden das Gesundheitssystem vor weitere Probleme stellen. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), sagt, man werde sehen, "dass wir dann viel zu tun haben und die Krankenhäuser wirklich gut ausgelastet sind".

Zurzeit sei die Auslastung der Intensivbetten allerdings geringer als zum Höhepunkt der Pandemie in Deutschland im April, so Janssens. Der Grund dafür sei ein niedrigeres mittleres Erkrankungsalter mit weniger schweren Krankheitsverläufen.  

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) kündigte im Zuge der erweiterten Corona-Maßnahmen "angesichts der Erwartung eines höheren Patientenaufkommens" eine Aufstockung der Intensivbetten an. Andere Behandlungen sollen schrittweise reduziert werden.

Simple Regeln sollten eingehalten werden

Der Virologe Friedemann Weber von der Universität Gießen findet die Sperrstunde sinnvoll. "Virologisch gesehen ist es sowieso am besten wir bleiben alle zu Hause und haben so wenige Kontakte wie möglich", sagte er dem WDR. Das Beherbergungsverbot hält er allerdings nicht für sehr praktikabel.

Wichtig seien die simplen Regeln: Abstand halten, Hände waschen, Maske tragen, Lüften, die Corona-Warn-App nutzen und Kontakte einschränken. Dies reiche aus, würde es jeder beherzigen. Außerdem spricht er sich eher für lokale, als für einen nationalen "Lockdown" aus, da Studien diese als effektiver belegten.

Stand: 17.10.2020, 20:22