Corona-Regeln: Warum uns die Eigenverantwortung oft überfordert

Corona-Regeln: Warum uns die Eigenverantwortung oft überfordert

Von Oliver Strunk/Julius Schmitt

Die Politik will sich nicht zu sehr in die Weihnachtsfeierlichkeiten einmischen und fordert laut die Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Aber sind wir in der Corona-Pandemie nicht überfordert mit der Freiheit, selbst zu entscheiden?

Für das Leben während der Pandemie gibt es bestimmte Regeln, die der Staat vorschreibt: zum Beispiel Maske tragen und keine großen Partys feiern. Dann gibt es wieder andere Regeln: etwa Abstand halten und Hände waschen, die nicht kontrolliert werden können und daher in die Eigenverantwortung fallen.

"Distanz-Regeln greifen unser Selbstverständnis an"

"In unserem Leben geht es permanent um diesen Konflikt zwischen Eigenverantwortung und Regeln", sagt die Kölner Psychotherapeutin Gabriele Fischer, "zwischen den Wünschen und Bedürfnissen, die man hat und was andererseits der Verstand dazu sagt."

In Gesprächen mit ihren Patienten habe sie festgestellt, dass es aktuell grundsätzlich eine Art "Regel- oder Corona-Müdigkeit" gibt, weil die Einschränkungen inzwischen schon so lange gelten. Zudem gebe es auch Unterschiede bei der Aktzeptanz der Vorschriften. "Die Hygiene-Regeln greifen weniger unseren sozialen Kern an, als die Distanz-Regeln - diese greifen unser Selbstverständnis an", sagt Fischer.

Ordnungsämter arbeiten "am Anschlag"

Dass einige Regeln kontrolliert werden müssen, zeigt etwa, dass die Städte überhaupt Mitarbeiter des Ordnungsamtes zur Kontrolle einsetzen. Der Städte- und Gemeindebund hat dafür am Samstag mehr Geld und Personal gefordert. Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Bernd Jürgen Schneider sagte, die Ordnungsämter würden im Kampf gegen das Coronavirus eine "Schlüsselrolle" einnehmen und seit Monaten "am Anschlag" arbeiten.

Eigenverantwortung am Black Friday überfordert

Am Black Friday waren die Mitarbeiter der Ordnungsämter besonders gefragt. In mehreren NRW-Städten waren die Einkaufstraßen teilweise überfüllt. Viele haben den Tag, an dem die Geschäfte mit Sonderangeboten locken, zum shoppen genutzt. In Köln mussten zwei Shoppingcenter ihre Eingänge für einige Zeit schließen, weil drinnen zu viele Kunden waren. In Bielfeld rief das Ordnungsamt am Freitagabend die Leute mit Megafonen dazu auf, die City zu verlassen.

Auch am Samstag hat das schöne Wetter wieder viele Menschen zum Einkaufen in die Innenstädte getrieben. In Essen war die Fußgängerzone voll. Dort gilt bislang noch keine ausgesprochene Maskenpflicht.

Einerseits sind die Geschäfte auf, denn potenzielle Kunden sollen den Einzelhandel in den Innenstädten gegenüber den Online-Händlern stärken. Dazu findet der Black Friday statt, an dem alles billiger zu sein scheint, und den man nicht verpassen soll. Dann wiederum wird man zurückgepfiffen, weil wir ja schließlich in Corona-Zeiten leben.

"Da trifft sich dieser Konflikt haarscharf", sagt die Psychotherapeutin Fischer. Das Bedürfnis und der Wunsch, etwas billig zu kaufen und die Vernunft, das lieber nicht zu tun. "Und der Konflikt ist nicht nur in einem selbst, sondern auf der kommunalen Ebene", findet Fischer. Die Eigenverantwortung werde nur bis zu einem gewissen Punkt gestärkt, weil das sonst der Werbeindustrie, dem Handel und dem Konsum widerstrebe.

"Weihnachten-Verherrlichungs-Signale der Politik"

Ähnlich sei es bei den "Weihnachten-Verherrlichungs-Signalen der Politik", wie es die Pychotherapeutin nennt. Über Weihnachten dürfen wir mehr Leute sehen, weil ja schließlich Weihnachten sei, da müsse man doch Ausnahmen erlauben. Wir dürfen also, wir sollten aber am liebsten nicht.

Mit diesen unterschiedlichen Signalen der Politik würden die Bürger mit einer ziemlich großen Entscheidung alleine gelassen, ordnet Fischer die Sonderregeln über die Feiertage ein. Nach dem Motto: Wenn ihr unbedingt wollt, dürft ihr feiern. Aber wenn ihr das macht, seid ihr selbst Schuld, wenn etwas passiert.

"Der drohende Unterton hilft nicht weiter"

Damit übertrage man eine Verantwortung auf die Bürger, die diese gar nicht tragen könnten, weil sie in der Regeln nicht das wissenschaftliche Grundwissen über die Verbreitungswege des Virus hätten wie staatliche Gesundheitsapparate. Auch dieser drohende Unterton helfe nicht weiter, ist Fischer überzeugt. "Mir fehlt eine Diskussion im öffentlichen Raum darüber, was es für Alternativen gibt, was es für kreative Lösungen gibt."

73 Prozent wollen Kontakte zu Weihnachten einschränken

Dennoch scheint der Weg der Regierung zu funktionieren. Die von der Politik geforderten Kontaktreduzierungen wollen die meisten Bürger laut Umfragen mittragen. 73 Prozent der Befragten gaben im ARD-"Deutschlandtrend" an, Kontakte zu ihrer Familie oder Besuche an den Weihnachtsfeiertagen mehr oder minder stark einschränken zu wollen. Knapp ein Viertel plant demnach keine Einschränkung.

Aber was, wenn es in der eigenen Familie beide Lager gibt? "Man könnte aufeinander einschlagen, es totschweigen oder halt miteinander reden - so wie bei jedem Familienkonflikt", so Fischer. Reife Erwachsene sollten sich auf jeden Fall ans Telefon klemmen und die Abläufe der Weihnachtsfeiern besprechen.

"Welche Wünsche und welche Ängste habe ich, welche Kompromisse sind möglich, man muss auf jeden Fall offen darüber kommunizieren. Ansonsten fühlen sich die Vorsichtigen ausgeschlossen und die Feiernden an den Pranger gestellt", warnt Gabriele Fischer.

Stand: 28.11.2020, 16:47