Ein Patient sitzt in einer Klinik am Teutoburger Wald, in der Long-Covid-Patienten behandelt werden, zur Überprüfung seiner Lungenfunktion in einem Bodyplethysmographen

Corona-Folgen: Fragen und Antworten zu Long Covid

Stand: 08.08.2022, 13:28 Uhr

Die Corona-Pandemie stellt unser Gesundheitssystem auch im dritten Jahr noch auf eine harte Probe. Für viele Menschen hört das Leiden selbst nach überstandener Infektion nicht auf.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat sich am Freitag wiederholt für eine vierte Impfung stark gemacht. So senke man nicht nur das Infektionsrisiko - auch das Long-Covid-Risiko sei "deutlich reduziert für ein paar Monate".

Was versteht man unter Long und Post Covid?

Von Long Covid spricht man, wenn Beschwerden noch vier Wochen nach einer Ansteckung mit Corona auftreten. Sollten sie nach drei Monaten noch nicht weg sein, handelt es sich um Post Covid.

Neben der "Fatigue", einer stark eingeschränkten Belastbarkeit, zählen laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter anderem Gedächtnisprobleme, Schlafstörungen, Husten, Muskel- und Brustschmerzen sowie depressive Verstimmungen dazu.

Long Covid: "Krankheitsbild sehr komplex"

WDR 5 Morgenecho - Interview 01.08.2022 06:22 Min. Verfügbar bis 01.08.2023 WDR 5


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Long Covid zu diagnostizieren, sei "ziemlich komplex" - aufgrund der vielen verschiedenen Beschwerden, sagt Christina Sartori aus der WDR-Wissenschaftsredaktion. Wie es zu den Langzeitbeschwerden komme, wisse man nicht. Das werde erforscht. Klarer scheine indes, wie viele Corona-Infizierte es bekommen. Laut Sartori beziffern mehrere Studien das Risiko so: "Jeder Zehnte, der Covid hatte, entwickelt danach Long Covid."

Wie lange hält Long Covid in der Regel an?

Der Mainzer Gutenberg-COVID-19-Studie zufolge klagen sechs Monate nach der Infektion sogar rund 40 Prozent der Genesenen über mindestens eines der von der WHO klassifizierten Symptome.

Besonders gefährdet sind wohl Menschen mit Vorerkrankungen, wie eine Datenauswertung des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Versorgung (ZI) ergeben hat. "96 Prozent der Long-Covid-Fälle waren im Jahr zuvor bereits in ärztlicher Behandlung", sagte der ZI-Vorstandsvorsitzende Dominik von Stillfried kürzlich der Bild-Zeitung.

"Long-Covid-Patienten weisen häufiger als die Allgemeinbevölkerung Vorerkrankungen wie Atemwegserkrankungen, Bluthochdruck, Übergewicht und psychische Erkrankungen auf", so von Stillfried weiter. Das ZI hat dem Bericht zufolge im kassenärztlichen Bereich 2021 rund 880.000 Fälle von Long Covid registriert. Zwei Drittel der Patienten waren nach spätestens einem Quartal beschwerdefrei – ein Prozent der Fälle war komplex und langwierig. Nicht jeder müsse nach Covid mit Post Covid und schweren Auswirkungen rechnen: "Das zeigen die Daten nicht."

Nach Auswertungen einer großen deutschen Krankenkasse waren Patienten mit schwerem Verlauf im Schnitt fünf Monate wegen Long Covid krank geschrieben, jene mit mildem dagegen nur drei Monate.

Wie kann ich mich davor schützen?

Als Schutzmaßnahme nennt Sartori genau wie Lauterbach eine Impfung: "Nach bisherigen Daten senkt eine Impfung das Risiko für Long Covid." Sie senke das Risiko nicht auf null, schütze jedoch, weil sie einen schweren Verlauf der Corona-Erkrankung unwahrscheinlicher macht: "Wer einen schweren Verlauf von Corona hat, der hat ein höheres Risiko für Long Covid." Ob das auch für die Omikron-Variante gelte, sei noch nicht klar. Forschende gingen aber davon aus, so Sartori von Quarks.

Am besten schütze man sich natürlich vor der Infektion, aber das sei eben nicht immer so einfach. Die entsprechenden Maßnahmen dürften im dritten Pandemie-Jahr weitgehend bekannt sein: Hygieneregeln beachten, Schutzmasken an Orten tragen, wo Infektionen wahrscheinlicher sind, und Abstände einhalten.

Wie können Long-Covid-Patienten behandelt werden?

Ein Long-Covid-Patient macht ein Atemtraining in einem Gymnastikraum der Klinik Teutoburger Wald, eine Reha-Klinik für Post-Covid Erkrankte

Ein Long-Covid-Patient macht ein Atemtraining.

Ist Long Covid oder gar die längere "Post Covid"-Variante diagnostiziert, gibt es über das ganze Bundesgebiet verteilt eine ganze Reihe von Reha-Zentren, die Patienten dabei helfen, beschwerdefrei zu werden.

Viele Beschwerden seien Ärzten bekannt, so Sartori. Bei chronischen Kopfschmerzen etwa behandele man Long-Covid-Patienten genauso wie man Menschen vor Corona mit denselben Symptomen behandelt habe.

Bei der oft auftretenden "Fatigue" gebe es jedoch keine Standardbehandlung. Das Repertoire reiche von Bewegungstraining bis hin zur Psychotherapie. Bei unbekannten Beschwerden versuche man, "dem Patienten zu helfen, mit den Beschwerden zu leben, sich zu arrangieren", so Sartori.

Was könnte noch getan werden?

Es gibt Behandlungsmethoden, wie etwa Blutwäschen, deren Wirksamkeit noch besser erforscht werden müssen. Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen hatte die Forschungslücke in seinem "Check-up" in der ARD unlängst thematisiert.

Bei Hirschhausen kam auch Lauterbach zu Wort, der jüngst gewarnt hat, dass Long Covid eine neue "Volkskrankheit" werden könne. Das Phänomen müsse besser erforscht werden, auch die Behandlungsmöglichkeiten müssten verbessert werden. Mit Blick auf "Fatique" etwa sagte der Bundesminister: "Da ist zu wenig geforscht worden in der Vergangenheit, weil die Gruppe der Patienten nicht so groß war." Eine nun "anrollende Forschung für Long Covid" solle das verbessern.

Laut dem Chefarzt für Neurologie am Unfallkrankenhaus Berlin, Ingo Schmehl, stelle die Erkrankung das Gesundheitssystem vor eine Mammutaufgabe. "Wir haben noch einen Riesenberg vor uns."