6.400 Tönnies-Arbeiter nach Corona-Ausbruch in Quarantäne

6.400 Tönnies-Arbeiter nach Corona-Ausbruch in Quarantäne

  • Erneut viele Covid-19-Infektionen in Fleischfabrik
  • 730 Fälle nach Massentests bei Tönnies entdeckt
  • Krankenhäuser schränken Besuchsregelungen ein
  • Kitas und Schulen im Kreis Gütersloh machen zu

Beim Fleischverarbeiter Tönnies in Rheda-Wiedenbrück sind in der Produktion mittlerweile rund 730 Menschen positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Das hat der Kreis Gütersloh am Donnerstag (17.06.2020) mitgeteilt. 6.400 Mitarbeiter müssten in Quarantäne. Das sind 600 weniger als am Mittwoch angegeben. Die Beschäftigten bestimmter Tönnies-Bereiche - wie die der Verwaltung - seien nicht von der Quarantäne betroffen.

Verl: Sicherheitsdienst soll Quarantäne kontrollieren

Um die Quarantäne zu kontrollieren, wird die Stadt Verl einen externen Sicherheitsdienst beauftragen, der in den nächsten zwei Wochen die dortigen Unterkünfte für Werkvertragsmitarbeiter rund um die Uhr im Blick behalten soll. Außerdem errichtet das Ordnungsamt ein mobiles Informationsbüro.

Problem: Arbeiter trennen

Das Problem: In den Unterkünften leben nicht nur Werkvertragsmitarbeiter von Tönnies, sondern auch viele Mitarbeiter anderer Unternehmen. Diese voneinander zu trennen, sei schwierig, teilte Verls Bürgermeister Michael Esken dem WDR mit.

Die Werksmitarbeiter in Quarantäne bekommen weiterhin ihren Lohn. Laut Armin Wiese von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten muss der Arbeitgeber nach dem Infektionsschutzgesetzt den Lohn weiterzahlen und kann ihn sich später erstatten lassen.

Weitere 5.000 Tests nötig

Eine Folge der neuen Fälle ist, dass noch einmal mehr als 5.000 Arbeiter getestet werden müssen. Die Mitarbeiter des Kreises Gütersloh werden bisher durch ehrenamtliche Helfer vom Malteser Hilfsdienst und vom Deutschen Roten Kreuz dabei unterstützt. Doch diese Hilfskräfte reichen nicht mehr aus.

Bundeswehr soll bei Test helfen

Landrat Sven-Georg Adenauer hat daher Amtshilfe bei der Bundeswehr beantragt. 13 Soldaten mit medizinischen Vorkenntnissen sollen am Freitag (19.06.2020) eintreffen, 12 weitere werden bei der Dokumentation helfen, so eine Sprecherin des Kreis Gütersloh.

Schon länger Neuansteckungen?

Isabella Eckerle, Leiterin der Forschungsgruppe Emerging Viruses in der Abteilung für Infektionskrankheiten der Universität Genf geht davon aus, dass es in dem Betrieb schon seit längerer Zeit Neuansteckungen gibt. Sie widerspricht damit einer Darstellung des Unternehmens.

Tönnies entschuldigt sich

Ein Sprecher des Fleischkonzern betont, Tönnies habe alles getan, das Virus aus dem Unternehmen zu halten. Mögliche Infektionsgründe aus Sicht des Unternehmens sind Wochenend-Besuche von Werksarbeitern in der Folge der Reiselockerungen.

Ansteckungsgefahr durch Arbeitsbedingungen?

Dazu kämen die kalten Temperaturen am Arbeitsplatz, die die Ausbreitung noch verstärkten. Laut Virologin Eckerle sind dagegen die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen offenbar mit den aktuell notwendigen Hygienemaßnahmen nicht gut vereinbar.

Betrieb bei Tönnies läuft weiter

Der Kreis Gütersloh hatte am Mittwochnachmittag die Schließung des Betriebs verfügt. Schlachtschweine werden nicht mehr angenommen, die Zerlege-Abteilung ist geschlossen. Dennoch läuft die Produktion vorerst weiter. Mehrere hundert Mitarbeiter sind am Donnerstag (18.06.2020) noch bei der Arbeit.

"In Absprache mit dem Gesundheitsamt"

Die jetzigen Schichten sollen das in Kühlhäusern gelagerte Fleisch verarbeiten. Das geschehe in Absprache mit dem Gesundheitsamt, so ein Konzernsprecher. Dies könne zwei Tagen dauern. Erst dann werde das Tönnies-Werk komplett geschlossen. Am Mittwoch hatte Güterslohs Landrat von einer Dauer von sieben bis 14 Tagen gesprochen.

Kita- und Schulschließungen ab Donnerstag

Landrat Adenauer ordnete an, dass wegen der Infektionen ab Donnerstag (18.06.2020) alle Schulen und Kindergärten im Kreis Gütersloh geschlossen werden. Er betonte, dass er verärgerte Eltern verstehen könne, aber es sei ein gutes Mittel um die Ausbreitung zu verhindern: "Dies ist besser als ein Lockdown für den Kreis Gütersloh."

Strafanzeige gegen Unternehmen

Die Bundestagsabgeordnete Britta Haßelmann zeigt sich entsetzt über die Lage im Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück und hat am Donnerstag Strafanzeige gegen das Unternehmen Tönnies gestellt. Der Ausbruch der Infektionen dort erkläre sich nur durch eine massive Nichteinhaltung von Arbeitsschutzstandards sowie unverantwortlicher Wohn- und Transportbedingungen, so Haßelmann.

Klinikum Bielefeld schränkt Besuche ein

Als erstes Krankenhaus der Region hat auch das Klinikum Bielefeld auf die Corna-Fälle reagiert. An allen drei Häusern in Bielefeld und Halle/Westfalen sind Patientenbesuche bis auf Weiteres nicht mehr möglich. Ausnahmen gelten nur bei Menschen in lebensbedrohlichen Situationen, teilt das Krankenhaus mit.

Besuchsverbote auch im Kreis Gütersloh

Auch die Kliniken im Kreis Gütersloh haben entschieden, ihre Häuser für Besucher zu schließen. Das Besuchsverbot für Klinikum, Sankt Elisabeth Hospital und das LWL-Klinikum in Gütersloh gilt ab sofort. In Rheda-Wiedenbrück hat das Sankt Vinzenz Hospital ein Besuchsverbot erlassen.

Stand: 18.06.2020, 18:30