Corona-Impfung mit Astrazeneca ausgesetzt - Bei diesen Symptomen zum Arzt

 Bianca Ahlemeier, Tagesmutter in der häuslichen Tagespflege mit fünf Kindern, wird im Kölner Impfzentrum von einer Ärztin mit dem Impfstoff von Astrazeneca geimpft

Corona-Impfung mit Astrazeneca ausgesetzt - Bei diesen Symptomen zum Arzt

Eine Impfung gegen das Coronavirus mit Astrazeneca löst bei einigen Geimpften schwere Reaktionen aus. Jetzt mehren sich Meldungen über Blutgerinnsel. Deshalb ist die Impfung mit dem Präparat vorsorglich gestoppt.

Der Impfstoff Astrazeneca könnte möglicherweise Thrombosen der Hirnvenen verursachen. Bislang gebe es sieben Fälle, die im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung stehen könnten, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag. Diese schwere Erkrankung sei "bei drei Fällen tödlich verlaufen", sagte der Präsident des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) Klaus Cichutek in den "Tagesthemen".

In Deutschland hat es nach Angaben des Robert Koch-Instituts fast 1,65 Millionen Impfungen mit dem Astrazeneca-Vakzin gegeben. In Nordrhein-Westfalen gibt es mehr als 346.000 Geimpfte. Die schweren Nebenwirkungen seien also "sehr selten aufgetreten", sagt Spahn.

Bei welchen Symptomen sollte ich zum Arzt?

Der Bundesgesundheitsminister empfahl den mit Astrazeneca Geimpften, bei deutlichen Beschwerden schnell zu reagieren: Wer sich mehr als vier Tage nach der Impfung zunehmend unwohl fühlt, zum Beispiel starke und andauernde Kopfschmerzen oder punktförmige Hautblutungen hat, sollte sofort einen Arzt aufsuchen.

Diese Symptome könnten bis zu 16 Tage nach der Impfung auftreten und sich auch verstärken, sagte PEI-Präsident Cichutek. Geimpfte hätten 16 Tage nach der Impfung nichts zu befürchten. "Hier kann ich Entwarnung geben."

Wie hoch ist das Risiko?

Das Risiko, an Covid-19 zu sterben, sei höher als durch eine Impfung mit dem Mittel eine Hirnvenen-Thrombose zu bekommen und daran zu sterben, sagte der Epidemiologe Dirk Brockmann vom Robert Koch-Institut.

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Die jetzt aufgetretenen Hirnvenen-Thrombosen seien sehr selten, erklärte das Paul-Ehrlich-Institut. In Deutschland komme diese Erkrankung etwa 50 Mal im Jahr vor, sagte der SPD-Gesundheitspolitiker und Mediziner Karl Lauterbach am Dienstag im "ARD-Morgenmagazin". Die Krankheit sei behandelbar.

Wann werden die Impfungen wieder aufgenommen?

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA erklärte, sie wolle den Impfstoff am Donnerstag erneut bewerten. PEI-Präsident Cichutek sagte dagegen, er gehe davon aus, dass die Analyse der Todesursachen noch diese Woche andauern werde. Die PEI-Experten sitzen in den EMA-Gremien. "Ich glaube, es ist ein gutes Signal für die Impfwilligen in diesem Land, dass wir wachsam sind, dass wir genau aufpassen und selbst bei kleinsten Signalen gucken, dass wir diese analysieren, bevor die Impfungen einfach weitergehen", sagte Cichutek.

Die Weltgesundheitsorganisation und die EU-Arzneimittelbehörde empfahlen auch am Montag, das Präparat weiter zu verimpfen. Auch in Österreich, Norwegen, Dänemark und Italien werden Todesfälle im Zusammenhang mit einer Astrazeneca-Impfung geprüft.

Warum setzen die Briten die Impfung fort, viele andere Länder nicht?

Das könne zwei Gründe haben, sagte PEI-Präsident Cichutek. Erstens seien wenige Fälle mit Komplikationen bekannt, auch weil Hirnvenen-Thrombosen bisher nicht im Fokus stünden. Zweitens impften die Briten eine andere Altersgruppen. Nach den Impfungen in Altenheimen werden dort schrittweise zunächst die Menschen über 80 Jahre geimpft, dann über 75, 70, 65 - und dann Gefährdete zwischen 16 und 65 Jahren. Parallel wird zum Beispiel auch medizinisches Personal geimpft.

Daher müsse jetzt im europäischen Verbund geprüft werden, "ob es sich tatsächlich um Fälle handelt, die vom Impfstoff verursacht wurden oder ob es zufällige statistische Fluktuationen sind", sagte Cichutek.

Ich habe einen Impftermin - was passiert jetzt?

"Bereits vereinbarte Termine mit diesem Impfstoff müssten die zuständige Stellen absagen", schreibt das Gesundheitsministerium des Landes. Dies betreffe nicht die Impfstoffe von Biontech und Moderna.

Was passiert mit der Zweitimpfung?

Alle Impfungen werden ausgesetzt - sowohl die erste als auch die zweite Dosis dürfen nicht verabreicht werden. Eventuell wird die zweite Astrazeneca-Dosis durch einen anderen Impfstoff ersetzt. Das muss aber noch geprüft werden.

Britische Mediziner erforschen gerade in einer klinischen Studie die Wirksamkeit der Kombination zweier unterschiedlicher Impfstoffe wie Astrazeneca und Biontech. Das hält auch Jürgen Zastrow, leitender Impfarzt in Köln, für eine mögliche Variante. Aber eigentlich, sagte er im "WDR Extra", ist er optimistisch, dass Astrazeneca bald wieder freigegeben wird. "Die erste Impfung war vor fünf Wochen, so dass wir noch vier bis sieben Wochen Zeitfenster bis zur Zweitimpfung haben."

Impfkomplikationen, Impfschaden, Impfreaktionen: Wo ist der Unterschied?

Unter "Impfkomplikationen" - oft auch als "Nebenwirkungen" bezeichnet - versteht man eine gesundheitliche Schädigung, die stärker als eine übliche Impfreaktion ist. Treten solche Symptome auf, prüfen Experten des Paul-Ehrlich-Instituts, ob es wirklich einen Zusammenhang gibt.

"Impfschäden" sind eindeutig auf die Impfung zurückzuführen und treten oft erst Jahre später auf - zum Beispiel Lähmungen.

"Impfreaktionen" dagegen sind mehr oder weniger unangenehme, aber harmlose Beschwerden, wie man sie auch von der Grippeimpfung kennt. Astrazeneca führt vor allem bei Jüngeren zu Reaktionen, die besonders heftig ausfallen können.

Welche Impfreaktionen sind möglich und im Rahmen des Üblichen?

Nebenwirkungen können auftreten - aber keine außergewöhnlichen.

Nebenwirkungen können auftreten - aber keine außergewöhnlichen.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) listet einige mögliche Reaktionen auf, die das Präparat im Körper auslöst. Sehr häufig, also in mehr als einem von zehn Fällen, tat es an der Einstichstelle weh, es gab Kopf- und Muskelschmerzen, Schüttelfrost und Übelkeit. Seltener (weniger als einer von zehn Fällen) traten Übelkeit, Durchfall oder Fieber auf.

Mit Bauchschmerzen, Schwindel und Hautausschlag reagierten weniger als einer unter 100 Geimpften. Laut RKI und Paul-Ehrlich-Institut sind das übliche Impfreaktionen, die auch bei anderen Impfstoffen auftreten können.

Warum sind teils die Reaktionen so heftig?

Dafür gibt es zwei Gründe: Je jünger jemand ist, desto aktiver ist das eigene Immunsystem - und um so heftiger fällt die Reaktion auf ein Virus aus. Fieber zum Beispiel ist oft höher als bei Älteren.

Außerdem handelt es sich - anders als bei Biontech oder Moderna - bei Astrazeneca um einen Vektor-Impfstoff: Die Bausteine für Teile des Covid-19-Virus, gegen die Antikörper gebildet werden sollen, werden mit einem simplen Erkältungsvirus eingeschleust – und darauf reagiert der Körper. Das Fieber zeigt dann, dass das Immunsystem funktioniert.

Die Reaktionen treten übrigens öfter auf als nach einer Grippeimpfung. Der Hersteller tröstet: Die Impfreaktionen fallen bei der zweiten Dosis viel schwächer aus.

Kann man etwas dagegen tun?

Das NRW-Gesundheitsministerium empfiehlt Medikamente, die man auch nach anderen Impfungen nehmen würde: Mittel zur Schmerzlinderung oder zum Senken des Fiebers. Nach ein paar Tagen sind die Impfreaktionen meistens ausgestanden. Wer sich nicht in der Lage sieht, zur Arbeit zu gehen, kann sich krankschreiben lassen.

Der Hersteller selbst hatte Studienteilnehmern Paracetamol gegeben - allerdings vor der Impfung. Dadurch wurden die Nebenwirkungen signifikant reduziert, schreibt das RKI.

Was ist mit Allergien?

Abgesehen von dem Verdacht, das Vakzin könne Thrombosen verursachen: Astrazeneca kann offensichtlich auch heftige allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock hervorrufen. Nach Überprüfung von insgesamt 41 Fällen bei fünf Millionen Impfungen kam die EMA jetzt zu dem Schluss, Anaphylaxie offiziell als Nebenwirkung zu benennen, die gemeldet werden muss. "Diese Informationen unterstreichen auch die Notwendigkeit einer angemessenen medizinischen Behandlung im Falle eines anaphylaktischen Ereignisses", so die EMA. "Personen, die nach der ersten Dosis des Impfstoffs eine solche Reaktion entwickeln, sollten keine zweite Dosis erhalten."

Kinderhand mit Notfall-Pen.

Beim allergischen Schock hilft nur schnelles Eingreifen

Zudem empfiehlt die EMA, jeden Geimpften 15 Minuten nach der Injektion zu überwachen. Und wer weiß, dass er übermäßig auf bestimmte Inhaltsstoffe wie Polyethylenglykol (PEG) reagiert, die im Vakzin verarbeitet sind, sollte sich nicht impfen lassen.

Aber: Solche allergischen Reaktionen gibt es auch nach Impfungen mit dem Biontech-Impfstoff. Übrigens: Menschen mit Heuschnupfen sind nicht besonders gefährdet.

Ist Astrazeneca gefährlicher als andere Impfstoffe?

Muskelschmerzen, Müdigkeit oder leichtes Fieber kann es auch nach einer Impfung mit den Impfstoffen von Biontech/Pfizer oder Moderna geben. Trotzdem werden bei Astrazeneca mehr Impfreaktionen gemeldet: 7,6 auf 1.000 Impfungen, bei Biontech oder Moderna waren es Medienberichten zufolge nur 1,6 bis 2,9 auf 1.000.

Das bedeutet aber nicht, dass Vektor-Impfstoffe schlechter verträglich sind, sagt das zuständige Paul-Ehrlich-Institut. Die Experten glauben eher, dass Astrazeneca einen schlechten Ruf als "Mittel der zweiten Wahl" hat - und Impfreaktionen deswegen schneller gemeldet werden.

Stand: 16.03.2021, 09:57