Corona in Altenheimen: Die erwartete Katastrophe

Ein Pfleger hält die Hand einer Bewohnerin im Altenheim

Corona in Altenheimen: Die erwartete Katastrophe

Von Jörn Seidel, Heike Zafar und Sabine Meuter

  • Pflegeheim-Besuchsverbot macht betroffen
  • Corona-Ausbruch in Sankt Augustiner Einrichtung
  • Hygiene-Professor: Mundschutz tragen

Es könnten die letzten Tage im Leben ihrer Mutter sein, sagt Katja Karuseit-David. 85 Jahre alt ist ihre Mutter. Sie ist demenzkrank und lebt in einem Essener Pflegeheim. Das Besuchsverbot für Altenheime in der Corona-Krise "zerreißt einem das Herz", bestätigt die Tochter dem WDR. Besonders schlimm sei es für ihren Vater: "Meine Eltern sind seit 65 Jahren miteinander verheiratet. Für ihn ist das eine Katastrophe."

Auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) bekümmern solche Fälle. Das Problem: Das Coronavirus ist gerade für alte, kranke Menschen hochriskant. Eine Lockerung des Besuchsverbots gibt es nicht - vorerst. So kann das aber nicht bleiben, hatte der Minister noch am Mittwoch (08.04.2020) bekräftigt.

Viele Corona-Tote auch in Pflegeheimen

Die zahlreichen Todesfälle durch das Coronavirus in Pflegeheimen machen das Verbot für viele verständlich. Mit Stand von Donnerstagabend (09.04.2020) gab es in NRW in 68 vollstationären Pflegeheimen insgesamt 174 Todesfälle von Bewohnern mit einer Corona-Infektion. "Ob die Corona-Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich insbesondere bei Menschen mit einer oder mehreren Vorerkrankungen in der Regel nicht eindeutig feststellen", sagte ein Sprecher des NRW-Gesundheitsministeriums am Freitag (10.04.2020) dem WDR.

Dem Sprecher zufolge gab es in NRW bislang in 151 vollstationären Pflegeheimen insgesamt 1.078 Bewohner, die mit dem Coronavirus infiziert waren. Bereits genesene Personen seien in dieser Zahl nicht enthalten. Zudem habe es in 213 vollstationären Pflegeheimen insgesamt 777 infizierte Mitarbeiter gegeben.

Katastrophenschutz unterstützt Einrichtung in Sankt Augustin

Körperkontakt zwischen Personal und Bewohnern: Das lässt sich nicht vermeiden. Und auch Pfleger haben soziale Kontakte. Ist das Virus erst mal im Heim, kann es sich dort rasant verbreiten.

Genau das ist jetzt in einem Seniorenheim in Sankt Augustin bei Bonn passiert. Dort wurden 38 Pflegekräfte positiv auf das Coronavirus getestet. Alle übrigen Mitarbeiter mussten in Quarantäne. Auch die Hälfte der 70 Heimbewohner wurde positiv getestet. Eine echte Katastrophe.

Weil der Betreiber des Heims kein Personal anderer Einrichtungen abziehen kann, halfen in der Nacht zu Karfreitag neben freiwilligen Helfern auch Mitarbeiter des Katastrophenschutzes.

Exner: Bewohner von Alten- und Pflegeheimen weiter streng schützen

Erst am Donnerstag (09.04.2020) hatte der Bonner Hygiene-Professor Martin Exner dafür geworben, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen weiter streng zu schützen. Ganz besonders wichtig aus Sicht von Exner: Das Tragen eines Mundschutzes in Altenheimen. Daher seien besonders in diesem Bereich Investitionen in Schutzmaterial notwendig.

Kein Zutritt – Wie gehen Sie damit um?

WDR 5 Tagesgespräch 02.04.2020 46:02 Min. Verfügbar bis 02.04.2021 WDR 5

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Für Angehörige wie Katja Karuseit-David kommt das vielleicht zu spät. Ohnehin darf sie ihre demenzkranke Mutter derzeit auch mit Schutzkleidung nicht besuchen.

Sogar telefonieren könne ihre Mutter praktisch nicht mehr. Denn durch die Isolation habe sie abgebaut, spreche schon nicht mehr, erzählt die Tochter. "Ich hoffe nur, dass ich mich wenigstens verabschieden kann, wenn das jetzt schlechter werden sollte bei ihr."

Stand: 10.04.2020, 16:37