Rabbit-Holes auf Telegram

00:31 Min. Verfügbar bis 04.02.2023

Deutsche Behörden führen erstmals Gespräche mit Telegram-Betreibern

Stand: 04.02.2022, 11:58 Uhr

Deutsche Behörden haben nun erstmals mit Telegram gesprochen. Bislang haben sich die Betreiber des Messengers erfolgreich in Dubai versteckt – und nahezu alle Anfragen und Anordnungen ignoriert. WDR-Digitalexperte Jörg Schieb erklärt, was die nun versprochene Zusammenarbeit bedeutet.

Von Jörg Schieb

Messenger hat seinen Firmensitz mittlerweile in Dubai

Seit Jahren schon versuchen deutsche Behörden und die Regierung, die Betreiber von Telegram zu kontaktieren. Bislang erfolglos. Denn die Betreiber des kostenlos nutzbaren Messengers Telegram sitzen schon seit einigen Jahren in Dubai. Die dortigen Behörden kooperieren in der Regel nicht.

Die Folge: Ob es um die Löschung von rechtswidrigen Inhalten, Bußgeldverfahren oder sogar die Drohung von Abschaltung durch Bundesinnenministerin Nancy Faeser ging: Die Betreiber von Telegram haben nicht reagiert. Der Staat erschien machtlos.

Google hat bei Kontaktaufnahme geholfen

Der Telegram-Messenger ist kostenlos und bietet mehr Funktionen als andere Messenger

Doch die Regierung hat die Bemühungen verschärft. Offenbar war der Digitalkonzern Google bei der Kontaktvermittlung behilflich. Nun ist es zu ersten Gesprächen mit Vertretern des Innenministeriums und der Konzernspitze von Telegram gekommen – per Video-Call. Laut Ministeriumssprecher ein "konstruktives Gespräch". Die Betreiber von Telegram haben am Ende angeblich "größtmögliche Kooperationsbereitschaft" mit den deutschen Behörden versprochen.

Was das genau bedeutet, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall soll Telegram einen "hochrangigen Ansprechpartner" bei Telegram genannt haben. Über den sollen Bundesregierung und Behörden künftig ihre Anliegen abwickeln.

Telegram bietet mehr Funktionen als andere Messenger

Auf Telegram kursieren besonders viele Verschwörungserzählungen und Falschmeldungen rund um Corona

Damit kommt Bewegung in eine Sache, die seit Monaten für zunehmenden Ärger sorgt. Der Messenger Telegram ist durch seine besondere Beschaffenheit ein ideales Werkzeug für Verschwörungstheoretiker und alle, die sich organisieren wollen.

Denn während Messenger wie WhatsApp, Telegram, Signal, Threema und all die anderen zwar auch Gruppen anbieten, in denen sich Menschen zusammenfinden und Nachrichten austauschen können (zahlenmäßig allerdings stark begrenzt), ist es jedem auf Telegram möglich, Gruppen mit bis zu 200.000 Nutzern und sogenannte "Kanäle" einzurichten.

Kanäle machen Telegram zum Massenmedium

Auf Telegram gibt es besonders viele Morddrohungen gegen Politiker

Über diese Kanäle lassen sich beliebig viele Menschen erreichen, da jeder Telegram-User sie frei abonnieren kann. Dort geteilte Inhalte sind also öffentlich zugänglich. Trotzdem greift das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) nicht richtig, weil Telegram in erster Linie ein Messenger und keine Plattform ist. Das NetzDG soll Hass, Hetze und Falschmeldungen eindämmen und zwingt Anbieter von Plattformen dazu, gemeldete Postings zu löschen. Bei Telegram aber funktioniert das nicht.

Hinzu kommt, dass die Betreiber von Telegram bislang nahezu alle Anordnungen, Bußgelder und Löschanordnungen ignoriert haben. Die Behörden schienen machtlos zu sein – was wiederum bei vielen Usern in Telegram Schadenfreude verursacht.

Ob und was sich durch die erfolgreiche Kontaktaufnahme ändert, bleibt abzuwarten. Aber offensichtlich ist es der Bundesregierung gelungen, genügend Druck auf Telegram aufzubauen. Es ist gut möglich, dass die Betreiber nun kooperieren.

Über den Autor

Jörg Schieb, WDR-Digitalexperte.

WDR-Digitalexperte Jörg Schieb

Jörg Schieb, Jahrgang 1964, ist WDR-Digitalexperte und Autor von 130 Fachbüchern und Ratgebern. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf unseren Alltag.

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