Hochwasser: War die Wuppertalsperre zu voll?

Kritik am Talsperren-Management Aktuelle Stunde 22.07.2021 UT Verfügbar bis 29.07.2021 WDR Von Felix Mannheim

Hochwasser: War die Wuppertalsperre zu voll?

Von Nina Magoley

Die Flut entlang der Wupper hätte weniger dramatisch sein können, wenn die Talsperre besser reguliert gewesen wäre. Das sagen Anwohner, die nun gegen den Wupperverband klagen.

Zu dem Horror völlig überfluteter Orte kam vergangene Woche zeitweise noch ein weiteres Schreckgespenst: Einige große Talsperren, die voll gelaufen waren, drohten zu brechen. Ein schnelles Ablassen des Wassers aber schien ebenso gefährlich, da es zu weiteren Überflutungen hätte führen können.

Auch an den Orten entlang der Wupper herrschte tagelang Zitterpartie: Die Wuppertalsperre war durch den Regen übervoll, der Druck auf die Talsperrenmauer enorm. Der Wupperverband entschied schließlich, das Wasser aus dem Stausee schrittweise abzulassen. Im Unterlauf der Wupper strömte dadurch noch mehr Wasser durch die Orte. Auch der See im idyllischen Stadtteil Beyenburg schwoll an und überflutete den historischen Ortskern.

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Andreas Bialas, SPD-Landtagsabgeordneter und Bezirksbürgermeister des Örtchens Langerfeld-Beyenburg, erhebt nun schwere Vorwürfe gegen den Betreiber der Wuppertalsperre. Die Talsperre sei schon vor dem Unwetter viel zu voll gewesen. "Wie soll sie im Notfall denn noch weiteres Wasser aufnehmen?" Bialas fordert, dass jetzt eine Staatsanwaltschaft ermitteln müsse, welche Informationen es gegeben habe und wer wann welche Entscheidungen getroffen habe - sowohl zur maximalen Befüllung der Talsperre als auch in den Tagen ab Montag, als sie begann, überzulaufen.

Erst mit Totenglocke schrillte Alarm

Blick auf randvolle Talsperre, daneben Fachwerkhäuser

Blick auf den randvollen Beyenburger See

Auch die Anwohner im idyllischen Wuppertal-Beyenburg sind wütend. Viele sind der Meinung, sie hätten "geopfert" werden sollen. Die Überschwemmung sei zudem ohne jede Vorwarnung gekommen - keine Sirene, keine Durchsagen. Erst, als ein Geistlicher die Totenglocke der Dorfkirche läuten ließ, seien sie alarmiert gewesen.

Der Wupperverband wehrt sich gegen diese Vorwürfe: Zum einen sei das extreme Ausmaß der Regenmengen "so nicht frühzeitig vorhergesagt worden", hieß es vor zwei Tagen in einer Erklärung. Und: "Um die Wupper-Talsperre ab Vorliegen einer konkreten Vorhersage für das Wuppergebiet um mehr als die Hälfte zu entleeren, reichte die Zeit nicht aus." Ein zu schnelles Ablassen des Wasser hätte zudem zu einer Flutwelle geführt noch vor dem eigentlichen Hochwasser.

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Als das Wasser in der Talsperre dann anstieg, habe der Wasserablass an den Unterlauf der Wupper stufenweise erhöht werden müssen. Ohne diesen kontrollierten Ablass, so der Verband, wäre das Hochwasser im Unterlauf deutlich schneller angestiegen. So haben man sogar eine weitaus größere Flutung der Wuppertaler Talachse verhindert.

Im Sommer möglichst viel Wasser stauen

Im Sommerhalbjahr sei außerdem in den Brauchwassertalsperren kein Hochwasserschutzraum vorgesehen. Im Gegenteil offenbar: Wegen der zunehmenden Dürresommer soll möglichst viel Wasser vorgehalten werden. Fakt ist wohl, dass es vergangene Woche innerhalb von 24 Stunden so viel regnete, wie sonst in gut einem Monat. Dadurch seien den Talsperren so hohe Mengen an Wasser zugeflossen, wie noch nie zuvor.

Auf WDR-Anfrage räumte der Wupperverband ein, die Strategie der Talsperren-Bewirtschaftung zu überdenken - vor allem für die Sommermonate.

Anwohner erheben Klage

Betroffen sind viele Anwohner in Wuppertal-Beyenburg, aber auch im angrenzenden Solingen-Kohlfurth. Rund 30 von ihnen haben mittlerweile eine Interessengemeinschaft Flutopfer gegründet und Strafanzeige unter anderem gegen den Wupperverband erstattet: Sie seien in der Flutnacht zu spät alarmiert worden und so in Lebensgefahr geraten. Viele befanden sich offenbar in ihren bereits nassen Kellern, als das Wasser plötzlich flutartig in die Häuser strömte. Für Donnerstagabend ist eine Bürgerversammlung in Wuppertal geplant. Dort soll es unter anderem um die Frage gehen, wer die Öffnung der Stauwehre angeordnet hat und wann.

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Stadt räumt "Schwachstellen" ein

Zeitungsberichten zufolge konnte ein 50-jähriger Mann gerade noch den Fluten entkommen. Andere Kläger sind nicht versichert und sitzen auf unübersehbaren Kosten. Die Stadt Wuppertal räumte inzwischen ein, dass die Analyse der Abläufe Schwachstellen zeige, die jetzt aufgearbeitet werden müssten. "Fehlende Sirenen, fehlender Handyempfang und zeitweise ausgefallene Warn-Messpegel haben die ohnehin Hochwasser-gefährdete Situation direkt am Stausee noch zusätzlich verschärft." Die Stadt zieht daraus Konsequenzen. In den Ortschaften Beyenburg und Kohlfurt sollen Sirenen und eine neue Pegelstandmessung aufgebaut werden.

Soforthilfe im Bürgerbüro

Opfer des Hochwassers können ab sofort 3.500 Euro Soforthilfe in den Bürgerbüros beantragen. Die Bundeswehr rückt am Freitag an, um die Anwohner zu unterstützten.

"Wir brauchen dringend Baustatiker, die uns sagen, in welcher Reihenfolge wir unsere Häuser renovieren sollen“, sagte der Schauspieler Harald Krassnitzer dem WDR. Er lebt mit seiner Frau Ann-Kathrin Kramer am Beyenburger Stausee und ist ebenfalls vom Hochwasser betroffen. Außerdem werden laut Krassnitzer Stützpfeiler benötigt, um die Decken der Häuser zu sichern.

Stand: 22.07.2021, 16:50

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