Nach dem Hochwasser: Schwere Vorwürfe gegen den Wupperverband

Nach Bürgerversammlung: Beyenburger:innen nicht zufrieden Lokalzeit Bergisches Land 23.07.2021 03:14 Min. Verfügbar bis 23.07.2022 WDR Von Johannes Rasch

Nach dem Hochwasser: Schwere Vorwürfe gegen den Wupperverband

Die Flut entlang der Wupper hätte weniger dramatisch sein können, wenn die Talsperre besser reguliert gewesen wäre. Das sagen Anwohner, die nun gegen den Wupperverband klagen.

Zu dem Horror völlig überfluteter Orte kam vergangene Woche zeitweise noch ein weiteres Schreckgespenst: Einige große Talsperren, die voll gelaufen waren, drohten zu brechen. Ein schnelles Ablassen des Wassers aber schien ebenso gefährlich, da es zu weiteren Überflutungen hätte führen können.

Auch an den Orten entlang der Wupper herrschte tagelang Zitterpartie: Die Wuppertalsperre war durch den Regen übervoll, der Druck auf die Talsperrenmauer enorm. Der Wupperverband entschied schließlich, das Wasser aus dem Stausee schrittweise abzulassen. Im Unterlauf der Wupper strömte dadurch noch mehr Wasser durch die Orte. Auch der See im idyllischen Stadtteil Beyenburg schwoll an und überflutete den historischen Ortskern.

Beyenburg: Forderung nach Frühwarnsystem vor Flutwellen Lokalzeit Bergisches Land 20.07.2021 06:50 Min. Verfügbar bis 20.07.2022 WDR Von Norbert Dohn

Bürgerversammlung am Donnerstag

In einer Bürgerversammlung am Donnerstagabend (22.07.2021) machten die Anwohner Stadt und Wupperverband schwere Vorwürfe. Sie seien viel zu spät gewarnt worden. Sie fühlten sich alleingelassen. Die meisten sind verunsichert. Ihre Häuser müssen komplett entkernt werden.

Besonders hart gingen die 50 Anwohner bei der Versammlung den Chef des Wupperverbandes an, weil die Talsperren so voll waren. Dieser aber blieb seiner Aussage. Danach war das Starkregenereignis nicht so langanhaltend und flächendeckend vorausgesagt.

Flutopfer brauchen Baustatiker

"Wir brauchen dringend Baustatiker, die uns sagen, in welcher Reihenfolge wir unsere Häuser renovieren sollen“, sagte der Schauspieler Harald Krassnitzer dem WDR. Er lebt mit seiner Frau Ann-Kathrin Kramer am Beyenburger Stausee und ist ebenfalls vom Hochwasser betroffen. Außerdem werden laut Krassnitzer Stützpfeiler benötigt, um die Decken der Häuser zu sichern.

Landtagsabgeordneter fordert personalle Konsequenzen

Andreas Bialas, SPD-Landtagsabgeordneter und Bezirksbürgermeister des Örtchens Langerfeld-Beyenburg, erhebt nun schwere Vorwürfe gegen den Betreiber der Wuppertalsperre. Die Talsperre sei schon vor dem Unwetter viel zu voll gewesen. "Wie soll sie im Notfall denn noch weiteres Wasser aufnehmen?" Bialas fordert, dass jetzt eine Staatsanwaltschaft ermitteln müsse, welche Informationen es gegeben habe und wer wann welche Entscheidungen getroffen habe - sowohl zur maximalen Befüllung der Talsperre als auch in den Tagen ab Montag, als sie begann, überzulaufen. Er forderte personelle Konsequenzen beim Wupperverband.

Erst mit Totenglocke schrillte Alarm

Blick auf randvolle Talsperre, daneben Fachwerkhäuser

Blick auf den randvollen Beyenburger See

Auch die Anwohner in Beyenburg sind wütend. Viele sind der Meinung, sie hätten "geopfert" werden sollen. Die Überschwemmung sei zudem ohne jede Vorwarnung gekommen - keine Sirene, keine Durchsagen. Erst, als ein Geistlicher die Totenglocke der Dorfkirche läuten ließ, seien sie alarmiert gewesen.

Der Wupperverband räumte bereits am Donnerstag (22.07.2021) ein, dass die Pegelstandsmessung nicht funktioniert habe. Eine neue Anlage werde installiert.

"Um die Wupper-Talsperre ab Vorliegen einer konkreten Vorhersage für das Wuppergebiet um mehr als die Hälfte zu entleeren, reichte die Zeit nicht aus." Ein zu schnelles Ablassen des Wasser hätte zudem zu einer Flutwelle geführt noch vor dem eigentlichen Hochwasser.

Was lernen wir aus dem Hochwasser?

WDR RheinBlick 23.07.2021 29:53 Min. Verfügbar bis 23.07.2022 WDR Online


Download

Als das Wasser in der Talsperre dann anstieg, habe der Wasserablass an den Unterlauf der Wupper stufenweise erhöht werden müssen. Ohne diesen kontrollierten Ablass, so der Verband, wäre das Hochwasser im Unterlauf deutlich schneller angestiegen. So haben man sogar eine weitaus größere Flutung der Wuppertaler Talachse verhindert.

Im Sommer möglichst viel Wasser stauen

Im Sommerhalbjahr sei außerdem in den Brauchwassertalsperren kein Hochwasserschutzraum vorgesehen. Im Gegenteil offenbar: Wegen der zunehmenden Dürresommer soll möglichst viel Wasser vorgehalten werden. Fakt ist wohl, dass es vergangene Woche innerhalb von 24 Stunden so viel regnete, wie sonst in gut einem Monat. Dadurch seien den Talsperren so hohe Mengen an Wasser zugeflossen, wie noch nie zuvor.

Auf WDR-Anfrage räumte der Wupperverband ein, die Strategie der Talsperren-Bewirtschaftung zu überdenken - vor allem für die Sommermonate.

Anwohner erheben Klage

Betroffen sind viele Anwohner in Wuppertal-Beyenburg, aber auch im angrenzenden Solingen-Kohlfurth. Rund 30 von ihnen haben mittlerweile eine Interessengemeinschaft Flutopfer gegründet und Strafanzeige unter anderem gegen den Wupperverband erstattet: Sie seien in der Flutnacht zu spät alarmiert worden und so in Lebensgefahr geraten. Viele befanden sich offenbar in ihren bereits nassen Kellern, als das Wasser plötzlich flutartig in die Häuser strömte.

Hochwasser-Betroffener: "Existenzen sind weg"

WDR 5 Morgenecho - Interview 21.07.2021 06:00 Min. Verfügbar bis 21.07.2022 WDR 5


Download

Stadt räumt "Schwachstellen" ein

Zeitungsberichten zufolge konnte ein 50-jähriger Mann gerade noch den Fluten entkommen. Andere Kläger sind nicht versichert und sitzen auf unübersehbaren Kosten. Die Stadt Wuppertal räumte inzwischen ein, dass die Analyse der Abläufe Schwachstellen zeige, die jetzt aufgearbeitet werden müssten. "Fehlende Sirenen, fehlender Handyempfang und zeitweise ausgefallene Warn-Messpegel haben die ohnehin Hochwasser-gefährdete Situation direkt am Stausee noch zusätzlich verschärft." Die Stadt zieht daraus Konsequenzen. In den Ortschaften Beyenburg und Kohlfurt sollen künftig wieder Sirenen vor Gefahr warnen.

Soforthilfe im Bürgerbüro

Opfer des Hochwassers können ab sofort 3.500 Euro Soforthilfe in den Bürgerbüros beantragen. "Bereits am Freitag konnten erste Beträge an die Betroffenen überwiesen werden", heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. Die Bundeswehr rückte mit schwerem Gerät an, um die Anwohner zu unterstützen.

Stand: 26.07.2021, 18:00

Aktuelle TV-Sendungen