Mädchen in Afghanistan: "Hoffnung auf eine respektvolle Zukunft"

Mädchen liest in einem Buch in einer Schule in Kabul

Mädchen in Afghanistan: "Hoffnung auf eine respektvolle Zukunft"

Vor fünf Monaten übernahmen die Taliban die Macht in Afghanistan. Seitdem ist alles anders für die Menschen dort - vor allem für Frauen und Mädchen. Es gibt gute und schlechte Nachrichten.

Ein Porträt von Naim Ziayee

Naim Ziayee kam in den 1980er Jahren nach Deutschland

Mehrmals pro Woche telefoniert Naim Ziayee mit seinem Team in Kabul und informiert sich, wie es den Menschen dort geht. Er ist Vorsitzender der Afghanischen Kinderhilfe Deutschland. Der gemeinnützige Verein betreibt von Düsseldorf aus zwei Tageskliniken und eine Mädchenschule im Großraum Kabul. Ziayee ist beeindruckt vom Mut der Menschen, wie er im WDR-Interview sagt.

Die afghanische Kinderhilfe Deutschland

Die Afghanische Kinderhilfe Deutschland e.V. (AKHD) wurde 2002 in Hagen mit dem Ziel gegründet, Kindern in Afghanistan zu helfen. Gründungsmitglieder waren Deutsche und Afghanen, die in den 1980er Jahren aus Afghanistan fliehen mussten und in Deutschland eine neue Heimat gefunden hatten. Unter ihnen der heutige Vorsitzende Naim Ziayee, der in Düsseldorf als Arzt tätig ist. Mittlerweile unterstützt der Verein im Großraum Kabul zwei Tageskliniken und unterhält eine berufsvorbereitende Mädchenschule. Der Verein mit Sitz in Düsseldorf finanziert sich über Spenden und hat etwa 100 Mitglieder, die Hälfte davon afghanischer Herkunft. Der Verein finanziert mit den Spenden vor allem die Gehälter der rund 40 Angestellten vor Ort.

WDR: Herr Ziayee, können die Mitarbeiterinnen in den drei Projekten ihre Arbeit fortsetzen?

Mädchen in einer Schule in Kabul machen Handarbeiten

Auf dem Programm stehen PC, Englisch, Nähen und Sticken

Naim Ziayee: Ja. Wir hatten die Einrichtungen nur einen Tag geschlossen. Die Taliban dulden unsere Mädchenschule, weil wir mit unseren Kliniken die Patientenversorgung aufrecht halten. Die Kliniken sind für die Taliban wichtig, auch sie kommen zu uns, denn viele Krankenhäuser in der Region mussten schließen. In der Schule sind nur Lehrerinnen und Schülerinnen. Auch das ist von Vorteil.

WDR: Vor der Machtübernahme hatten Sie rund 400 Schülerinnen an der Mädchenschule. Ist die Zahl stabil geblieben?

Ziayee: Wir haben zehn bis 15 Prozent weniger Schülerinnen. Diejenigen, die weiter weg wohnen, können sich die Fahrt zur Schule nicht mehr leisten. Selbst die 20 Cent Fahrtkosten sind zu viel. Die Armut ist ein Riesenproblem. Millionen Menschen hungern, auch in den großen Städten.

WDR: Müssen sich die Frauen verschleiern?

Lehrerin und Schülerinnen in einer Schule in Kabul

Die Taliban bestimmen die Kleiderordnung

Ziayee: Die Taliban haben kürzlich überall Bilder aufgehängt, auf denen zu sehen ist, wie sich Frauen bekleiden müssen. Die Mädchen an unserer Schule waren vorher schon relativ konservativ angezogen. Mädchen bis 14 Jahre kommen mit Kopftuch, die Älteren tragen Burka oder Niqab. Die Lehrerinnen kommen weiterhin westlich gekleidet - nur mit Kopftuch.

WDR: Bekommen sie keinen Ärger?

Ziayee: Sie werden von unseren Mitarbeitern mit Bussen zur Schule und wieder nach Hause gebracht. Sie sitzen hinten im Bus getrennt durch einen Vorhang zum Fahrer, der geschlossen ist, sollte es Kontrollen geben. Und auch die Schülerinnen werden von einem männlichen Familienmitglied auf dem Schulweg begleitet, damit sie keinen Ärger mit den Taliban bekommen.

WDR: Wie gehen die Mädchen mit der neuen Situation um? Haben sie noch Hoffnung für ihre Zukunft?

Mädchen in einer Schule in Kabul

Die Mädchen geben die Hoffung nicht auf

Ziayee: Das ist die schöne Seite: Die Mädchen haben ein enormes Interesse, etwas zu lernen, und sind motiviert, etwas aus ihrem Leben zu machen. Sie haben Hoffnung auf eine respektvolle Zukunft und dass sich die Situation im Land bald wieder ändert, denn Millionen Frauen dürfen derzeit nicht mehr arbeiten. Viele waren Hauptverdiener in der Familie, hatten ihren Mann im Krieg oder durch Krankheit verloren.

WDR: Kommen die Hilfen Ihres Vereins an?

Ziayee: Das Bankensystem funktioniert immer noch nicht, und leider kann man als kleine private Organisation im Moment keine Sachspenden nach Afghanistan schicken. Wir haben allerdings eine Möglichkeit gefunden, über einen befreundeten Geschäftsmann Geld zu schicken. Davon können die Projekte und Lebensmittel bezahlt werden.

Das Gespräch führte Susanne Schnabel.

Sie sind noch da - Frauen in Afghanistan

WDR 5 Scala - Hintergrund Kultur 13.12.2021 10:45 Min. Verfügbar bis 13.12.2022 WDR 5


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Stand: 15.01.2022, 12:31

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