"Die Taliban wollen, dass alle zur Arbeit kommen"

Mehrere junge Mädchen mit Kopftüchern und medizinischen Masken sitzen vor Computern.

"Die Taliban wollen, dass alle zur Arbeit kommen"

Die Taliban kontrollieren seit Sonntag auch die afghanische Hauptstadt Kabul. Nur der Flughafen wird noch von US-Militär gesichert. Wie erleben Hilfsorganisationen die Lage in Afghanistan?

Naim Ziayee ist Vorsitzender der Afghanischen Kinderhilfe Deutschland. Der gemeinnützige Verein betreibt von Düsseldorf aus zwei Tageskliniken und eine Mädchenschule im Großraum Kabul. Er hat die Hoffnung trotz der Machtübernahme durch die Taliban noch nicht verloren.

WDR: Herr Ziayee, überall auf der Welt macht man sich große Sorgen darüber, wie es den Menschen in Afghanistan geht. Was bekommen Sie davon mit?

Die afghanische Kinderhilfe Deutschland

Die Afghanische Kinderhilfe Deutschland e.V. (AKHD) wurde 2002 in Hagen mit dem Ziel gegründet, Kindern in Afghanistan zu helfen. Gründungsmitglieder waren Deutsche und Afghanen, die in den 1980er Jahren aus Afghanistan fliehen mussten und in Deutschland eine neue Heimat gefunden hatten. Unter ihnen der heutige Vorsitzende Naim Ziayee, der in Düsseldorf als Arzt praktiziert. Mittlerweile unterstützt der Verein im Großraum Kabul zwei Tageskliniken und unterhält eine berufsvorbereitende Mädchenschule. Der Verein mit Sitz in Düsseldorf finanziert sich über Spenden und hat etwa 100 Mitglieder, die Hälfte davon afghanischer Herkunft. Der Verein finanziert mit den Spenden vor allem die Gehälter der rund 40 Angestellten vor Ort.

Ein Porträt von Naim Ziayee.

"Hoffentlich haben die Taliban dazugelernt"

Ziayee: Ich telefoniere täglich mit der Leiterin unserer Projekte und muss sagen: Es geht ganz gut. Die Kommunikation funktioniert, die Taliban sind zwar da, die Lage ist bisher aber ruhig. Sonntagmittag wurden die beiden Tageskliniken und die Schule geschlossen, am Dienstag sollen sie aber wieder geöffnet werden. Die Taliban verlangen, dass alles normal weiter läuft. Und wir wollen vor Ort kein Problem verursachen, wir wollen Präsenz zeigen.

WDR: Wie kann diese Präsenz denn aussehen? Wir sprechen hier von einer Leiterin – und von einer Mädchenschule … Das geht unter den Taliban doch sicher nur vollverschleiert, wenn überhaupt?

Ziayee: Nein. Eine komplette Verschleierung hat da bisher noch niemand verlangt. Die Mädchen sollen weiter mit Kopftuch zur Schule kommen – das war bei den meisten bisher ohnehin so. Ich hoffe, dass ihnen diese Freiheiten erhalten bleiben und sie nur das Kopftuch tragen müssen.  Unter den Patientinnen der Tageskliniken waren viele bisher auch schon verschleiert, gezwungen wurde dazu niemand.

WDR: Aber wie laufen die Verhandlungen zwischen einer Leiterin und den Taliban ab?

Ein Mediziner mit Mundschutz bereitet eine Spritze für ein Baby vor.

Hoffnung auf ein bisschen Freiheit

Ziayee: Sie wird sich erstmal im Hintergrund halten, die Gespräche führt ein männlicher Kollege. Die Leitung kann sie wahrscheinlich weiter übernehmen. Die Taliban wollen ja, dass die Mädchen weiter zur Schule gehen und die Lehrerinnen erscheinen, auch die Geschäfte bleiben geöffnet. Im Norden des Landes sind die Taliban seit Wochen kooperativ. Ich habe dort zum Beispiel Kontakt zu einer Gynäkologin: Sie darf mit Burka weiter alleine arbeiten. Man konnte den Taliban erfolgreich klarmachen, dass bei den Untersuchungen gar kein Mann dabei sein darf!

WDR: Haben wir Grund zur Hoffnung?

Ziayee: Ich glaube, dass die Taliban nur eine Chance haben, wenn sie diesen Weg gehen, also den Menschen gewisse Freiheiten geben und regieren, ohne große Probleme zu machen. Und nicht die Fehler von vor 25 Jahren wiederholen, als man keine Musik hören durfte und die Frauen gar nichts durften. Ich glaube, dass sie gelernt haben … Die Taliban sind eine große Gruppierung, es gibt unter ihnen durchaus Gebildete. Es gibt aber auch welche, die keine Ahnung von Politik haben und schnell schießen. Wenn diese Leute eine entscheidende Position bekommen, dann sehe ich schwarz.

WDR: Sie selbst haben Afghanistan in den 80er Jahren verlassen können – was raten Sie den Menschen, die jetzt dort bleiben müssen?

Eine Frau mit einem Kopftuch und einer medizinischen Maske bearbeitet Dokumente.

Versuch, politisch neutral zu bleiben

Ziayee: Ich hoffe, dass die Menschen, die zum Beispiel für die Bundeswehr gearbeitet haben, da noch rauskommen, denn sie gelten bei den Taliban als Verräter. Mit unserer Organisation verhält es sich etwas anders. Wir finanzieren uns zwar aus deutschen Spendengeldern, aber ohne politischen Hintergrund – so verhandeln wir auch. Unsere Mitarbeiter vor Ort haben natürlich auch Angst, aber sie versuchen, neutral zu bleiben und vor allem ganz schnell wieder Normalität einkehren zu lassen. Alle sollen zur Arbeit erscheinen, dazu wurden sie auch von den Taliban aufgefordert.

Das Gespräch führte Jutta Hammann.

Stand: 17.08.2021, 06:00

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