Tagebau Garzweiler: Der letzte Kämpfer in Lützerath

Tagebau Garzweiler: Der letzte Kämpfer in Lützerath

Von Cengiz Ünal

Eckardt Heukamp muss mit ansehen, wie seine Heimat zerstört wird. Sein Hof aus dem 18. Jahrhundert liegt in Lützerath, das RWE für den Kohleabbau abbaggern will. Er könnte enteignet werden - und will kämpfen.

Eckardt Heukamp

Eckardt Heukamp

Gut 200 Meter sind die Bagger entfernt. Fast alles gehört in Lützerath inzwischen dem Tagebaubetreiber RWE. Nur der Hof von Eckardt Heukamp nicht. Alle anderen früheren Familien wurden umgesiedelt. "Dass Leute heute noch wegmüssen, um diese schmutzige Kohle zu verbrennen und dafür auch noch enteignet werden sollen, das ist für mich nicht nachvollziehbar", sagt der Landwirt. Wenn das Dorf zerstört wird, kann er nie wieder in seine Heimat zurückkommen, wo er aufgewachsen ist und fast sein ganzes Leben verbracht hat.

Von RWE fühlt sich Heukamp in die Ecke gedrängt. "Man ist sehr freundlich, wenn es um Verhandlungen geht. Man ist sehr freundlich, um die Ziele zu erreichen. Wenn die Leute das aber nicht so wollen, wie RWE das will, dann versuchen die das über die Druckschiene zu machen." Gegenüber von seinem Hof hat RWE bereits die ersten Häuser abgerissen. "Das war wie im Saharasturm. Wenn Sie hier gestanden hätten, wären sie in zehn Sekunden schmutzig gewesen. Das sind alles Dinge, die RWE natürlich macht, um mich einzuschüchtern."

Lützerath als Symbol des Widerstands gegen Kohleabbau

In seinem Kampf ist Heukamp nicht alleine. Immer mehr Umweltaktivist:innen zieht es zum Tagebau Garzweiler II. Sogar Greta Thunberg kam im September hierhin und forderte: "Wir stehen weiterhin für 1,5 Grad und schließen uns Ihrem Kampf zur Verteidigung von Lützerath an." Inzwischen leben etwa 200 Menschen in einem Camp auf dem Grundstück von Heukamp.

"Der Widerstand im Hambacher Forst hat gezeigt, dass wir was bewegen können", sagt David Dresen, der im bedrohten Nachbardorf Kuckum lebt. "Wir können die Orte am Tagebau, aber auch andere Dörfer in Deutschland vor der Zerstörung durch Braunkohle retten." Durch die Unterstützung schöpft Landwirt Eckardt Heukamp neue Hoffnung. "So hat man Leute, die einem den Rücken stärken. Wenn sie nicht da wären, gäbe es eine einseitige Präsenz von RWE."

OVG Münster entscheidet über Enteignung

Das Verwaltungsgericht Aachen entschied Anfang Oktober, dass der Landwirt enteignet wird. Rechtsanwältin Roda Verheyen, die Heukamp vertritt, kritisiert, dass keine Klimafragen geprüft wurden. "Alle Beteiligten wissen, dass die Verbrennung der Braunkohle unter Lützerath Milliarden von Klimafolgeschäden auslöst. Das heißt, wir haben eine völlig andere Abwägungssituation als wir sie vielleicht vor zehn Jahren hatten."

Das Bundesverfassungsgericht hatte im März bestätigt, dass Klimaschutz ein Grundrecht ist und den Gesetzgeber aufgefordert, nachzubessern. Mit diesem Argument zieht Heukamp jetzt vor die nächste Instanz. Bis zum 7. Januar soll das Oberverwaltungsgericht Münster entscheiden, ob Heukamps Grundstück in den Besitz von RWE übergeht – und Lützerath dem Erdboden gleichgemacht wird.

Stand: 01.11.2021, 20:09

Kommentare zum Thema

8 Kommentare

  • 8 HansSchwoll 02.11.2021, 12:51 Uhr

    Soweit mir bekannt ist hat Herr Heukamp sein Anwesen in Alt Borschemich ,vor einiger Zeit ,an RWE verkauft , da gabs wohl keine Probleme !!!!!!

  • 7 Christa 02.11.2021, 09:11 Uhr

    Unfassbar. Gerade wird beim Klimagipfel immer wieder betont "wie Ernst" die Lage doch sei. Und hier macht man einfach weiter als wäre nichts. Es ist einfach nicht zu glauben.

  • 6 Ungewitter 02.11.2021, 06:39 Uhr

    In den letzten Jahren haben sich die Aktivisten um die Dörfer die dem Tagebau weichen (Manheim bzw. Morschenich) nur bedingt interessiert. Nun werden das "Dorf" Lützerath (5 Häuser) Instrumentalisiert! Es wäre schön wenn in den nächsten Jahren auch von den Medien nicht immer RWE als die Bösen dargestellt werden. Der einzige Protagonist der sich in diesem Verfahren an Recht und Gesetz hält ist RWE!

  • 5 Peter Lohberg 01.11.2021, 22:55 Uhr

    Ich finde es ein Unding sich so an der Schöpfung zu vergreifen und Menschen auf solche Art und Weise ihrer Heimat zu berauben.Die Leute in den Chefetagen wissen nicht wie es einem Bauern geht der an seiner Scholle hängt und diese meist von seinen Vorfahren geerbt hat. RWE und Konsorten machen sich Regierungen untertan damit sie in deren Sinn agieren. Traurig ist das was dort passiert von den Medien nur Stiefmütterlich behandelt wird und über die Landesgrenzen von NRW kaum hinaus geht. Ich komme aus der Vulkaneifel und unsere Heimat wird von Lavatagebauen zerstört. Es verschwindenden zwar keine Dörfer aber der Schaden ist für uns auch nicht minder. So wie RWE die Regierenden in der Hand hat so sind es bei uns eine Hand voll Lavabarone die die Geschicke bestimmen und sich hinter einem Bergrecht verstecken das vielfach aus dem Dritten Reich stammt. Es muss sich jetzt was ändern. Versteckt euch nicht immer hinter angeblichem öffentlichem Interesse. Und Geld ist nicht Essbar

  • 4 Richard Rehacek 01.11.2021, 19:05 Uhr

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  • 3 R. Momper 01.11.2021, 15:40 Uhr

    Auf der Skala zwischen Klima-Leugner und Klima-Radikale gehe ich eher in Richtung Leugner, auf das Plattmachen von Dörfern sollte man aber trotzdem nach Möglichkeit verzichten. Jetzt ist das hier nicht so einfach den Bagger einfach mal ein Stück weiter zu fahren. „Eine völlig andere Abwägungssituation“ sehe ich nicht, aber auch nach der alten Abwägung sollte man Dörfern, Kirchen oder älteren Bauernhöfen einen erheblich höheren Wert zuweisen.

  • 2 Anonym 01.11.2021, 15:31 Uhr

    Unbegreiflich, beschämend und der Beweis für ungesunde Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaft. Gier und Macht vernichten Menschen und Umwelt.

  • 1 Skysegel 01.11.2021, 14:16 Uhr

    Wir sollten unbedingt und nachweisbar klären, wie wir den Energiebedarf der kommenden Jahrzehnte sichern können. Klimaschutz auf Augenhöhe mit Bevölkerungszufriedenheit. Stabilität der Gesellschaft darf kein Widerspruch zum Klimaschutz werden.

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