Wenn die Ohrfeige zur Regel wird

Ein Kind versucht, sich vor einer schlagenden Hand zu schützen

Wenn die Ohrfeige zur Regel wird

  • 30. April ist "Tag der gewaltfreien Erziehung"
  • Eine Ohrfeige sei ein Gewaltakt gegen Kinder
  • Sozialpädagoge: "Stresssituationen mit Kindern gibt es immer"

Ab und zu mal ein Klaps auf die Kinderfinger oder auch mal eine Ohrfeige - seit 19 Jahren ist das in Deutschland verboten. Denn seitdem haben Kinder und Jugendliche ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Daran erinnert seit 2004 jedes Jahr am 30. April der "Tag der gewaltfreien Erziehung".

Zwar lehnen viele Eltern Gewalt ab, Kinder und Jugendliche sind aber auch heute noch ganz unterschiedlichen Formen von Gewalt ausgesetzt. "Das fängt schon mit dem berühmten Klaps an. Auch Vernachlässigung und mangelnde Unterstützung sind eine passive Form von Gewalt", erklärt Marlis Herterich, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Köln.

Links mit Hilfsangeboten:

Gewalt oder Misshandlung?

Aber wo sind die Grenzen? Ist eine Ohrfeige etwa schon Kindesmisshandlung? "Das ist ein Gewaltakt gegen Kinder. Aber das muss keine Kindesmisshandlung sein", erklärt Claus Gollmann von "KiD". Der Sozialpädagoge bietet in seiner stationären Einrichtung in Düsseldorf Hilfe für gewaltgeschädigte Kinder an. "Wir reden nur dann von Kindesmisshandlung, wenn die Gewalt ein ständiges Mittel in der Erziehung ist", erklärt Gollmann.

Schläge im Affekt

Claus Gollmann

Gollmann: "Das kommt in jeder Familie vor."

"Wenn Sie beobachten, dass ein Kind irgendwo im Affekt geschlagen wird, ist das natürlich auch eine Gewaltform gegen das Kind", führt Gollmann aus. Wenn der Erwachsene dann aber in der Lage wäre, die Situation mit dem Kind zu besprechen, sich zu entschuldigen, "dann hat das eine andere Bedeutung, als wenn ein Kind ständig Gewalt ausgesetzt ist.". Denn: "Stresssituationen mit Kindern gibt es immer. Das kommt in jeder Familie vor." Wichtig wäre stets, die Situation mit dem Kind zu besprechen.

Wichtig, mit dem Kind zu sprechen

Auch bei kleinen Kindern könne man sich entschuldigen, betont Gollmann. "Kinder müssen ja auch lernen, ihre Gefühle zu kontrollieren. Und das lernen sie durch uns. Und wenn ich in der Lage bin, mich bei meinem Kind zu entschuldigen, dann ist das auch für das Kind eine Lernerfahrung."

Kinderschutzhotline für Profis

WDR 5 Quarks - Topthemen aus der Wissenschaft 21.01.2019 05:45 Min. WDR 5

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Anders sei es, wenn Kinder oft geschlagen werden, ohne dass darüber gesprochen werde. "Dann werden Kinder das immer auf sich beziehen - und denken, sie machen etwas falsch. Kinder neigen immer dazu, sich selber die Schuld zu geben."

Kinderrechte vor Gericht

Das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung wurde im Jahr 2000 ins Bürgerliche Gesetzbuch aufgenommen. Dennoch plädiert der Kinderschutzbund für entsprechende Qualifikationen und Fortbildungen von Richtern und Staatsanwälten. Zudem hat der Verband eine Arbeitsgemeinschaft "Kindgerechte Justiz" gegründet, die der Frage nachgeht, wie den Kinderrechten im Justizsystem besser Geltung verschafft werden kann.

Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) - §1631 Inhalt und Grenzen der Personensorge

(1) Die Personensorge umfasst insbesondere die Pflicht und das Recht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen.

(2) Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.

(3) Das Familiengericht hat die Eltern auf Antrag bei der Ausübung der Personensorge in geeigneten Fällen zu unterstützen.

Quelle: Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz

Stand: 30.04.2019, 07:40

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